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Gurken-Botschafter treten sattelfest in Pedale

Andreas Wetzel (l.) und Werner Busch sichern als radelnde Gästeführer die Lübbenauer Gurkentouren ab.
Andreas Wetzel (l.) und Werner Busch sichern als radelnde Gästeführer die Lübbenauer Gurkentouren ab. FOTO: Uwe Hegewald
Klein Klessow. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Klein Klessow. Uwe Hegewald

Immer hübsch in die Kameras lächeln, dem Volk freundlich zuwinken und wenn es um Gurken geht, auskunftsfreudig und sattelfest sein - so sollen Gurken-Königspaare auftreten, die Jahr für Jahr den Thron des Gurkenlandes besteigen. Ohne Krone müssen Werner Busch (68) und Andreas Wetzel (67) auskommen, was nicht heißt, dass sie sich weniger gut mit dem Charaktergemüse des Spreewaldes auskennen. Als Begleiter der Lübbenauer Gurken-Tour hat für die beiden Männer aus Klein Klessow der Begriff "sattelfest" fast schon elementare Bedeutung. 32 Kilometer beträgt die Distanz der geführten Radwanderung, bei der zahlreiche interessante Stationen angesteuert werden, berichtet das Duo, das erstaunlich viele Gemeinsamkeiten aufweist. Beide zogen mit ihren Familien Mitte der 1990er-Jahre aus der Lübbenauer Neustadt nach Klein Klessow, beide bewohnen dort schmucke Eigenheime und beide fühlen sich als aktive Ruheständler zum Hobby-Radeln hingezogen. "Seinerzeit sind zu den ursprünglichen 13 Gehöften im Dorf 22 neue Eigenheime hinzugekommen", erinnert sich Werner Busch. "Von einigen Einheimischen wurde unsere Siedlung schlicht als Neustadt bezeichnet", fügt Andreas Wetzel hinzu.

Doch das Schicksal hatte auch Seitenschläge in petto: Mit dem Platzieren von Kaufland Logistik auf dem alten Kraftwerksgelände rollte eine nicht enden wollende Lkw-Karawane durchs Dorf. "Bis zu 1000 Brummis an einem Tag und das bis zur Verkehrsfreigabe der neuen Umgehungsstraße", schildert Werner Busch die damalige Situation. Einwohner aus dem Neu- und dem Altdorf wissen, wem sie die Umgehung in erster Linie zu verdanken haben: Urgestein Werner George, der eine Bürgerinitiative anschob und über die nötigen Kontakte verfügte, um das Dorf vom dauerhaften Verkehrslärm zu erlösen. Vereinzelt verirren sich Brummifahrer in Klein Klessow, obwohl die Umgehung von der Anschlussstelle der Autobahn bis zum Logistikzentrum weitaus kürzer ist. Womit Klessower dauerhaft leben, ist ein leichtes Summen, das je nach Windrichtung von der nahen A 15 hereindrückt. Die trennt Groß und Klein Klessow, die sonst viel gemeinsam machen.

So etwa die Dorffeste oder das Zampern, bei dem quälende Wintergeister aus beiden Dörfern vertrieben werden. Bewährt habe sich der jährliche Frühjahrsputz mit einer zuverlässigen Stammmannschaft, die im Dorf und entlang der Ortsverbindungen Müll aufsammelt. "Das ist harte Männerarbeit, die auf dem Hof von Ortsvorsteher Dirk Richter mit Bockwurst und Bier einen würdigen Abschluss findet", sagt Andreas Wetzel mit einem Augenzwinkern. Einige Jahre nach seiner Pensionierung (2010) ist der langjährige Schulleiter der Lübbenauer Grundschule 3 von Werner Busch gefragt worden, ob er sich einen Zeitvertreib als radelnder Gästeführer vorstellen könnte. Seitdem schieben die beiden Klein Klessower und Dieter Rieger regelmäßig Schicht entlang der Lübbenauer Gurkentour. Start und Ziel ist die Spreewald-Touristinformation in der Altstadt, die den rund siebenstündigen Ausflug wie folgt bewirbt: "Um das Geheimnis der weltberühmten Spreewälder Gurken zu lüften, laden wir Sie auf eine Fahrradtour ein, die Ihnen Einblicke über den Weg der Gurke vom Feld ins Gurkenglas gewährt." Sehenswürdigkeiten zeigen sich wie an einer Perlenschnur aufgereiht: Spreewald-Konserve Rabe in Boblitz, Bauernküche Göritz, Gurkenflieger Suschow, Stradower Teiche, Busch- und Dubkowmühle sowie die Lagunendörfer Leipe und Lehde zählen zu den Stationen der Gurkentour, die im Schlossbezirk Lübbenau endet. "Von unseren Gästen bekommen wir durchweg positive Resonanz. Insbesondere das gut ausgebaute, regionale Radwegenetz findet Gefallen", konstatiert Diplomingenieur Werner Busch, der einst im Braunkohlekraftwerk Jugend sowie später bei Laubag und Vattenfall als Abteilungsleiter tätig war. Selbst kurze Radwege haben ihre Berechtigung, fügt Andreas Wetzel am Beispiel des Radweges von Klein Klessow nach Lübbenau hinzu und scherzt: "Die 1,7 Kilometer bis zum Einkaufsmarkt können wir später noch mit dem Rollator bewältigen." Die Nähe zur Kernstadt ist den Klessowern lieb und teuer. Vor der Eingemeindung nach Lübbenau konnte das Zwillingsdorf über Steuereinnahmen von rund 1,5 Millionen Euro verfügen. "Jetzt sind es nur noch ein paar Euro pro Einwohner und Jahr", kommentiert Werner Busch den mitunter stiefmütterlichen Beistand der Stadtväter für die Dörfer.

Zum Thema:
88 Einwohner zählt Klein Klessow, das in diesem Jahr auf seine erste urkundliche Erwähnung vor 570 Jahren zurückblickt. Zu den Wirtschaftsfaktoren zählen die SWK Innovations GmbH & Co. KG, Ortsvorsteher Dirk Richter mit einem familiären Landwirtschaftsbetrieb und einige Einwohner, die Ferienwohnungen anbieten. Während sich Christian Thomas-Wielepski dem Züchten exotischer Vögel verschrieben hat, hält Großvater Dieter Gericke auf seinem Anwesen Damwild.