ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:41 Uhr

Grundwasser beheizt ganzen Schulkomplex

Die Horizontalfilterbrunnen heben große Mengen Grundwasser, das für die Wärmegewinnung genutzt werden kann.
Die Horizontalfilterbrunnen heben große Mengen Grundwasser, das für die Wärmegewinnung genutzt werden kann. FOTO: Steffen Rasche/str1
Hoyerswerda/Senftenberg. Ganze Fabriken unter der Erde sorgen in der Lausitz dafür, dass aufsteigendes Grundwasser die Ver- und Entsorgungsleitungen nicht unterspülen kann und Gebäude wie Bojen aufsteigen lässt. Die Gefahrenabwehr kostet viele Millionen Euro. Auf Dauer. Kluge Köpfe versuchen deshalb, aus der Not neuen Nutzen zu ziehen – und die Grundwasserniederhaltung mit der Wärmeversorgung zu koppeln. Kathleen Weserund Manfred Feller

Drei Horizontalfilterbrunnen mit Tiefen von bis zu 30 Metern pumpen das Stadtgebiet von Hoyerswerda trocken. 21,3 Kubikmeter Grundwasser, das Gebäude und Versorgungsleitungen bedroht, können pro Minute maximal gehoben werden. Das Wasser wird über mehr als fünf Kilometer Rohrleitung in verschiedenen Querschnitten mit zwölf Schachtbauwerken und dem drei Kilometer langen Westrandgraben über eine Reinigungsanlage in die Schwarze Elster abgeleitet. Nach dem Prinzip wird auch das Stadtgebiet von Senftenberg mit nunmehr vier Brunnen trocken gehalten. Zwei weitere werden in Brieske gebaut, um vom Grundwasser gefährdete Wohnsiedlungen zu schützen. In Lauchhammer wird das überschüssige Wasser des Ortsteils Kleinleipisch über eine gewaltige Tiefendrainage gesammelt und abgepumpt. Bislang kostet das nur viel Geld aus dem Topf des Steuerzahlers. Ingenieure und Energie-Experten aus Lauchhammer und Schwarzheide wollen die Energie des Grundwassers für Heizzwecke nutzen.

Wie in Hoyerswerda. Die Heizenergie für einen ganzen Schulkomplex, das Lessinggymnasium, wird mit Wärmepumpen-Technik aus dem Grundwasser-Ableitungssystem gewonnen. 80 Prozent der benötigten Wärme kommen über das ganze Jahr hinweg aus der Tiefe. Das bestätigt Stephanie Henschke, Projektingenieurin des Umweltbüros Vogtland (UBV). Die junge Frau hat ihre Diplomarbeit zur hydrothermalen Nutzung des Grundwassers in Hoyerswerda geschrieben. Betreut vom Lausitzer Grundwasser-Papst Thomas Daffner. Er ist der geistige Vater und Planer der Wasser-Fabriken unter der Lausitzer Erde in Hoyerswerda und in Senftenberg. Seit nunmehr drei Jahren ist die Pilotanlage, die das Lessinggymnasium mit mehreren Schulhäusern und Turnhalle beheizt, in Betrieb. Zehn bis zwölf Grad Celsius warm ist das Grundwasser in der Tiefe. Etwa zwölf Kubikmeter werden derzeit für trockene Keller in Hoyerswerda pro Minute gehoben. Die Grundwassermenge reicht damit locker für den Wärmebedarf der Schulhäuser. Auch der Druck ist ausreichend, auf zusätzliche Umwälzanlagen kann hier völlig verzichtet werden. Nur 34 Kubikmeter Wasser pro Stunde werden benötigt, um mit der Wärmepumpe eine Heizleistung von 210 Kilowatt zu erzeugen. "Bei Außentemperaturen über dem Gefrierpunkt kann das Schulhaus nur über die Wärmepumpe voll mit Wärme versorgt werden", bestätigt Stephanie Henschke. Im Bedarfsfall werde über eine Gastherme zugeheizt. Unterbrochen wird die Grundwasser-Versorgung nur kurzzeitig während der Ferien. Dann müssen der Westrandgraben einmal im Jahr von den eisenhaltigen Ablagerungen des abgeführten Wassers grundgereinigt und die Anlage dafür außer Betrieb genommen werden. Überwacht wird die Wärmepumpenanlage in der Leitstelle der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) in Senftenberg. Beim Ausfall des Horizontalfilterbrunnens wird die Wärmepumpenanlage für den Schulkomplex hier automatisch ab- und auf den Gasbetrieb umgeschaltet.

Dieter Vogler aus Kostebrau, der diplomierter Energieversorgungstechniker ist, hat sofort errechnet: Gut 1300 Wohnungen könnten mit dem zu hebenden Wasser um das angezapfte Schachtbauwerk am Schulkomplex noch mit beheizt werden. Das Versorgungsnetz freilich müsste erst aufgebaut werden. Die Versorgungsbetriebe Hoyerswerda (VBH) haben sich im Auftrag der Stadt vor die Pilot-Schule gespannt. Jetzt arbeitet das Umweltbüro Vogtland an einer Konzeptstudie für die Altstadt, um weitere Nutzungsmöglichkeiten zu ergründen. Die hängen zuerst von der Wirtschaftlichkeit ab. Und das Grundwasser-Wärmepumpen-System muss dem Vergleich mit herkömmlichen Anbietern auch preislich Stand halten, um marktfähig zu werden. Das Ableitungssystem ist sowieso für viele Generationen kostengünstig am Leben zu halten.

Kommentar: Von wahrer Wende weit entfernt

Zum Thema:
Je nach der Temperatur des gehobenen Grundwassers würden davon im Jahr ungefähr 6500 Kubikmeter benötigt, um ein durchschnittlich großes Einfamilienhaus mit 140 Quadratmetern Wohnfläche zu beheizen. Das hat der Kostebrauer Ingenieur Dieter Vogler ausgerechnet. Wasser, das fünf Grad kalt ist, speichere immerhin noch 3,5 kW Wärme. Bei Gas sind es etwa zehn kW. Ebenso bei einem Kilogramm Öl.