Mit einer roten Rose in der Hand ist Sabine Lehmann (64) auf die Reppister Anhöhe gekommen. Sie will dabei sein, wenn der Kölner Künstler Günter Demnig einen Stein des Gedenkens für Marianne Seidel in die Erde setzt. Marinanne Seidel ist ihre Großmutter. Kennengelernt hat sie ihre Oma, eine mutige Senftenbergerin, allerdings nie. Die war als Fraktionsführerin der SPD im damaligen Kreis Calau kurz nach der Machtübernahme der Nazis verhaftet und misshandelt worden. Infolge dessen erkrankte die schwangere Frau und Mutter von vier Kindern schwer und starb bereits mit 37 Jahren am 10. Juli 1933. "Mein Vater war 13, als er die Mutter verlor", berichtet Sabine Lehmann.

Etwa so alt wie Maxi-Patricia Kielmann heute. Sie ist mit ihrer Mitschülerin Jenny Schmidt und Lehrerin Vera Kaiser aus der Marianne-Seidel-Schule zur Stolperstein-Verlegung an diesen besonderen Ort gekommen. Der Tradition, vor den Häusern, in denen die Opfer ihre letzten normalen Wohnorte hatten, die Erinnerungssteine zu verlegen, lässt sich im Bergbauland nicht immer folgen. Marianne Seidel und Dora Singermann, an die auch auf dem Reppister Aussichtspunkt erinnert wird, haben in Senftenberg Flur gewohnt, einem Ort, der der Kohle weichen musste.

An ihn, an Rauno, Sauo oder Sedlitz-West erinnert die Anhöhe, jetzt auch an zwei Menschen, die in düsterer Zeit in Senftenberg zu Tode geschunden wurden.

Aus Berlin ist Jens-Henrik Lambart mit seiner Frau gekommen. Seine Mutter Astrid Zellner hatte mit ihren Eltern, der Nichtjüdin Herta Röstel und dem Juden Leo Zellner, in der Eisenbahnstraße 20 gelebt und seit der Machtergreifung Demütigungen und Misshandlungen erfahren. Die Eltern kamen um, Astrid überlebte in einem Unterschlupf. "Sie hat nie viel aus dieser Zeit erzählt", sagt ihr ältester Sohn nachdenklich. Sie habe sich wohl selbst nicht gern erinnern wollen an die quälende Zeit ihrer Kindheit und Jugend. Sie glänzen in der Mittagssonne und ziehen die Blicke vieler Einwohner, die vom Wochenmarkt kommen, auf sich. Die ersten Stolpersteine gegen das Vergessen sind am Dienstag in der Stadt verlegt worden. Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert hat sich dafür besonders engagiert.

Das Einlassen der extra angefertigten Steine in der Nähe der letzten Wohnorte der verfolgten Juden haben zahlreiche Großräschener mit großem Interesse verfolgt. Einige von ihnen können sich noch gut an die Namen und Schicksale der betroffenen Familien erinnern. Zu ihnen gehört Steffi Roick, die Patin ist für den Stolperstein für Armin Josef Gerechter.

Er ist 1899 in Klein Räschen geboren worden und wohnte in der Freienhufener Straße 2. 1930 übernahm er als Kaufmann das Kaufhaus, an das sich noch heute viele Großräschener erinnern. Armin Gerechter wurde am 10. November 1938 verhaftet und wenige Tage später ins KZ Sachsenhausen gebracht. Für den Zwansgsverkauf des Geschäftes wurde er entlassen. Er nutzte die Chance zum Untertauchen und zur Ausreise nach England. Das Kaufhaus steht heute leer. Seit gestern erinnert der Stolperstein auf dem Gehweg gegenüber an das Schicksal von Armin Gerechter.

Mit seiner Tochter Anne-Marit (22) und Sohn Erik (26) ist Matthias Riemann bei der Verlege-Aktion dabei. Die Familie wohnt seit 1988 in Großräschen. "Uns liegt es am Herzen, ein Zeichen zu setzen, damit die dunkle Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät", erklärt Matthias Riemann, der zum Gemeindekirchenrat gehört. Familie Riemann ist Pate für den Stein von Kurt Mannheim, der im Haus direkt gegenüber von ihrem Zuhause in der Neuen Straße gelebt hat. Kurt Mannheim war Textilkaufmann. In der Nummer 19 der heutigen Neuen Straße befand sich sein Strumpf- und Kurzwaren-Geschäft. Er wurde 1938 in Schutzhaft genommen und kam, wie andere Großräschener Juden, ins KZ Sachsenhausen. Seine Spur verliert sich mit seiner Deportation nach Auschwitz im Jahre 1943. Sein Geschäft ist nie wieder eröffnet worden.

Solchen Familien, die die Geschichte Großräschens geprägt haben, ein bleibendes Denkmal zu setzen, hält Bürgermeister Thomas Zenker (SPD) für sehr wichtig. Er weiß aus Erzählungen seiner Großmutter, dass die Judenverfolgung in der Stadt spürbar war. An den Gleisen in Großräschen-Süd waren Abtransporte organisiert worden. "Die Erinnerung daran muss wachgehalten werden", mahnt der Stadtchef.

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Stolpersteine halten nach einer Idee des Kölner Künstlers Günter Demnig die Erinnerung an Verfolgte in der Nazizeit wach. In Senftenberg hat sich besonders Eva Klein und in Großräschen Pfarrerin Dorothee Lange-Seifert dafür engagiert. hs