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Großräschener bleibt auch eisern am Draht

Heinz Noack (l.) mit Organisationstalent: Der Großräschener schafft es nach 42 Jahren, seine Kommilitonen zusammenzutrommeln. Ein Foto vor dem Bergmann-Denkmal ist Pflicht.
Heinz Noack (l.) mit Organisationstalent: Der Großräschener schafft es nach 42 Jahren, seine Kommilitonen zusammenzutrommeln. Ein Foto vor dem Bergmann-Denkmal ist Pflicht. FOTO: Jan Augustin
Senftenberg. Nach 42 Jahren hat sich am Mittwoch eine Seminargruppe der Ingenieurschule für Bergbau und Energetik in Senftenberg getroffen. Heinz Noack saß dafür Tag und Nacht am Telefon. Ausdauer ist die Spezialdisziplin des "eisernen Heinz". Jan Augustin / jag

Für die Ehemaligen macht die Universität am Mittwoch eine Ausnahme. Es sind zwar Semesterferien, und die Mensa öffnet eigentlich erst um 11 Uhr die Pforten. Doch die 26 ehemaligen Studenten der Senftenberger Ingenieurschule für Bergbau und Energetik dürfen ihren Tag an alter Wirkungsstätte schon zwei Stunden eher mit einem gesunden Frühstück beginnen. An damals erinnert kaum noch etwas. Nur die Fotos, die Heinz Noack und seine damaligen Mitstudenten herumreichen, deuten an, wie es damals auf dem Gelände der heutigen BTU Cottbus-Senftenberg aussah. "Die Erinnerungen sind noch da. Es hat sich aber viel verändert, gerade auf dem Campus", sagt Herbert Bach aus Dolle bei Magdeburg. Den heute 66-Jährigen hat es nach dem Studium in Senftenberg in den Harz gezogen. Er arbeitet dort im volkseigenen Pumpspeicherwerk. Nach der Wende geht er in die Energiebranche. Sein Arbeitsort: Berlin. Heute ist er Rentner. Als er vor Kurzem einen Anruf seines damaligen Kommilitonen Heinz Noack erhält, weiß er sofort, worum es geht: ein Wiedersehen mit der alten Seminargruppe. Zwei Tage nimmt er sich nun Zeit, um auch seinen Studienort, den er vor 42 Jahren verlassen hat, neu zu entdecken.

Dass nach dieser langen Zeit ein Treffen zustande gekommen ist, ist Heinz Noack zu verdanken. "Wenn ich es jetzt nicht mache, sehen wir uns nie wieder", erklärt der Großräschener seinen Recherche-Antrieb. Der 68-jährige, heute immer noch aktive Musiker (Bassist) verbrachte etliche Stunden am Hörer und führte Hunderte Telefonate. "Da war viel Glück und ein bisschen Fingerspitzengefühl dabei", räumt er ein. Das Einzige, was er am Anfang seiner aufwendigen Suche im März besessen habe, war eine alte handschriftliche Namensliste des damaligen Klassenfotografen. Weil er aber ungefähr wusste, wohin es die Kraftwerkstechniker nach ihrem Studium in Senftenberg verschlagen hatte, konnte er anfangen, gezielt im Internet zu suchen. Wenn er keinen Treffer erzielte, erweiterte er den Kreis systematisch immer weiter. Um eine Person ausfindig zu machen, habe er teilweise bis zu 60 Anrufe geführt. Bis auf einen Kommilitonen (Noack: "Der ist wie vom Erdboden verschluckt.") hat der Diplomingenieur so alle 27 Teilnehmer des Kurses wieder gefunden und zusammengebracht.

Ausdauer hat Heinz Noack schon in seiner Jugend bewiesen, als er sich erst in Berlin und dann in Cottbus im Leistungsradsport versuchte. Immerhin sei er Anfang der 1970er-Jahre in Cottbus für kurze Zeit der einzige Elitefahrer gewesen. Ende der 1990er-Jahre stellte er dann als Hobbyradsportler gleich vier Weltrekorde auf und schaffte es sogar mehrmals ins Guinnessbuch der Rekorde. "Eiserner Heinz tritt voll durch", titelt die RUNDSCHAU damals. Die Rekorde erzielte er auf der Cottbuser Bahn im Sportzentrum als Einzelzeitfahrer über 24 Stunden (1997 und 1999), 1000 Kilometer (1999) und 500 Kilometer (1999).

Nicht alltäglich war nach seiner Arbeit im Bergbau auch der relativ schnelle Wechsel in die Musikbranche. Fünf Jahre nach dem Studium fängt der damals 31-Jährige 1980 ein Musikstudium an und tourt danach als Bassist mit diversen Galabands durch die Republik. Erst nach der Wende hat Heinz Noack wieder in der Fördertechnik-Branche begonnen. Zuletzt hat er als Schweißfachingenieur bis vor zwei Jahren beim Schrank- und Gehäusebauer Caleg in Calau gearbeitet.

Zum Thema:
Seit 70 Jahren wird in Senftenberg studiert. Am 22. September 1947 wurde die damalige Bergingenieurschule Senftenberg gegründet. Bis 1972 erfolgte die Entwicklung zur Ingenieurschule für Bergbau und Energetik. Mit der Wende im Jahre 1989 veränderten sich die Bedingungen für die Hoch- und Fachschulen im Osten Deutschlands grundlegend. Am 9. Dezember 1991 wurde feierlich die Fachhochschule Lausitz eröffnet und 2009 auf Grundlage des Brandenburgischen Landeshochschulgesetzes in Hochschule Lausitz umbenannt. Seit 2013 ist der Campus in Senftenberg fester Bestandteil der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. Heute sind hier zukunftsorientierte ingenieur- und naturwissenschaftliche sowie gesundheitsbezogene Studiengänge beheimatet. (jag)