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| 19:07 Uhr

Gefährliche Körperverletzung auf dem Spielplatz
Acht Monate Jugendstrafe für Bauchtritt auf Schwangere

Mit einem roten Hefter verdeckt der Großräschener Bauchtreter, der heute 19 Jahre alt ist, im Gerichtssaal sein Gesicht. Das Urteil ist am Dienstag nach einem fünfstündigen Verhandlungs-Marathon vor dem Jugendschöffengericht gefallen.
Mit einem roten Hefter verdeckt der Großräschener Bauchtreter, der heute 19 Jahre alt ist, im Gerichtssaal sein Gesicht. Das Urteil ist am Dienstag nach einem fünfstündigen Verhandlungs-Marathon vor dem Jugendschöffengericht gefallen. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Senftenberg. Der 19-jährige Großräschener, der auf dem Seespielplatz einer Türkin in den Bauch getreten hat, ist am Dienstag wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt worden. Von Andrea Budich

Die Tat liegt knapp ein Jahr zurück. Die Emotionen, die am Dienstag vor und im großen Gerichtssaal des Amtsgerichtes Senftenberg hochkochen, sind so groß, als hätte sich der schwere Übergriff auf eine Gruppe türkischer Frauen mit ihren Kindern erst kürzlich ereignet.

Dem Kindsvater, der in einem Döner-Imbiss in Schwarzheide arbeitet, stehen die Tränen in den Augen, während er seinen kleinen Sohn auf den Armen wiegt und drinnen im Saal 115 seine Frau ihrem Peiniger in die Augen blickt. Die kleine Familie hat zehn Jahre friedlich in Großräschen gelebt, hatte gute Freunde in der Nachbarschaft.

Nach der schlimmen Attacke an jenem 25. August vor einem Jahr haben Özkans (Name geändert) der Stadt schweren Herzens den Rücken gekehrt. Die Familie wohnt heute in Senftenberg. Mit ihren drei Jungs einfach mal so einen Spielplatz besuchen - dazu fehlt auch Monate nach dem Übergriff noch die Kraft.

Denn das Erlebte hat Spuren hinterlassen. „Die Angst ist geblieben“, bestätigt Ajda (Name geändert) unmittelbar nach dem Richterspruch. Dass der Mann, der ihr im siebten Schwangerschaftsmonat brutal aus dem Stand mit ganzer Kraft in den Bauch getreten hat, obwohl ihr Zustand nicht zu übersehen war, nicht ins Gefängnis muss, versteht sie nicht.

Dabei hat sie den lauen Sommerabend noch genau in Erinnerung. Sie trifft sich mit drei türkischen Freundinnen auf einer Decke unter einem Baum auf dem Seespielplatz zum Picknick. Die Frauen haben insgesamt elf Kinder dabei. Als Thomas B. (Name geändert) zielgerichtet auf die Gruppe türkischer Frauen zusteuert und sich zunächst ganz friedlich nach einem Jungen erkundigt, ahnt noch niemand etwas Schlimmes. Dann aber gerät die Situation aus dem Ruder. Der 18-jährige stark betrunkene Großräschener (2,03 Promille) beschimpft die Gruppe als „Scheiß Ausländer!“ Er zeigt mit dem Finger auf jede einzelne Frau und droht: „Dich, dich und dich werde ich töten!“

Nach den verbalen Entgleisungen kommt es zu einer regelrechten Jagd auf die türkischen Frauen. Dabei versetzt er der damals 24-jährigen Ajda trotz des Hinweises, dass sie schwanger sei, mehrere Faustschläge. Als sie kurz bewusstlos zusammensackt, traktiert er ihre Freundinnen mit Faustschlägen und Fußtritten. Selbst vor einem kleinen fünfjährigen Jungen macht er nicht Halt. Er verfolgt ihn über den Spielplatz und tritt von hinten mit dem Fuß gegen seinen Rücken.

Dann stoppt er ein zweites Mal Ajda, die mit ihren beiden kleinen Kindern unterm Arm vom Tatort flüchten will. Diesmal rastet Thomas B. gänzlich aus. Aus dem Stand tritt er mit seinem Fuß gegen ihren Bauch. Er trägt dabei rote Sportschuhe. Die brutale Spielplatz-Attacke wird erst gestoppt, als ein bis heute unbekannter Mann eingreift und den Bauchtreter mit einem gezielten Schlag niederstreckt.

Dass sich das Tatgeschehen tatsächlich so abgespielt hat, wird in der Beweisaufnahme von türkischen und deutschen Zeugen gleichermaßen bestätigt. Das Jugendschöffengericht unter Vorsitz von Richterin Grit Bergander sieht die erhobenen Tatvorwürfe am Ende als erwiesen an, wenngleich Thomas B. vor dem Gericht keine konkreten Erinnerungen an den Tatabend beisteuern kann. Auch seine schmallippigen, halbherzigen Entschuldigungen ändern nichts an der schweren Schuld, die er auf sich geladen hat.

Bei der Strafzumessung sieht das Gericht es als gerechtfertigt an, für den zur Tat 18-jährigen Angeklagten nicht das Erwachsenen-Strafrecht, sondern das Jugendstrafrecht anzuwenden. Die genauen Umstände, die dazu beitragen, bleiben jedoch im Dunkeln, weil die Öffentlichkeit auf Antrag des Pflichtverteidigers bei der Erörterung der persönlichen Verhältnisse des Angeklagten ausgeschlossen war. Für seine brutale Tat kassiert der Großräschener eine Jugendstrafe von acht Monaten - ausgesetzt auf eine zweijährige Bewährungszeit. Zu den Bewährungsauflagen gehören 100 gemeinnützige Arbeitsstunden, die er binnen acht Monate ableisten muss. Ob gegen das Urteil Rechtsmittel eingelegt werden ist offen. Verteidiger Lars Weber wollte sich dazu zum Prozessende nicht äußern.