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Heiratswilliges Bergdorf der Calauer Schweiz

Spaziergänge oder Radtouren mit Mischlingsrüde Bodo zählen zum täglichen Ritual von Marlies und Paul Skomda. Weitab hektischer Städte ist es nur ein Schritt vom heimischen Hof in den Naturpark Niederlausitzer Landrücken und ins Naturschutzgebiet Calauer Schweiz.
Spaziergänge oder Radtouren mit Mischlingsrüde Bodo zählen zum täglichen Ritual von Marlies und Paul Skomda. Weitab hektischer Städte ist es nur ein Schritt vom heimischen Hof in den Naturpark Niederlausitzer Landrücken und ins Naturschutzgebiet Calauer Schweiz. FOTO: U. Hegewald/uhd1
Gosda. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Gosda (Amt Altdöbern). Uwe Hegewald / uhd1

Ohne großes Aufsehen geht in Gosda (Gemeinde Luckaitz tal) ein historisches Jahr vorüber. Zum 350. Mal wiederholte sich die erste urkundliche Erwähnung des Dorfes im Herzen des Naturparks Niederlausitzer Landrücken.

Gosda führt mit den Nachbardörfern Weißag und Zwietow seit vielen Jahren eine funktionierende Dörfer-Ehe. Dabei gilt Gosda als das am höchsten gelegene Bergdorf auf der Süd- und Sonnenseite der Calauer Schweiz.

Vermählungen spielten in Gosda schon immer eine besondere Rolle: 1992 sagten die Einwohner Ja zum Beitritt in das Amt Altdöbern, 2002 Ja zur Allianz mit insgesamt neun Dörfern, die sich zur Gemeinde Luckaitztal formierten.

Da passt es nur allzu gut, dass die Gosdaer mit Marlies Skomda (64) eine langjährige Standesbeamtin in ihrer Dorfgemeinschaft wissen. Zwischen 2003 und 2012 hatte sie insgesamt 112 Ehepaare getraut - im Altdöberner Trauzimmer im Rathaus oder im Schlosspark, im Bürgertreff am Neupetershainer Wasserturm, auf Gut Geisendorf und in der Kunstscheune Pritzen.

"Als ich 2012 in den Ruhestand ging, hatte ich schon meine Bedenken, dass mir die Decke auf den Kopf fallen könnte. Bei meiner früheren Tätigkeit im Einzelhandel und später in der Amtsverwaltung hatte ich doch immer Leute um mich", begründete Marlies Skomda ihre Sorge, "den Anschluss verlieren zu können." Neue Ziele mussten her, um einer Vereinsamung im abgelegenen Bergdorf der Calauer Schweiz entgegenzuwirken.

Marlies Skomda betreut eine pflegebedürftige Person, besucht die regelmäßigen Treffen der Frauensportgruppe und ist täglich früh auf den Beinen, um mit Bodo eine gemeinsame Runde zu drehen. Acht Jahre alt ist der Rüde, ein Retriever-Beagle-Mischling, der sie und Ehemann Paul Skomda (79) in Bewegung hält.

2014 schaffte es Marlies Skomda auf Anhieb in die Luckaitztaler Gemeindevertretung. Dabei gelang ihr das, wonach in Amerika derzeit die Clintons streben: das Fortführen eines politischen Amtes durch die Ehegattin. Mit ihrem Erfahrungsschatz aus der Amtsverwaltung beerbte Marlis Skomda ihren Mann, der zuletzt nicht mehr für einen Sitz im Gemeindeparlament kandidierte. 46 Jahre war Paul Skomda als Bürgermeister, Ortsvorsteher oder Gemeindevertreter tätig gewesen, darunter in den Gemeinden Altdöbern, Gosda und Kemmen/Säritz (heute Stadt Calau).

Heute sind es die kleinen Eheschließungen, die die rastlose 64-Jährige antreiben. "Gemeinsam mit dem Bergdörfer-Verein ist unser Dörfer-Trio bemüht, das gesellschaftliche und gesellige Miteinander im Lot zu halten", sagt sie. Fastnacht, Kirmes und Dorffeste werden gemeinsam gestaltet und Unterstützung zugesichert, wenn diese benötigt wird. "Man ergänzt sich. Was wir nicht brauchen, ist eine lokale Lagerbildung, die nur für Unruhe sorgt."

Dörfliche Harmonie sei die passende Ergänzung zur idyllischen Landschaft, die mit ihren Höhenzügen, Tälern, Bachläufen und Wanderwegen zu den attraktivsten Gegenden der Niederlausitz zählt. "Wir spüren das immer in der Pilzsaison und wenn mal wieder Radtouristen an unserem Haus vorbeifahren", führt Paul Skomda an.

Viele Jahre engagierte sich das Paar im Seesport- und Yachtclub Goyatz, bereiste Städte und Länder, um in Erfahrung zu bringen, wie lebenswert doch die vertraute Heimat ist. "Wir waren mit dem eigenen Auto bis in Barcelona und haben nach unserer Rückkehr das umgebende Grün erst richtig wahrgenommen. Mit jedem weiteren Lebensjahr weiß man lokale Vorzüge zunehmend zu schätzen", stellt Paul Skomda klar.

Nahezu perfekt scheint das Leben im heiratswilligen Bergdorf, wären da nicht die Schattenseiten, der eigentlichen Vernunftehen mit Land- und Forstwirtschaft. Die Leute beklagen den rigorosen Umgang mit der Landschaft. "Meterhoch türmen sich Berge von Kronenholz auf, die bis zum Schreddern monatelang im Wald verharren", nennen die Skomdas ein Beispiel. Auch sind Anwohner über die Auswüchse einer Ausbreitung von Ambrosia verärgert. In diesem Jahr sei das Feld eines Agrar-Großbetriebes geradezu von der Allergiepflanze übersät gewesen. Das wiederum lässt Befürchtungen aufkommen, Ambrosia könnte sich flächendeckend über das Naturschutzgebiet Calauer Schweiz ausbreiten.

"Ebenso verbesserungsfähig sind Internetzugang und -qualität im Dorf. Wir haben den Eindruck, dass wir beim Tilgen der weißen Flecken schlichtweg vergessen werden", kritisiert Marlies Skomda. Möglicherweise schlägt bei diesbezüglicher Kritik auch das Herz einer früheren Standesbeamtin mit, habe es sich doch längst zum Trend entwickelt, dass sich Paare übers Internet kennenlernen - und irgendwann heiraten.

Zum Thema:
Die Einwohnerzahl von Gosda schwankt seit Jahrzehnten zwischen 55 und 65. 2014 ist Petra Richter zur Ortsvorsteherin gewählt worden; Stellvertreter ist Mario Ruckdäschel (beide Zwietow). Mit André von Martens lebt ein bedeutender Keramikmeister mit eigener Werkstatt in Gosda. Für seine Schwarzkeramik hat das Mitglied der BKV, München und der International Academy of Ceramics, Genf, schon mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten. Gosda verfügt über eine aktive freiwillige Feuerwehr mit starken Feuerwehrsportlern. Bei der Nachwuchsriege haben sich Mädchen und Jungen auch aus Nachbardörfern hinzugesellt und so für zusätzliche Verstärkung gesorgt. Im Jahr 2010 eilten sie sogar zum Vizemeistertitel des Landes Brandenburg.In unmittelbarer Nachbarschaft der Bergdörfer und einem Großteil auf der Gemarkung Gosda befindet sich der Segelflugplatz Bronkow.