Für den geborenen Schwarzbacher Gunther Thümmel war es ein Zufallsfund. Der Naturfotograf, der heute in Neupetershain lebt, war im Herbst des vergangenen Jahres mit seinem Fahrrad am Sedlitzer See unterwegs. Der Elektroingenieur wollte eigentlich eine Blüte fotografieren. Doch dabei machte er die Entdeckung seines Lebens: ein kreiselnder grüner "Hubschrauber", der sich als Gottesanbeterin entpuppte. Das Rieseninsekt lässt den 61-Jährigen, der viele Jahre in Senftenberg lebte, seitdem nicht mehr los.

In fachkundiger Begleitung unternahm er mehrere Exkursionen, um nachzuschauen, ob sich eine lebensfähige Population entwickelt oder ob es beim Einzeltier bleibt. Sein letzter Ausflug Anfang September mit dem Biologen Ingmar Landeck vom Institut für Bergbaufolgelandschaft Finsterwalde war ein voller Erfolg. "Das Ausbreitungsgebiet der Mantis religiosa ist viel größer als ursprünglich angenommen", zieht er ein Fazit. Gefunden wurden neun Weibchen, 13 Männchen und ein Pärchen. Bereits im August hatte er an zwei verschiedenen Stellen mehrere Tiere gesichtet, teilweise sogar bei der Paarung beobachten können.

Mit diesem Ergebnis haben beide Männer nicht gerechnet. Die Tiere sind im vergangenen Jahr am Westufer des Sedlitzer Sees heimisch geworden. Die Population breitet sich trotz steigenden Wasserstandes aus und bevölkert die warmen Uferbereiche. "Wir gehen davon aus, dass sich der Bestand dort dauerhaft etabliert", erklärt Diplom-Biologe Landeck. Gesichtet wurden Gottesanbeterinnen auch in anderen Bereichen Südbrandenburgs, wie Cottbus, Finsterwalde und Lübbenau. Eine lebensfähige Population konnte laut Landeck aber bisher nur am Sedlitzer See nachgewiesen werden. Umso mehr freut den Entdecker Gunther Thümmel, dass seine Tiere sich offenbar in der Lausitz wohlfühlen und sich rasant vermehren.

Damit wächst für ihn die Wahrscheinlichkeit, die grasgrünen oder braunen "Hubschrauber" vor die Linse zu bekommen. Die imposanten Tiere ziehen den Hobby-Fotografen magisch an. Besonders fasziniert ist Gunther Thümmel von den Augen der Rieseninsekten. "Sie strahlen grün, lila und blau. Ein einzigartiges Farbspiel", gerät er regelrecht ins Schwärmen.

Seit dem Erstfund im September des vergangenen Jahres steht Gunter Thümmel auch mit dem Entomologen und ausgewiesenen Experten für Mantis religiosa in Deutschland, Reinhard Ehrmann aus Karlsruhe, in regelmäßigem Kontakt. Für den Fachmann, der ehrenamtlich für das Staatliche Museum für Naturkunde Karlsruhe arbeitet, ist der Fund bei Senftenberg eine Sensation. Für ihn spricht alles dafür, dass sich die Tiere dort wohlfühlen und sich weiter reproduzieren. Mit dem Ergebnis der jüngsten Exkursion sei bewiesen, dass es sich im vergangenen Jahr nicht nur um ein verirrtes Einzelexemplar gehandelt haben kann. Die Vermutung, dass noch mehr Gottesanbeterinnen dort zu finden sind, habe sich als richtig erwiesen.

Wie die wärmeliebenden Rieseninsekten es bis ins Lausitzer Seenland geschafft haben, bleibt ein Rätsel. Die Gottesanbeterinnen können schließlich mit Rückenwind nur mehrere Hundert Meter weit fliegen. Der Entomologe Reinhard Ehrmann hat den Verdacht, dass sie in Folge der Renaturierung "eingeschleppt" sein könnten. Davon geht auch Ingmar Landeck vom Institut für Bergbaufolgelandschaft in Finsterwalde aus. "Es ist eine Spekulation, aber durchaus denkbar", erklärt er. Schweres Sanierungsgerät aus dem Bereich Nochten sei auch am Sedlitzer See zum Einsatz gekommen. Im Tagebau Nochten ist eine Gottesanbeterinnen-Population seit 2007 heimisch. Mit den Baumaschinen könnten Eipakete der Nochtener Weibchen zum Sedlitzer See verschleppt worden sein.

Ob die Sedlitzer Gottesanbeterinnen für immer bleiben, wird sich erst in den kommenden Jahren herausstellen. Gunther Thümmel will wachsam bleiben und den sich entwickelnden Bestand genau beobachten. Im Spätherbst wird er mit dem Biologen Landeck erneut nach Eipaketen (Ootheken) Ausschau halten. Wenn sie fündig werden, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die grünen "Hubschrauber" im nächsten Sommer wieder rotieren.

Zum Thema:

Das größte Insekt DeutschlandsDie Gottesanbeterinnen heißen so, weil sie ihre Vorderbeine wie zum Gebet erheben, wenn sie auf ihre Beute lauern. Die Behauptung, dass die kleineren und schlankeren Männchen während oder nach der Paarung immer vom Weibchen verspeist werden, stimmt nicht. Der Lebensraum dieser wärmeliebenden Insekten sind trocken-warme Busch- und Graslandschaften. Die globale Klimaerwärmung hat die Ausbreitung der Mantis religiosa in Deutschland nach Norden und Osten ermöglicht. Erwachsene Tiere erreichen eine Länge bis 75 Millimeter und sind damit neben dem Hirschkäfer das größte Insekt in Deutschland.