Von Torsten Richter-Zippack

Die August-Bebel-Straße ist derzeit eine Großbaustelle. Seit März wird die Nord-Süd-Verbindung grundhaft saniert. Derzeit sind die Arbeiter mit der Erneuerung des Schmutzwasserkanals im nördlichen Teil der Trasse beschäftigt. Er befindet sich bis zu fünf Meter tief unter der Fahrbahn.

Rund 90 Jahre ist die Straße sanierungstechnisch nicht mehr angefasst worden. In den Jahren 1928/1929 wurde die damalige Bismarckstraße an das Senftenberger Abwassernetz angeschlossen. Anwohnerin Monika Gertler hat ein Foto gefunden, das die damaligen Bauarbeiten direkt vor ihrem Haus zeigt. „Das Bild präsentiert einen Bautrupp der Franke-Werke, datiert auf den 20. November 1928. Ein Nachbar hat es mir überlassen, weil ich mich für die Geschichte unserer Straße interessiere“, berichtet die 77-Jährige. Den Bauarbeitern standen damals nur Schippen und Spitzhacken zur Verfügung, alle Tätigkeiten erfolgten per Hand.

„Bevor diese Arbeiten begannen, war die einstige Ortsdurchfahrt von Thamm, einem Vorwerk, eine echte Bauernstraße, befestigt mit Feldsteinen. Die Lausitzer sagen dazu Katzenköppe“, erklärt Gertler. Nach dem Abschluss der Leitungsverlegung diente Granitpflaster als Fahrbahn.

Indes wurden, so hat die pensionierte Lehrerin recherchiert, Ende der 1920er-Jahre nicht alle Grundstücke in ihrer Straße an die Senftenberger Kanalisation angeschlossen. „Bei manchen kam das Abwasser erst ein halbes Jahrhundert später. Die Leute hatten nicht das nötige Geld für diese Massnahme“, begründet Gertler.

Ihr eigenes Gehöft, Monika Gertler wurde in einem der über 200 Jahre alten Giebelhäuser geboren, erfuhr in der Mitte des 20. Jahrhunderts seinen Anschluss an das zentrale Trinkwassernetz. „Zuvor wurde es beim Nachbarn geholt“, sagt die Senftenbergerin.

Neben Gertlers Hauseingang befand sich einst ein Brunnenring, in den die Trinkwasserleitung einmündete. „Im Winter wurde dort immer ein Eimer mit brennender Kohle hinein gehalten, damit das Wasser nicht gefrieren konnte. Und im Sommer habe ich mir dort die Füße gewaschen“, erinnert sich die 77-Jährige.Den Brunnenring gibt es schon lange nicht mehr, wohl aber Reste des alten Straßenpflasters. Monika Gertler hat sich indes mit Erlaubnis des Rathauses einige alte Straßenpflastersteine gesichert. „Damit soll ein Wintergarten errichtet werden“, kündigt sie an.

Laut dem städtischen Tiefbauamtsleiter Frank Hellmund wird in die August-Bebel-Straße kein neues Pflaster mehr eingebaut, sondern Asphalt. Das dämpfe die Geräusche der Fahrzeuge um immerhin drei Dezibel, heißt es aus der Verwaltung.

Monika Gertler ist mit den aktuellen Bauarbeiten sehr zufrieden: „Alles geht zügig von der Hand, und die Arbeiter sind immer zuvorkommend. Ich habe keinen Grund zur Klage.“ Die 77-Jährige trauert zwar noch den Bäumen nach, die einst vor ihrem Haus am Straßenrand standen und die auch auf dem Foto aus dem Jahr 1928 zu sehen sind. Letztendlich haben ihnen Wind und Wetter so zugesetzt, dass sie entfernt werden mussten. „Aber mir wurde mitgeteilt, dass vor meinem Anwesen wieder ein Baum gepflanzt werden soll. Darauf freue ich mich schon.“ Tatsächlich plant die Stadt die Anpflanzung von 38 Chinesischen Wildbirnen in der August-Bebel-Straße. Sie soll damit teilweise ihren historischen Alleen-Charakter zurückerhalten. Im Nordteil, also dort, wo Monika Gertler wohnt, kommt allerdings nur eine Baumreihe in den Boden. Anlass bildet die dortige Vielzahl der unterirdisch verlegten Medien.

Die Bauarbeiten in der wichtigen Nord-Süd-Verbindung liegen laut dem Rathaus im Zeitplan. Der planmäßige Abschluss soll Mitte 2020 erfolgen. Von der Baumaßnahme sind 45 Anlieger betroffen. Senftenberg investiert rund 1,3 Millionen Euro, davon zwei Drittel aus Fördertöpfen. Die August-Bebel-Straße ist eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Senftenbergs. Sie gilt als Alternative zur viel befahrenen Bahnhofstraße.