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Pfarrsprengel Kroppen-Lindenau
„Heiligabend ist ein schöner Arbeitstag“

Mit ihrer Erzähl-Krippe war Angelika Scholte-Reh im Advent in den Kindertagesstätten ihres Sprengels Kroppen-Lindenau unterwegs und erzählte die Weihnachtsgeschichte. Das ist ihr Herzenssache und Kraftquell zugleich.
Mit ihrer Erzähl-Krippe war Angelika Scholte-Reh im Advent in den Kindertagesstätten ihres Sprengels Kroppen-Lindenau unterwegs und erzählte die Weihnachtsgeschichte. Das ist ihr Herzenssache und Kraftquell zugleich. FOTO: Heidrun Seidel
KROPPEN. Pastorin Angelika Scholte-Reh predigt morgen gleich in vier Kirchen ihres Sprengels. Das ist anstrengend, aber auch bereichernd. Von Heidrun Seidel

Kurz vor Mitternacht kann Angelika Scholte-Reh am Sonntag endlich die Füße hochlegen. Dann ist ein Arbeitstag geschafft, der für die 54-jährige Pastorin zu den intensivsten des Kirchenjahres gehört: der Heilige Abend. Die Advents- und Weihnachtszeit ist neben Ostern kirchliche Hoch-Zeit.

Um 14 Uhr beginnt dieser besondere Arbeitstag für die Pastorin. In vier ihrer fünf Kirchen des Pfarrsprengels Kroppen-Lindenau im südlichsten Zipfel des Oberspreewald-Lausitz- und des Elbe-Elster-Kreises  wird sie den Weihnachtsgottesdienst, in denen auch die Kinder ihre Krippenspiele vorführen, abhalten.

Dass das ein anstrengender Tag wird, stört sie nicht. Auch nicht, dass sie auf den Straßen zwischen ihren Dörfern hin und her saust, während andere langsam zur Ruhe kommen und besinnlich beieinander sitzen. „Das habe ich so gewollt. Auch deshalb bin ich Pastorin geworden“, sagt sie.

Dabei war ihr dieser Weg nicht in die Wiege gelegt. Zwar kommt sie aus einer frommen evangelischen Familie mit Gemeindekirchenrats-Traditionen, doch in der Bauernfamilie am Niederrhein war es nicht selbstverständlich, dass das Mädchen studieren würde – und auch noch Theologie. Als sie aber mit 13 Jahren eine Berufungserfahrung, wie sie ihren Entschluss nennt, hatte und von nun an unbeirrt ihrem Ziel folgte, war es Großmutter Henriette, die sie bestärkte. Die Enkelin solle das machen können, was ihr – Jahrgang 1900 – nie vergönnt war. So sparte die Oma von der mageren Rente monatlich 100 Mark, um das Mädchen schließlich gut ausstatten zu können auf ihrem Weg.

Angelika Scholte-Reh erinnert sich mit einem zärtlichen Lächeln an die Fürsorge von Großmutter Henriette und hält einen Moment inne, ehe sie wieder ganz bei sich und der geschäftigen Weihnachtswoche ist. „Heiligabend ist für mich ein sehr schöner Arbeitstag“, sagt sie mit fester Stimme.

Schon seit Tagen freut sie sich darauf, dass  800 bis 1000 Menschen in die evangelischen Kirchen ihres Sprengels mit den Dörfern Schraden, Tettau, Lindenau, Frauendorf und Kroppen kommen werden, um die Weihnachtsbotschaft zu hören und so auch ganz feierlich in Weihnachtsstimmung zu kommen. Da grämt es sie auch nicht, dass das im Verlauf des Jahres nicht immer so ist. Mit 30 Prozent hat ihre Region aber immer noch mehr Kirchenmitglieder als andere Brandenburger Gegenden. „Es ist schön, wenn die Kirche voll ist am Heiligabend, die Menschen bereit sind, zuzuhören und mitzusingen.“

Und darauf hat sie sich auch mit fast einem Vierteljahrhundert Berufserfahrung wieder voll Leidenschaft vorbereitet. „Ich könnte nicht einfach Jahr für Jahr die gleiche Predigt halten“, sagt sie. „Die Zeiten ändern sich, die Menschen ändern sich und ich mich doch auch.“ Das müsse sich in dem widerspiegeln, was sie zu sagen habe. Jede Predigt diene schließlich dazu, miteinander ins Gespräch zu kommen, „in Verantwortung vor Gott und in Redlichkeit vor sich selbst“.

Sie nimmt sich Zeit, um die richtigen Worte zu finden. Gespräche mit Ehrenamtlichen oder Gemeindegliedern, das Nachschlagen in der Bibel oder Literaturstudium lassen die Gedanken reifen. „Ich habe bei vielen Menschen Unsicherheiten gespürt, die sie angesichts der politischen Weltlage und auch der Veränderungen in unserem Land umtreiben“, beschreibt Angelika Scholte-Reh. Immer mehr Ängste vor dem Morgen beschäftigen die Leute, sie bräuchten Klarheit.  Dazu will sie beitragen und hat sich für die Weihnachtspredigt die Worte „Fürchte dich nicht“ gewählt. Diese sollen in unterschiedlicher Form mehr als hundertmal in der Bibel geschrieben stehen. Angst sei also ein ganz menschliches Thema in unterschiedlichen Zusammenhängen. Deshalb will sie  Mut machen, sich der Angst nicht auszuliefern, sondern danach zu fragen, was wirklich zählt im Leben und auf welche Werte es ankommt. „Die großen Geschenke unterm Weihnachtsbaum sind ja bestimmt schön, aber sind sie wirklich wichtig?“

Dass viele Menschen verstehen, worauf es ankommt, zeigt ihr auch die Kollekte, die jährlich in den fünf Gemeinden zusammenkommt und stets für „Brot für die Welt“ gespendet wird. „Wir sind reich beschenkt und geben davon ab“, nennt sie das.

Auch das ist ein Grund, weshalb sich Angelika Scholte-Reh in ihrer Pfarrei angekommen fühlt. Seit vier Jahren ist sie hier im südlichsten Brandenburger Zipfel als Pastorin tätig. Ihre vierte Pfarrstelle, nachdem sie vor fast 20 Jahren vom Niederrhein in die Lausitz gekommen war. Bernsdorf, Sedlitz/Brieske und Treuenbrietzen waren zuvor ihre Stationen, in denen sie als muntere, leidenschaftliche und streitbare Frau, die stets etwas in Bewegung bringen will, Spuren hinterlassen hat.

Nach einer vorwiegend seelsorgerischen Arbeit im Treuenbrietzener Krankenhaus hat sie nun in der Pfarrstelle wieder Kinder und Jugendliche um sich. Selbst kinderlos, ist ihr das besonders wichtig und Kraftquell zugleich. So strahlen ihre Augen, wenn sie von den Krippenspielen erzählt, die die Kinder selbst inszenieren. Oder von den schon fast legendären Kroppener Kunstprojekten, bei denen Konfirmanden begeistert ihre Kreativität beweisen können. Und sie berichtet, dass sie trotz der vielen Vorbereitungsarbeiten in der Vorweihnachtswoche mit ihrer Erzähl-Krippe in allen fünf Kitas ihrer Gemeinden die Weihnachtsgeschichte erzählt.

Natürlich bringen es die größer gewordenen Pfarrsprengel mit sich, dass sie nicht überall sein kann, bedauert sie. Aber sie könne sich, auch aufgrund der guten Arbeit ihrer Vorgänger, auf einen großen Stamm Ehrenamtlicher verlassen, die als Lektoren Gottesdienste halten, Christenlehre übernehmen oder bei vielen anderen Arbeiten helfen. Ihnen mit einem Weihnachtsbrief und einem kleinen Geschenk Dankeschön zu sagen, gehöre auch noch zu den Tätigkeiten  der Vorweihnachtswoche, die erledigt werden wollen.

Dass bei so viel Arbeit ihr eigenes Weihnachtsfest auf der Strecke bleibt, findet Angelika Scholte-Reh nicht. „Das ist meine Weihnacht“, sagt sie. Und außerdem gebe es am Heiligabend zwischen Gottesdienst und Christmette noch zwei Stündchen Pause. Die werden mit ihrem Mann Peter im Pfarrhaus bei Kartoffelsalat und Würstchen auch ein wenig ruhig und besinnlich werden.