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Größte Glocke der Neuzeit aus Lauchhammer

Der Guss der ersten Güstrower Glocke am gestrigen Donnerstagnachmittag in Lauchhammer.
Der Guss der ersten Güstrower Glocke am gestrigen Donnerstagnachmittag in Lauchhammer. FOTO: Peter Aswendt/asw1
Lauchhammer. Freitag, 13.30 Uhr im Kunstguss Lauchhammer. Das traditionelle "In Gottes Namen, wir gießen" erklingt. Aus zwei Öfen fließt Metall in die Erdform, die die größte Glocke der Gussgeschichte in der Neuzeit der 3A Kunstguss Lauchhammer GmbH beherbergt. Peter Aswendt / asw1

Mehr als drei Tonnen wiegt die Erste von drei Glocken, die für die Pfarrkirchengemeinde St. Marien in Güstrow bestimmt ist. "Ich bin schon ein wenig stolz, dass in Lauchhammer wieder große Glocken gegossen werden", sagt der Glockensachverständige der Gießerei Johannes Remenz (67). Seit 1994 werden in der Lauchhammeraner Gießerei wieder Glocken gegossen. Dass der Standort Tradition in diesem Handwerk besitzt, beweist die bisher größte Glocke, die 1929 mit immerhin mehr vier Tonnen Gewicht gegossen wurde. Damit in der Neuzeit wieder große Glocken aus Lauchhammer kommen, musste investiert werden: "Wir brauchten einen neuen Ofen und die Gussgrube musste erweitert werden", sagt Geschäftsführer Maxim Engelmann (34). "Wir haben etwa 30 000 Euro für diesen Auftrag investieren müssen", stellt der Kunstguss-Chef klar.

Neben den Investitionen ist die Glockenmanufaktur aus Lauchhammer auch um einen eigenen Klang bemüht. Hier kommt die sogenannte "Glockenrippe" ins Spiel, die neben der Herstellung der Form auch für den Klang verantwortlich ist. Eigens für Lauchhammer hat der Rippenzeichner Friedemann Szymanowski aus Leipzig die "Lauchhammer-Rippe" gezeichnet. Damit haben die Glocken aus Lauchhammer einen eigenen, individuellen Klang. Für die gigantische Drei-Tonnen-Glocke, mit einem Durchmesser von 1,75 Metern und einer Höhe von 1,70 Metern, wurde ein Glockenguss aus 22 Prozent Zinn und 78 Prozent Kupfer hergestellt. "Zinn ist auch mit verantwortlich für den Klang der Glocke", erklärt Remenz."Nach dem ersten Anschlagen, nach der Auskühlung, wissen wir, ob alles gut verlaufen ist", sagt der Glockenfachmann.

Vor dem Guss gibt es die traditionelle Andacht in der Friedensgedächtniskirche, gleich neben der Gießerei. Dann ist gespanntes Warten angesagt. Als Glockengießer Andreas Noack endlich das Signal gibt, ergießt sich aus zwei Öfen zischend und brodelnd das flüssige Metall in die Gussgrube. Verbrennende Gase schießen aus den Lüftungsöffnungen, wie Fackeln einer Ölraffinerie. Gespannt filmen und fotografieren die 30 mitgereisten Glockenfans aus Güstrow den Vorgang, bis der dicke Rauch die Angelegenheit etwas undurchsichtiger machte. "Etwa vier Wochen muss die Glocke in der Grube auskühlen", erklärt Andreas Noack, "dann werden wir sehen, wie der Guss gelungen ist", schiebt er mit einem Augenzwinkern nach.

Voller Vorfreude auf sein Dreiergeläut ist Pastor Matthias Ortmann aus Güstrow: "Ich war im Februar schon mal hier und habe alles abgesprochen", so der Pastor, "seitdem stieg von Tag zu Tag die Vorfreude."

Bei der Ausschreibung sei die Entscheidung bewusst für Lauchhammer gefallen. "Wir haben gemerkt, dass hier mit unserem Auftrag ein traditionsreiches Unternehmen sein Geschäftsfeld erweitern kann, das war ein wichtiger Grund", sagt Pastor Ortmann. "Wir haben Gottvertrauen in das Unternehmen - ohne dem geht es nicht", sagt er schmunzelnd. Die Güstrower Kirchengemeinde lässt ein Auftragsvolumen von 110 000 Euro in Lauchhammer. Geht es nach Pastor Ortmann, dann sollen alle drei Glocken erstmals Pfingsten 2016 über Güstrow läuten. "Die Glockenweihe könnte am Sonntag vor Pfingsten stattfinden, wenn denn beim Glockengießen alles glatt gelaufen ist", so der Pastor. Der Guss der beiden anderen Glocken, die immerhin 1,4 und 1,1 Tonnen auf die Waage bringen, ist für den 11. Dezember geplant. "Ich buche schon mal für Januar die Spedition", scherzt Pastor Ortmann und übt damit unfreiwillig einen gewissen Leistungsdruck auf die Glockenmanufaktur. Das bringt aber die 17 Mitarbeiter um Geschäftsführer Engelmann nicht aus der Ruhe. Sie sind sich ihres Könnens bewusst und genießen den Tag.