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| 11:21 Uhr

30 Jahre nach der Wende
Filmstudenten drehen in Großräschen für eine Doku-Serie

 Das studentische Filmteam bei Probeaufnahmen am Stadthafen in Großräschen: Regie-Studentin Kathleen Witt, Kameramann Dominik Moos, Tontechniker Marius Bacza und Theresa Bacza, die die Dreharbeiten leitet (v.l.n.r.).
Das studentische Filmteam bei Probeaufnahmen am Stadthafen in Großräschen: Regie-Studentin Kathleen Witt, Kameramann Dominik Moos, Tontechniker Marius Bacza und Theresa Bacza, die die Dreharbeiten leitet (v.l.n.r.). FOTO: LR / Catrin Würz
Großräschen. Filmstudenten aus Ludwigsburg starten die Aufnahmen für eine Doku-Serie im 30. Jahr der deutschen Wiedervereinigung just in Großräschen. Dabei wird die Generation der Nachwendekinder ins Blickfeld gerückt. Ein junger Unternehmensgründer erzählt, warum er seine Zukunft in der Lausitz und am Großräschener See sieht. Von Catrin Würz

Studenten der Filmakademie Ludwigsburg drehen dieser Tage in der Lausitz für ein außergewöhnliches Filmprojekt. Unter dem Titel „Hier drüben“ wollen sie im 30. Jahr der deutschen Wiedervereinigung dokumentieren, wie die Generation der Nachwendekinder – die heute etwa 30-Jährigen – auf ihr Leben und ihre ostdeutsche Identität blickt. Die Dreharbeiten dafür starteten jetzt just in Großräschen – und das nicht von ungefähr: Im Fanfarenzug dieser kleinen Stadt und an den neuen Ufern des Sees haben die Filmemacher ihre Protagonisten für eine der insgesamt fünf geplanten Folgen ihrer Web-Serie für den Südwestrundfunk (SWR) gefunden. „Wir wollen junge Menschen zeigen, die sich bewusst für eine Zukunft in dieser Region entschieden haben und darüber interessante Geschichten erzählen können. Die Lust haben, hier etwas zu verändern“, sagt Theresa Bacza. Die 31-jährige Studentin für Filmproduktion leitet die Dreharbeiten. Sie kam als Thüringerin vor fünf Jahren nach Ludwigsburg. „Und plötzlich wurde dort der Osten auf mich projiziert, wurde ich vor allem als Ostdeutsche wahrgenommen. Das war für mich befremdlich, denn ich selbst habe mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall diese Kategorien gar nicht mehr so wahrgenommen. Habe ja selbst nie in der DDR gelebt“, erzählt sie.

In fünf Städten wird gedreht

Schnell wurde klar: Das ist der Stoff für eine Film-Dokumentation. Die Mauer in den Köpfen – gibt es sie noch? Und wenn ja – wie kann ein Filmprojekt die gängigen Klischees und überkommenen Vorurteile widerlegen? „Indem wir einfach zeigen, wie es ,hier drüben’ ist“, sagt Regie-Studentin Kathleen Witt, die als Co-Autorin an der Serie mitwirkt. In fünf Städten wollen die jungen Filmemacher ihren durchweg positiv gemeinten Ansatz von „Hier drüben“ verfolgen: außer in Großräschen auch noch in Zittau, Teschendorf (bei Oranienburg), in Neubrandenburg und in Sassnitz auf Rügen – alles Orte entlang der B 96.

Der Drehstart in Großräschen widmete sich dieser Tage einer besonderen Gruppe von Menschen: dem Fanfarenzug Großräschen. Hier leben junge und nicht mehr ganz so junge Einwohner der Stadt im Alter von sechs bis 45 Jahre ein gemeinsames Lebensgefühl, eine Leidenschaft für die Fanfarenmusik und für die Gemeinsamkeit. Vereinsvorsitzender Benjamin Seidemann ist ebenfalls genau Jahrgang 1988. Der 30-Jährige ist eines dieser Wendekinder – und er ist einer, der nach seinem Studium am Bodensee ganz bewusst und gern in seine ostdeutsche Heimat zurückgekehrt ist. Mit ihm haben die Filmstudenten aus Ludwigsburg deshalb über Heimat und über Veränderung geredet. „Am Bodensee war alles fertig. Dort gab es kaum Freiräume, um Neues zu gestalten. Hier im Lausitzer Seenland findet aber gerade etwas Großartiges statt. Hier gibt es etwas zu gestalten, hier kann man etwas verändern und sich verwirklichen“, sagt der junge Vereinschef aus fester Überzeugung.

Gute Zukunft in der Region

Erst vor gut einem Monat hat sich Benjamin Seidemann in seinem Beruf als Medien- und Kommunikationswirt selbstständig gemacht – und glaubt fest an eine gute Zukunft in der Region.

Dass dies nicht alle tun und vor allem in Ostdeutschland rechtspopulistisches und demokratiefeindliches Denken spürbar ist, dazu hat der 30-Jährige auch eine Meinung. In einem Verein wie dem Fanfarenzug bleiben solche Diskussionen freilich nicht aus. „Mir ist klar, dass ich allein nichts dagegen tun kann. Aber ich kann mit gutem Beispiel vorangehen“, sagt er im Interview mit den Filmleuten.