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| 01:07 Uhr

Häuser zum Spottpreis – und keiner will sie

Senftenberg.. Gestern morgen um halb zehn im Senftenberger Amtsgericht, Sitzungssaal E01. Ein Mehrfamilienhaus in Großräschen soll zwangsversteigert werden. Roter Backsteinbau, mit fünf Wohnungen. Anwesend sind Rechtspflegerin Margarete Nix, eine Vertreterin von der Sparkasse Niederlausitz und der Anwalt der Eigentümer. Nur die Stühle, auf denen die Bieter sitzen sollten, sind unbesetzt. Das Interesse für die Immobilien, die oft weit unter Verkehrswert zu ergattern sind, ist so gering wie nie. Von Dörthe Hückel

Margarete Nix hat es gar nicht anders erwartet. Egal ob Doppelhaus, Baugrundstück oder Gewerbe-Immobilie: Bei mehr als der Hälfte aller Termine sitzt sie vor leeren Bänken. Lebhafte Auktionen mit Bietern, die sich gegenseitig auszustechen versuchen, erlebt sie nur noch selten. Ausnahmen sind die Sahnestücke - Einfamilienhäuser in Eins-A-Lage. Da käme es manchmal sogar vor, dass die Gebote den Verkehrswert übersteigen.

Zig vergebliche Anläufe
In allen anderen Fällen ist die Rechtspflegerin, die für Versteigerungen zuständig ist, froh, wenn die Immobilie überhaupt unter den Hammer kommt. Manches Haus hat sie schon zigmal vergeblich feilgeboten. Grund sei die Angst der Leute davor, viel Geld auszugeben. Und die ist in der Region besonders groß. Von Kollegen aus Köln weiß sie, dass dort ein Termin oft ausreicht, um Käufer zu finden.
Das Nachsehen haben die Gläubiger, die die Zwangsversteigerung in die Wege geleitet haben. In den meisten Fällen Banken. Wenn die Hausbesitzer Kredite nicht mehr abbezahlen, beantragen sie das Verfahren. Seit ein paar Jahren entscheiden sich die Banken immer häufiger für die harte Tour.

94 Versteigerungen beantragt
Der klassische Fall: Ein Ehepaar, beide mit Job, stürzen sich für ein Eigenheim in hohe Schulden - dann verliert einer der beiden seinen Arbeitsplatz, die Raten können nicht mehr überwiesen werden, das Haus geht in den Zwang.
Seit der Wende ist die Zahl der Anträge kontinuierlich gestiegen, erzählt Margarete Nix. 1990 waren es 90, im vergangenen Jahr 134. In diesem Jahr wurden bis gestern immerhin schon 94 Versteigerungen beantragt. Vor zwei Monaten musste das Amtsgericht sogar zwei neue Aushänge-Tafeln anschaffen, um alle Termine unterbringen zu können, erzählt Nix.
Kräftig gesunken ist dagegen das Interesse an den Objekten, die mitunter zu Spottpreisen zu haben sind. Nix: „Es kommt vor, dass jemand den Zuschlag schon bei zehn Prozent des Verkehrswertes bekommt.“ Allerdings sei das nicht ganz ohne Risiko, denn Gewährleistungsrechte hat der Käufer nicht - Mängel müssen hingenommen werden. Bis eine Immobilie zum Bruchteil des Wertes unter den Hammer kommen darf, muss der erste Termin erfolglos verlaufen sein. Danach können die gesetzlichen Mindestsummen, zum Schutz von Besitzer und Gläubiger, unterschritten werden.
Für das Mehrfamilienhaus in Großräschen gelten die Preisgrenzen seit gestern nicht mehr. Laut Gutachten beträgt der Verkehrswert 150 000 Euro. Mindestens 105 000 Euro hätte ein potentieller Käufer bieten müssen, um den Zuschlag zu bekommen. Beim nächsten Versteigerungstermin ist alles möglich. Aber Nix ist wenig zuversichtlich: „Mehrfamilienhäuser sind nicht sehr begehrt.“ Manchmal scheint ihr ein Verkauf so aussichtslos, dass sie das Verfahren abbricht. In rund fünf Prozent aller Fälle. Tendenz steigend.
Die Ladenhüter schlechthin: Gaststätten, Hotels. Aus fast jedem Ort hat Margarete Nix ein solches Objekt in ihrem Bestand, „von der Dorfkneipe bis zum guten Hotel“ . Die Nachfrage tendiert gen Null. „Die gehen ja nicht umsonst pleite.“ .
Ähnlich schwierig sei es, Autohäuser, Lagerhallen oder Werkstätten an den Mann zu bringen - wegen der zahlreichen Firmenpleiten hat auch der Anteil der Gewerbe-Immobilien zugenommen. „Aber da könnten wir genauso gut warmes Bier anbieten.“

Service Zwangsversteigerungen
 Jeden Dienstag und Donnerstag werden im Amtsgericht Immobilien zwangsversteigert. Die Termine werden in der RUNDSCHAU veröffentlicht und sind im Gericht ausgehängt. Zu finden sind die Zwangsversteigerungen auch unter www.zvg.com.