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| 15:16 Uhr

Lausitzer Heimatgeschichte
Warum Kleinkoschen sein Antlitz komplett verändert hat

 Hier präsentiert Helmut Ruhland den Kleinkoschener Ortsplan aus dem Jahr 1842. Damals begann die Separation, also die Privatisierung des bisherigen Gemeinwesens, aus heutiger Sicht eine Flurneuordnung.
Hier präsentiert Helmut Ruhland den Kleinkoschener Ortsplan aus dem Jahr 1842. Damals begann die Separation, also die Privatisierung des bisherigen Gemeinwesens, aus heutiger Sicht eine Flurneuordnung. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Kleinkoschen. Von einst 15 Vierseithöfen im Dorf am Senftenberger See gibt es heute nur noch ein Drittel. Der örtliche Heimatverein hat recherchiert, warum. Von Torsten Richter-Zippack

Vor 609 Jahren ist Kleinkoschen erstmals urkundlich erwähnt worden. Doch von historischer Bebauung ist heute nur noch wenig zu sehen. Zum einen wüteten immer wieder Brände und vernichteten Teile des Dorfes, beispielsweise in den Jahren 1794 und 1860. Zum anderen kaufte der Bergbau ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts größere Flächen in und um das Dorf auf, um diese später zu überbaggern. Hinzu tritt ein weiterer Aspekt, der Helmut Ruhland, Vorsitzender des örtlichen Heimatvereins, besonders schmerzt: Nämlich, dass es für seinen Ort nach der politischen Wende keine Dorfentwicklungsplanung gab. So entstanden ab Mitte der 1990er-Jahre nicht nur die neuen Wohngebiete Elsterbogen und Nordwiesen. Sondern auch der historisch gewachsene Ortskern veränderte sein Ansehen komplett. Neue Familienheime folgten auf alte Bauernanwesen.

Um die 15 Vierseitenhöfe hat es ursprünglich in Kleinkoschen gegeben, zählt Helmut Ruhland. Heute sind es noch fünf bis sechs. „Mehrere alte Höfe wurden einfach abgerissen und mit Häusern aus dem Katalog neu bebaut“, resümiert Ruhland etwas sarkastisch. Der 80-Jährige lebt seit seiner Geburt in Kleinkoschen. Allein nach dem Jahr 1990 verschwanden drei kompakte Vierseitenhöfe für immer aus dem Ortsbild. Allerdings gibt es auch Beispiele für die liebevolle und aufwendige Rekonstruktion dieser für die Senftenberger Gegend so typischen Ensembles.

Und im Schwesterdorf Großkoschen, so wird es während des jüngsten Geschichtsabends des Kleinkoschener Heimatvereins deutlich, haben sich trotz aller Wirren der Zeit viel mehr traditionelle Bauformen erhalten. So ist beispielsweise der erst kürzlich neu gestaltete Dorfanger in seiner Hofbebauung historisch noch weitgehend komplett.

Für die Prozesse in Kleinkoschen hat Landwirt Ruhland eine eigene Theorie aufgestellt: „Die Leute sind Abrisse gewöhnt. Denn die Jahrzehnte des Bergbaus sind nicht spurlos an ihnen vorüber gegangen.“ Tatsächlich tätigte die Ilse Bergbau-AG laut der Ortschronik bereits im Jahr 1926 zahlreiche Grundstückskäufe in Kleinkoschen. Richtig los ging es aber nach dem Zweiten Weltkrieg, als die nahen Tagebaue Niemtsch und Koschen ihren Tribut forderten. Insgesamt 20 Gehöfte mussten den Gruben weichen, davon neun rund um die Wettigmühle, die sich östlich des Dorfes befand. Seit dem Jahr 2009 erinnert am Weststrand des Geierswalder Sees ein Gedenkstein an die frühere Siedlung. Dieser ist aber aus Sicherheitsgründen schon seit Jahren nicht mehr zugänglich, was der örtliche Heimatverein sehr bedauert. Jetzt wird über eine Umverlegung nachgedacht.

Immerhin: Das Anwesen von Helmut Ruhland in der Kleinkoschener Ortsmitte dürfte eines der ältesten im Dorf und dessen Umgebung sein. „Bei uns gibt es einen Holzbalken, in den die Jahreszahl 1494 eingekeilt ist“, berichtet Helmut Ruhland. Zur zeitlichen Einordnung: Zwei Jahre zuvor, 1492, hatte Seefahrer Kolumbus Amerika entdeckt. Damals gehörte das Gehöft einer Familie Mirschinka. Die Ruhlands leben auf dem Hof seit dem Jahr 1894. Anno 1973 hat Helmut Ruhland das Ensemble von seinem Vater Richard Ruhland übernommen.

Glücklicherweise, so sagt der Heimathistoriker heute, habe er viele Vierseithöfe rechtzeitig vor deren Abriss fotografisch dokumentiert. „Das ist nicht selten das einzige, was davon übrig geblieben ist“, bedauert der 80-Jährige. Viele Alteingesessene könnten bis heute nicht nachvollziehen, warum die Gehöfte nicht erhalten worden sind. Die beiden Vertreter der Stadt Senftenberg, die dem Geschichtsvortrag beiwohnen, sagen dazu im offiziellen Teil nichts. Allerdings gehört Kleinkoschen erst seit der Jahrtausendwende zur Seestadt.