Von Andrea Budich

Er ist 300 Kilometer durchs Land gewandert, hat 250 Kilometer im Fahrradsattel gesessen, ist gerudert, mit der Draisine gefahren und vom Kutschbock gesprungen. Bei ihr haben in der Küche die Herdplatten geglüht. Sie hat 600 Gläschen Marmelade eingekocht und in den letzten acht Wochen auf so gut wie jedem Wochenmarkt zwischen Ortrand, Lauchhammer und Schipkau gestanden und diskutiert. Beide sind in der Gemeinde Schwarzbach zu Hause, wohnen Luftlinie nur gut zwei Kilometer voneinander entfernt. Sie haben im Wahlkampf alle Register gezogen und sich nichts geschenkt. Ingo Senftleben, der CDU-Spitzenkandidat, will Ministerpräsident werden. Als erstee Christdemokrat in Brandenburg. Die 1,50 Meter kleine SPD-Frau Gabi Theiss will im dritten Anlauf dem CDU-Frontmann das Direktmandat abjagen.

An Spannung war der Wahlkampf im Wahlkreis 38 nicht zu überbieten. Für Platzhirsch Senftleben ein klares Indiz dafür „unter welcher Anspannung man sich um die politischen Ämter bewirbt“. Der 45-Jährige CDU-Chef ist schmal geworden während des Wahlkampf-Countdowns. Sein Hauptnahrungsmittel in den letzten Wochen waren Müsliriegel, die er zwischen den Terminen immer schnell zur Hand hatte.

Sein Ingo-Song hat sogar deutschlandweit Wellen geschlagen. Ob Youtube und Facebook – die bizarre Hymne hat mit Zeilen wie „Wer haut Verbrechern auf den Po? Ingo. Ingo.“ schon so etwas wie Kultstatus erlangt.

Gleiches trifft auf die Wahlbanner der gelernten Schulleiterin Gabi Theiss (59) zu, die es bis in die „Frankfurter Allgemeine“ geschafft haben. Senftleben hat sich auf Wahlplakaten als Landei geoutet, Theiss hält – mit je einem frischen Landei in der Hand – dagegen: „Ich habe die Eier, um eure Stimme in Potsdam zu sein!“ Und in Anspielung auf die „Bock auf Brandenburg-Tour“ ihres Wahlkreis-Mitbewerbers packt sie den Ziegenbock couragiert an den Hörnern und verspricht: „Bockig kann ich, wenn es um die Menschen geht!“ Ihre Plakate sind inzwischen so begehrt, dass die ersten schon geklaut wurden.

Die harten Bandagen im Wahlkampf haben Ingo Senftleben und Gabi Theiss am Wahlsonntag hinter sich gelassen. Beide haben leidenschaftlich für ihre Ideen geworben und erwarten mit Spannung die Zahlen am Abend. „Die Wähler haben es jetzt in der Hand“, sind sich beide einig, dass das Ergebnis – wie auch immer es ausfällt – zu akzeptieren sei. Zur Wahlparty im Gutshaus hat Gabi Theiss auch den Schwarzbacher Halter des Ziegenbockes eingeladen, mit dem sie im Wahlkampf für Furore gesorgt hat.

Denkbar knapp holt Ingo Senftleben das Direktmandat  – dem vorläufigen Wahlergebnis zufolge mit einem Vorsprung von 95 Stimmen. Beide Kandidaten haben beim Wähler verloren (Theiss minus 7, Senftleben minus 9,9 Prozent gegenüber dem Wahlergebnis von 2014).

Der Wahlsieger im Wahlkreis 39 ist Wolfgang Roick (SPD), der 250 Stimmen mehr als der AfD-Kandidat Matthias Stein erreicht. Roick verliert im Vergleich zur Landratswahl vor fünf Jahren 11,4 Prozent.