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| 20:17 Uhr

Besonderes Jubiläum
Zum 80. ein stürmisches Solo

Günter Angres singt auf der Bühne zum Abschluss des Prologs ein „Rolling home” im Solo. Gemeinsam mit 16 Chorfreunden bildet er die Mannschaft von Kapitän Charles Marlow, der von Heinz Klevenow gespielt wird.
Günter Angres singt auf der Bühne zum Abschluss des Prologs ein „Rolling home” im Solo. Gemeinsam mit 16 Chorfreunden bildet er die Mannschaft von Kapitän Charles Marlow, der von Heinz Klevenow gespielt wird. FOTO: Peter Aswendt
Senftenberg. Eine Lebensgeschichte, die so stürmisch ist wie das Theater-Spektakel: Günter Angres erfüllt sich einen Traum. Von Peter Aswendt

Wenn Günter Angres aufsteht und zu Kapitän Marlow (Heinz Klevenow) an den Bühnenrand geht, ist es ein magischer Moment für den Senftenberger, der Chormitglied des Bergarbeiterchors ist. Dann beginnt nämlich sein Solo. „Rolling home“ singt er, und das auch heute, an seinem 80. Geburtstag. Den feiert er nicht irgendwo, sondern auf der Bühne des Senftenberger Theaters.

Shakespeares „Stürme“ stehen im Mittelpunkt des diesjährigen Theaterspektakels an der Neuen Bühne. Dass die wahrhaft schönsten Dinge durch Unruhe oder Verwirrung entstehen – also durch stürmische Zeiten -  hat auch Günter Angres in seinem Leben erfahren müssen. Gemeinsam mit dem Chor der Bergarbeiter steht er auf der Bühne im „Prolog an die Treue“. An zehn Vorstellungen singt er von der Sehnsucht des Seemanns und begleitet mit seinem Solo den alternden Kapitän Charles Marlow.

„Ich bin jetzt seit über zehn Jahren im Chor. Das ist mein erstes Solo“, lacht der rüstige Rentner. Dass zur heutigen Vorstellung sein 80. Geburtstag ist, stört ihn nicht: „Wenn das Spektakel an der Neuen Bühne vorbei ist, dann lade ich alle zu einer Feier ein“, lässt er schonmal vorab durchblicken.

Im Chor singt Günter Angres den zweiten Bass. Zu seinem Soloauftritt hat ihm seine Kindheit verholfen. „Bei uns wurde Plattdeutsch gesprochen. Das half mir bei den Seemannsliedern. Und als nach einem Solosänger gefragt wurde, habe ich Ja gesagt“, beschreibt er den Werdegang.

Was einfach klingt, beginnt aber mit einer Lebensgeschichte, die so stürmisch ist, wie das Spektakel an der neuen Bühne selbst. Günter Angres wurde 1938 in Pommern im damaligen Ort Nipperwiese (Ognica) geboren. Als Kind wurde er in einer unruhigen Zeit groß. Die Kriegswirren haben seine beiden Brüder als Soldat an die Front geholt. Sein Vater, obwohl er eine musikalische Ausbildung an der Tuba und der Geige hatte, musste das Geld anderweitig verdienen. Aber musikalische Gene gab es genug in der Familie: „Mein Vater hatte noch vier Brüder und eine Schwester, die allesamt Musiker waren“, erzählt er. Gesungen wurde viel in der Familie: „Meine Mutter hatte eine glockenklare Stimme“, zeigt er sich noch heute ergriffen.

Weil die Weltkriegsfront näher rückte, floh die Familie über die Oder in Richtung Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gab es dann mit viel Glück ein kleines Bahnwärterhäuschen ohne Strom und fließend Wasser. Die Herausforderung für den jungen Günter waren damals die Schulwege: „Erst ging es fünf Kilometer zur Grundschule nach Schönow, dann später fünf Kilometer nach Passow zur Zentralschule“, lacht er. Damals entstand auch sein Berufswunsch: „Mich nahmen immer die Lokführer ein Stück mit, weil sie vor unserem Bahnwärterhaus hielten. Deshalb wollte ich dann irgendwann Lokführer werden“, erinnert sich Günter Angres. 

Nach der Erweiterten Oberschule studierte Günter Angres Bergbautechnik. Zuerst in Leipzig und dann zwei Jahre an der Ingenieur­schule in Senftenberg. Das Studium schloss er als Bergbauingenieur ab. Die Hochzeit mit seiner Alice war für den Februar 1962 geplant. Eigentlich alles perfekt - bis der  30. Januar 1961 alles zunichte machte. Bei einem schweren Unfall stürzte Günter Angres sechs Meter von einer Förderbrücke im Tagebau Sedlitz in die Tiefe. Trotz der schweren Verletzungen wurde am Krankenbett geheiratet wie geplant. 

Nach einer Gefäßoperation des linken Beines blieb sein Fuß in einer Stellung, die das Laufen schwer machte und ständige Schmerzen und Entzündungen nach sich zog. Günter Angres arbeitete als Dispatcher in Sedlitz, Großräschen und zum Ende auch in Brieske. Dort lernte er auch Rudolf Hagenstein vom Chor der Bergarbeiter kennen. Er war es auch, der Günter Angres zum Singen überzeugte.

Bevor es mit dem Singen losging, entschloss sich Günter Angres zu einem drastischen Schritt. Im Jahr 2002 ließ er sich den linken Fuß amputieren. „Die ewigen Schmerzen und Entzündungen waren kaum noch auszuhalten“, stellt er ohne Wenn und Aber klar. „Ich fühlte mich nach der Amputation wie zum zweiten Mal geboren“, ist der Senftenberger heute glücklich.

Im Jahr 2007 wurde er dann endlich Mitglied im Chor der Bergarbeiter und fühlt sich dort bis heute pudelwohl. Nur um den Nachwuchs im Chor macht er sich Sorgen. „Wir überaltern und brauchen dringend Nachwuchs“, so sein Aufruf.

Die zehn Vorstellungen zum diesjährigen Spektakel „Stürme!“ genießt er in vollen Zügen. „Die Tage sind zwar anstrengend, da wir jetzt auch parallel unser Advents- und Weihnachtsprogramm proben, aber mit Heinz Klevenow auf der Bühne zu stehen, ist schon ein Erlebnis“, strahlt Günter Angres.

Zum heutigen Geburtstagsauftritt sitzt auch seine Familie im Publikum. Dem Sänger, der am Ende des Prologs würdevoll nach vorne schreitet und „Rolling home“ anstimmt, ist heute garantiert ein langer Beifall sicher.