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Granate in Hohenbocka kontrolliert gesprengt

Die Führungsbänder der Splittergranate von Hohenbocka sind noch gut zu erkennen. Der Zünder am Ende ist beschädigt.
Die Führungsbänder der Splittergranate von Hohenbocka sind noch gut zu erkennen. Der Zünder am Ende ist beschädigt. FOTO: Kampfmittelbeseitigungsdienst
Hohenbocka. Eine Granate einer schweren Flugabwehrkanone (Flak) der Wehrmacht ist gestern Morgen in Hohenbocka kontrolliert gesprengt worden. Ein Bauer hatte das explosive Geschoss am Vortag beim Pflügen eines Feldes nur wenige hundert Meter vom Dorf entfernt zutage befördert und Alarm geschlagen. Kathleen Weser und Steffen Rasche

Routiniert dreht Landwirt Guido Klauka am Sonnabend seine Runden mit der Scheibenegge auf dem Feld bei Hohenbocka. Die Maschine, mit der die obere Bodenschicht gelockert und Erdschollen zerkleinert werden, löst plötzlich ein klirrendes Geräusch aus. Der Bauer steigt vom Bock und entdeckt einen Gegenstand, den er zunächst für eine vergammelte Keramikflasche hält. Dann schrillen die Alarmglocken: Fundmunition.

Sprengmeister Enrico Schnick hat Wochenend-Bereitschaft beim Kampfmittelbeseitigungsdienst Brandenburg und eilt zum Fundort. Hier erkennt er sofort: Die 10,5-Flak-Granate aus dem Zweiten Weltkrieg ist scharf, und der Zündmechnismus ist beschädigt. Das Geschoss mit einem vorgespannten Zündsystem, dessen Schlagbolzen auch Kollege Uwe Zierdt sofort im Zündschaft vermutet, ist gefahrlos nicht mehr zu transportieren. Aber auch das kontrollierte Sprengen ist bei Anbruch der Dunkelheit unmöglich. Die Ortswehren Grünewald/Sella und Hohenbocka sperren und überwachen den Fundort deshalb über Nacht im Wechsel. Elf Stunden sind die Feuerwehrleute im Einsatz, bis die Sprengmeister gestern in aller Frühe wieder anrücken - und zur Tat schreiten können.

Ortswehrführer Kay-Uwe Feike, hauptberuflich in einem Bauunternehmen tätig, lässt einen Radlader anrollen. Auf dem Acker wird ein Loch ausgehoben, in das die Experten das explosive Geschoss unter größter Vorsicht legen. Eine Sprengstoffladung (Nitropenta) wird hinzugefügt und die Sprenggrube mit Boden abgedeckt. Feuerwehr und Polizei sorgen dafür, dass die Anwohner der nahe gelegenen Höfe im Haus bleiben und die Jalousien dicht machen. Auch der Fahrzeugverkehr in den umliegenden Straßen und auf dem Radweg wird gestoppt. Dann gibt Sprengmeister Uwe Zierdt mit dem Horn das erste, das lange Signal. Das heißt: in Deckung gehen. Zwei kurze folgen: Zünden. Sprengmeister Enrico Schnick löst die Fernzündung aus. Sekunden später ist der gedämpfte, aber doch lautstarke Knall zu hören. Und ein hartes Klackern lässt wenig später darauf schließen, dass einige Splitter der detonierten Granate auf einem Dach aufgeschlagen sind. Die Sprengmeister eilen zum Sprengloch. Das Geschoss ist in der Erde zerborsten. Das Austreten der Splitter ist weitgehend verhindert worden. Die Druckwelle der kontrolliert ausgelösten Explosion hat jede Menge Sand auf den Radweg am Feldrand befördert. Die noch warmen Teile der zerborstenen Granate werden eingesammelt. Und Sprengmeister Enrico Schnick bestätigt sichtlich zufrieden: Das Geschoss ist mustergültig unschädlich gemacht. Nach zwölf Jahren Bundeswehr mit Einsätzen in Afghanistan, wo Waffen der Art im Einsatz waren, ist er seit drei Jahren beim Kampfmittelbeseitigungsdienst tätig - oft in der Gegend. Denn hier waren im Zweiten Weltkrieg vor allem Luftangriffe der Alliierten auf den kriegswichtigen Chemiestandort Schwarzheide geflogen worden. Im alten Flak-Gürtel tauchen nach wie vor oft auch Blindgänger deutscher Flugabwehrkanonen auf. Zuletzt waren bei Klettwitz 24 Granaten unschädlich gemacht worden.

Zum Thema:
Die Flak-Granate aus deutscher Produktion mit einem vorgespannten Zündsystem war im Zweiten Weltkrieg aus der Abwehrstellung der Wehrmacht für Schwarzheide bei Hohenbocka abgeschossen worden, aber damals aus ungeklärter Ursache nicht detoniert. Das Geschoss fiel vom Himmel, wahrscheinlich hart auf den Boden und lag damit zunächst tiefer in der Erde. Winterfröste und die Bodenbearbeitung haben sie nach Jahrzehnten an die Oberfläche befördert. Die Geschosse der hier eingesetzten Flugabwehrkanonen (Explosivmunition) haben Weiten von 3000 bis zu 6000 Metern erreicht. Die gegnerischen Flugzeuge sind damit in Flughöhen von etwa 10000 Metern gezwungen worden. Nach Ablauf einer einstellbaren Flugzeit durch Zeitzünder sollten die Geschosse möglichst nah am Ziel detonieren und damit ihre zerstörerische Kraft entfalten. Die Wahrscheinlichkeit direkter Treffer im Ziel war gering.