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| 11:00 Uhr

Bergbausanierung
Raupenfahrer in Todesangst

Raupenfahrer Klaus Ackermann zeigt ein Bild des noch aktiven Tagebaus Niemtsch. Kurze Zeit später, vor genau 50 Jahren, ist der gewaltige Schieber der Flutungsleitung geöffnet worden. Die Geburtsstunde des Senftenberger Sees wurde in der vergangenen Woche gefeiert.
Raupenfahrer Klaus Ackermann zeigt ein Bild des noch aktiven Tagebaus Niemtsch. Kurze Zeit später, vor genau 50 Jahren, ist der gewaltige Schieber der Flutungsleitung geöffnet worden. Die Geburtsstunde des Senftenberger Sees wurde in der vergangenen Woche gefeiert. FOTO: Jan Augustin / LR
Senftenberg. Klaus Ackermann hat vor 50 Jahren den Strand für den Senftenberger See zurechtgeschoben - und fast sein Leben verloren.

Es ist ein schöner Gründonnerstag. Ein paar Wolken am Himmel, die Sonne wärmt angenehm. Klaus Ackermann geht mit gutem Gefühl auf Arbeit. Das lange Osterwochenende steht vor der Tür. „Ich habe ganz normal meine Schicht begonnen“, erinnert sich der heute 76-Jährige an den Tag, an dem er fast sein Leben verloren hätte. Klaus Ackermann arbeitet damals als Raupenfahrer. Er schiebt gewaltige Erdmassen aus den ausgekohlten Tagebaulöchern zusammen und ebnet so die geschundene Lausitzer Kraterlandschaft. Auch an diesem Tag im Jahr 1966 ist das seine Aufgabe. Der Senftenberger See steht ein Jahr vor Flutungsbeginn. Das Grundwasser hat schon ein kleines Loch gefüllt, aus dem eine etwa zwei Meter hohe Insel ragt. Nun soll der Strand angelegt werden. „Ich habe die Anweisung bekommen, den Kippenboden abzuflachen“, erklärt der Senftenberger. Mit seiner „S 100“ russischer Bauart startet er die Mission und schiebt den Boden in Richtung Wasser. Als er aus der Seitenscheibe seiner Raupe schaut, überkommt ihn plötzlich die Angst: Der Boden, auf dem er fährt, rutscht stufenweise ab.

Es soll die größte Rutschung im Tagebau Niemtsch gewesen sein. Ausgerechnet die Raupe von Klaus Ackermann löst sie aus. Erdbewegungen in ehemaligen Tagebaugebieten sind heute noch aktuell. Seit 2009 und dem fortschreitenden Grundwasserwiederanstieg treten sie verstärkt auf Innenkippenflächen auf. Das bestätigt Uwe Steinhuber, Pressesprecher der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV). Insbesondere im Norden der Lausitz auf den ehemaligen Tagebaugebieten Schlabendorf-Nord, -Süd und Seese-West bestehe die Gefahr. „Im Rahmen dieser Rutschungen können großflächige Bewegungen an der Geländeoberfläche durch Massenumlagerungen in Verbindung mit Wasseraustritten nicht ausgeschlossen werden“, erläutert der Sanierungsexperte. Die LMBV hat daher auch die Innenkippenflächen gesperrt. Wegen Setzungsfließ- und Geländeeinbruchgefahr heißt es in der Lausitz aktuell auf 209 Quadratkilometern „Betreten verboten“. Das entspricht einer Größe von gut 20 000 Fußballfeldern.

Gewaltige Erdmassen haben sich 1966 auch in Niemtsch bewegt. „Ich habe unglaubliches Glück gehabt, dass ich den Fahrtwender vom Getriebe umlegen konnte“, erklärt Raupenfahrer Klaus Ackermann weiter. Mit seinem Gefährt schafft er es rückwärts gerade so nach oben. „Als ich ausgestiegen bin, habe ich gezittert. Mehr Todesangst geht nicht“, erinnert sich der agile Senior. Der damals noch sehr junge und unerfahrene Klaus Ackermann schnauft erst einmal durch. Zehn Minuten verstreichen. Dann entlädt sich der Druck. „Auf einmal kam das Wasser in hohem Bogen rausgeschossen“, schildert der Bergmann im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses am Kirchplatz. Die Welle soll sich bis zum Niemtscher Strand bewegt haben. Der Sand, der dort schon angehäuft wurde, verschwindet restlos im Wasser.

Wie viel Glück der gelernte Maschinist für Tagebaugeräte an diesem Tag hat, beweist auch der Blick in die Statistik. Allein 1972 wurden 55 Rutschungen in der Lausitz registriert. Eine davon, im Tagebau Klettwitz, endete für einen Ingenieur tödlich. Bei Sedlitz sind Gleisanlagen mit einer Rückmaschine und einer Kipperbude von der Erde verschluckt worden. Und im Restloch Niemtsch, in dem Klaus Ackermann Jahre zuvor dem Tod von der Schippe springt, wird eine Planierraupe begraben.

Einen Tag nach der Fast-Katastrophe wollten sich auch die Vorgesetzten von Klaus Ackermann ein Bild von der Lage machen. Ein Geologe und der damalige Rückbauleiter fordern ihn auf, die Erdmassen wieder in Bewegung zu bringen. Klaus Ackermann gehorcht, schiebt und schiebt. „Dann passierte das Gleiche wie am Vortag.“ Seine Beobachter sollen Stufe für Stufe nach oben gesprungen sein, bis auch sie gerade so wieder sicheren Boden unter den Füßen haben. Die Angst, erinnert sich Klaus Ackermann, hat man den Beiden sehr deutlich angesehen. „Sofort einstellen“, sollen sie gerufen haben. Heute erinnert sich Klaus Ackermann unaufgeregt mit einem Schmunzeln an seine Erlebnisse im Bergbau. Dass der Senftenberger See genau vor 50 Jahren seine Geburtsstunde feiert, als das erste Wasser auf seine gerade geschobene Erde läuft, rührt ihn aber immer noch.

(jag)