Wenn Frank Kümmel die Zeit noch einmal zurückdrehen könnte, hätte er mit seinem Bruder Uwe die Schälmühle wahrscheinlich nicht an der Bahnhofsstraße, sondern auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerkes gebaut. "Aber der Betrieb lebt", sagt der kaufmännische Geschäftsführer. 13 Millionen Euro Umsatz erwarten die Kümmel-Brüder in diesem Jahr. Damals, im Jahr 1999, sei das nicht absehbar gewesen. Banken hätten den Brüdern kein Geld mit diesem Vorschlag gegeben. Auf dem Gelände der ehemaligen Saatbeize konnten sie aber die vorhandene Struktur und Equipment nutzen.

Carmen und Wolfgang Kossick wären froh, wenn die Mühle nicht direkt vor ihrer Haustür stehen würde. Nur die Bahnhofstraße trennt das große Gebäude von ihrem Grundstück. Andere Familien sind ebenfalls betroffen, wenn auch nicht alle gleich stark. Carmen Kossick zählt auf: Die Sonne finde kaum mehr in ihre Gärten. Der Lärm mache einen krank. Der Geruch sei das kleinere Übel.

Aktuell fühlen sich die Kossicks und ihre Nachbarn durch den Lärm eines vor Kurzem installierten Förderbandes bedroht. Wie ein Flakgeschütz soll es wummern. Am Tag, aber auch in der Nacht. "Das ist eine Zumutung", sagt Carmen Kossick. Nachbarin Veronika Jurk bestätigt. "Sie können nicht machen, was sie wollen."

Notwendig geworden sei das Förderband im Zuge der Baufeldfreimachung für das geplante Silo, erklärt der für die Produktion verantwortliche Uwe Kümmel. Etwa zwei Jahre werde diese "Zwischenlösung" genutzt. Vorausgesetzt sie macht nicht zu viel Lärm. Das Ergebnis eines Gutachtens erwartet er noch in dieser Woche. Nachts darf die Brücke nicht mehr als 45 Dezibel laut rattern, am Tag die 65-Dezibel-Grenze nicht überschreiten. Das schreibt das Immissionsschutzgesetz im Mischgebiet vor.

Die Kossicks leben allerdings auf ausgewiesenem Wohngebiet. Die Schälmühle wiederum steht auf Gewerbegebiet. Die Kossicks sind deshalb irritiert und beschwerten sich beim Landesumweltamt, beim Landkreis und bei der Stadt Vetschau. "Die Bedenken sind voll berechtigt", sagt Lutz Gubbatz vom Fachbereich Bau bei der Stadt Vetschau. Baugenehmigungen würden aber von der Unteren Bauaufsichtsbehörde erteilt.

Die Förderbrücke sei genehmigungsfrei. Das geht aus einem an die Familie Kossick gerichteten Schreiben hervor, das der RUNDSCHAU vorliegt. "Solche Änderungen sind (. . .) genehmigungsfrei gestellt, wenn sie nur von geringer bauordnungsrechtlicher Bedeutung sind", heißt es dort.

Die Gebrüder Kümmel hätten Verständnis für den Ärger der Anwohner. "Wir versuchen ja, die Belastung so gering wie möglich zu halten." Man müsse aber auch verstehen, dass mit der Investition auch die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gesichert werde. Immer neue Richtlinien der EU, die mehr Hygiene fordern, mache das neue Silo notwendig.

Die Gebrüder Kümmel beschäftigen nach eigenen Angaben in Vetschau rund 35 Mitarbeiter, in Burg 25. Rund 20 000 Tonnen Getreide werden im Jahr zu Vollkornmehl, glutenfreien Produkten oder zu Backmischungen verarbeitet. Großabnehmer ist die Bäckerei Harry. Babykost-Hersteller wie Milupa, Alete und Hipp werden ebenfalls beliefert.