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| 17:30 Uhr

Pflegefall Lausitz
Heimkosten eilen Einkommen davon

Der Bedarf an Heimplätzen für Pflegebedürftige wird in den nächsten Jahren auch in der Lausitz weiter steigen. Die stationäre Pflege aber wird für die hochbetagten Leute und deren Angehörige immer schwerer bezahlbar.
Der Bedarf an Heimplätzen für Pflegebedürftige wird in den nächsten Jahren auch in der Lausitz weiter steigen. Die stationäre Pflege aber wird für die hochbetagten Leute und deren Angehörige immer schwerer bezahlbar. FOTO: Oliver Berg / picture alliance / dpa
Senftenberg. Der Pflegefall Lausitz wird für die nächste Generation hoch betagter Menschen ein noch größeres Problem. Von Kathleen Weser

Die Kosten der Pflege steigen. Auch im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Denn der Anteil der hoch betagten Mitbürger an der Bevölkerung wächst - und damit auch das Risiko zum Pflegefall.

Noch sind die Heimplätze bezahlbar. Denn die meisten Menschen, die auf die stationäre Hilfe nicht mehr verzichten können, sind derzeit Bergbau-Rentner mit solidem Einkommen. Aber schon in wenigen Jahren wird die Generation der Senioren stark pflegebedürftig, deren Erwerbsbiografien durch den massiven Arbeitsplatzverlust in Folge der politische Wende in der Lausitz gebrochen wurden. Da viele Menschen der Geburtsjahrgänge der 50er dadurch nur Mindestbeiträge in die Pflegekassen eingezahlt haben, werden die künftigen Pflegebedürftigen selbst deutlich weniger leistungsfähig sein.

Derzeit zahlt der Landkreis Oberspreewald-Lausitz im Jahr etwa 2,25 Millionen Euro an Hilfen zur Pflege aus. Bis zum Jahr 2030 ist hier mit einer Verdoppelung der Aufwendungen, die auch das Land Brandenburg teilweise mitfinanziert, auf etwa 5,3 Millionen Euro zu rechnen. Das bestätigt Sozialdezernent Alexander Erbert (CDU).

Dazu kommt, dass die Demografie-Falle in der Lausitz bereits zugeschnappt ist: Mit dem Bevölkerungsschwund durch Abwanderung und ausgebliebenen Nachwuchs zahlen immer weniger Berufstätige in das System ein. Und Fachkräfte, an denen in der Pflege bereits akuter Mangel herrscht, werden noch rarer. Denn auch auf den Arbeitsmarkt strömen weniger Leute.

„Pflege ist eine verantwortungs- und anspruchsvolle Tätigkeit. Die Aufwertung der Pflegeberufe ist überfällig“, sagt Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler. Der Schlüssel liege in einer angemessenen Bezahlung sowie guten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen.

Die stationären Einrichtungen der Lausitz setzen inzwischen auf Tariflöhne. Mit der Paritätischen Tarifgemeinschaft (PTG) werden für die Sozialwirtschaft einschließlich stationärer und ambulanter Pflege im Land Brandenburg bereits seit März vergangenen Jahres wieder Tarifverhandlungen geführt. „Es liegt noch keine Einigung vor“, sagt Ralf Franke, Gewerkschaftssekretär im Verdi-Bezirk Cottbus für den Fachbereich Gesundheit, Soziale Dienste, Wohlfahrt und Kirchen.

In der Lausitz ist das Seniorenzentrum Albert-Schweitzer, das im  Landkreis Elbe-Elster drei Pflegeheime in Finsterwalde, Herzberg und Doberlug-Kirchhain betreibt und vier ambulante Dienstleister an vier Standorten hat, tarifgebunden. Auch der Regionalverband Südbrandenburg der Arbeiterwohlfahrt (Awo) mit fünf Pflegeheimen in Calau, Cottbus, Schlieben, Mühlberg und Falkenberg sowie vielen Standorten ambulanter Pflege ist im Boot. Der Ortsverband Lübbenau des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) mit zwei stationären Einrichtungen in Lübbenau und Vetschau sowie die Gesellschaft für SeniorenDienste in Berlin/Brandenburg mit dem Pflegeheim Mückenberger Ländchen in Lauchhammer  sind tarifgebunden. In Spremberg, Cottbus und Brieske ist dies auch der Fall. „Gute Pflege ist nur mit ordentlicher Bezahlung und geregelten Arbeitszeiten zu sichern. Die Pflegeberufe müssen attraktiver werden“, bestätigt auch der Sozialdezernent des Oberspreewald-Lausitz-Kreises, der hier aber gleichzeitig auch die steigenden Kosten mit größter Sorge betrachtet.

Neben den Leistungen der Pflegekasse als Teilversicherung, die fest verbriefte Größen nach bestätigtem Pflegegrad sind, haben die stationär betreuten Menschen für den Heimplatz immer höhere Selbstkostenanteile zu schultern. Zwischen 1200 Euro im Pflegeheim Brieske (hier laufen aktuell Tarifverhandlungen) in Senftenberg und 1800 Euro im Heim „Arche Noah“ in Ortrand liegt dieser Betrag pro Monat derzeit. Die leistungsfähigen Angehörigen der Pflegebedürftigen beklagen, sie werden immer stärker zur Kasse gebeten. Im vergangenen Jahr sind in Oberspreewald-Lausitz bis zu 500 Euro monatlich mehr auf die Familien umgelegt worden. Und die nächsten Steigerungen stehen schon an. Denn die Investitionsförderprogramme, die in den 90er-Jahren für stationäre neue Heimplätze aufgelegt worden waren, sind längst ausgelaufen. Das Fördergeld wirkte kostenentlastend. Doch nun zeichnen sich Sanierungsbedarfe ab.

Eigentümer frei kreditfinanzierter Altenheime legen die Refinanzierung indes auf die Heimkosten und damit auf den Selbstkostenanteil der Bewohner und Angehörigen um. Eine dramatische Folge: Aufnahmeanträge von Pflegebedürftigen mit geringen Einkommen werden bereits abgelehnt.