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| 18:08 Uhr

Großvater Anatoli zog mit 17 in den Krieg

Zahlreiche Frauen, Männer und Kinder haben am Freitagvormittag anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung und des Kriegsendes Blumen am Ehrenmal an der Briesker Straße niedergelegt und zum Frieden gemahnt.
Zahlreiche Frauen, Männer und Kinder haben am Freitagvormittag anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung und des Kriegsendes Blumen am Ehrenmal an der Briesker Straße niedergelegt und zum Frieden gemahnt. FOTO: Heidrun Seidel
Senftenberg. Zu einem ehrenden Gedenken an die mehr als 50 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges haben sich am Freitagvormittag zahlreiche Frauen, Männer und Kinder am Ehrenmal an der Briesker Straße von Senftenberg zusammengefunden. Heidrun Seidel

"Mein Großvater Anatoli war 1942 17 Jahre alt, als er in die Rote Armee eingetreten ist." Die junge Frau, die am Freitagvormittag vor dem Ehrenmal an der Briesker Straße den Zuhörern davon erzählt, ist Olga Zhemchugova. Sie will symbolisch als Enkelin der Soldaten, die im Großen Vaterländischen Krieg ihre Jugend oder gar ihr Leben verloren haben, die Erinnerung wachhalten. Es habe in der Sowjetunion kaum eine Familie gegeben, die keine Opfer zu beklagen hatte. "Von meiner Großmutter Pelageja sind drei Brüder im Krieg gefallen, von meiner Großmutter Anastasia blieb ein Bruder im Krieg, und auch mein Großvater Ilja hat einen Bruder verloren. Mein Urgroßvater Pavel war fünf Jahre in der Gefangenschaft." Die Aufzählung der jungen Frau, die seit vier Jahren mit ihrem Mann und den zwei Kindern in Geierswalde lebt, schnürt vielen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung die Kehle zu. Und so gibt es beinahe befreienden Beifall, als sie sagt: "Wir alle müssen dafür sorgen, dass das Geschehene niemals vergessen wird, dass nie mehr so viele Menschen sinnlos sterben und kommende Generationen weiter lernen, Frieden zu halten, miteinander leben und nicht gegeneinander." Für Olga Zhemchugova haben diese Sätze eine besondere Bedeutung. Die hübsche Ukrainerin ist im Donezker Gebiet aufgewachsen, ihre Eltern leben unweit der Region, in der sich heute wieder Menschen bekriegen. Aber darüber könne sie nicht sprechen, da fehlen ihr die Worte. "Und die Bilder im Fernsehen halte ich auch nicht aus." Wie sie sind etliche Frauen, die in einem der Länder der früheren Sowjetunion aufgewachsen sind, an diesem Vormittag zum Ehrenmal gekommen. "Erinnert Euch" rezitiert Natalia Siegemund. Die seit mehr als 30 Jahren in Senftenberg lebende Frau, die aus dem russischen Wladimir stammt, spricht das Gedicht in Russisch. "Ich will es meinen Landsleuten zurufen. Es will nicht in meinen Kopf, dass sich nach den Erfahrungen und dem Leid des Großen Vaterländischen Krieges die Menschen auf ehemaligem sowjetischen Gebiet bekriegen."

Rote Nelken, gelbe Gerbera, zarte Rosen und kräftige Chysanthemen werden einzeln und als Gestecke vor dem Denkmal niedergelegt. Vertreter der Stadtverwaltung und der unterschiedlichen Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung sind zum Gedenken gekommen und erinnern an das Ende des Krieges. Die Befreiung sei ein Segen für die Menschheit gewesen. Die Hauptlast habe mit 27 Millionen Opfern die Sowjetunion getragen. Besonders schäbig sei die massenhafte Ermordung von Kriegsgefangenen gewesen.

Die Gebeine von mehr als 120 Rotarmisten liegen beim Ehrendenkmal in der Briesker/Ecke Wilhelm-Pieck-Straße. Ihre Grabsteine waren 1975 entfernt worden. So mancher Besucher hatte gehofft, dass zum 70. Jahrestag die Gedenkstätte endlich fertig saniert sein würde, nachdem bereits im vergangenen Jahr der Stein mit Naturstein verkleidet worden war. "Wir mussten so lange auf Fördermittel warten", erklärt Kämmerin Teresa Melzer. Jetzt können die Arbeiten fortgeführt werden. Dazu wird die Grünanlage neu angelegt. Tafeln mit den Namen der gefallenen Soldaten in kyrillischer Schrift werden angebracht, um den Charakter der Gräberstätte deutlich zu machen. Im Eingangsbereich sollen Stelen über die Kriegsereignisse und die Geschichte des Ehrenmals informieren.