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| 01:30 Uhr

Früher waren die Hauptstraßen zweisprachig ausgeschildert

Günter Paulisch. Foto: T. Richter/trt1
Günter Paulisch. Foto: T. Richter/trt1 FOTO: T. Richter/trt1
Senftenberg. Am Sonntag wird um 14 Uhr im Bürgerhaus Wendische Kirche der erste sorbische/wendische Gottesdienst seit 129 Jahren abgehalten. Organisiert hat ihn der Hobbyvolkskundler Günter Paulisch aus Lubochow. Torsten Richter/trt1

Der 65-Jährige will das sorbische/wendische Selbstvertrauen in seiner Geburtsstadt Senftenberg stärken.

Wie kamen Sie auf die Idee mit dem sorbischen/wendischen Gottesdienst?
Wenn es in Senftenberg schon eine Wendische Kirche gibt, dann sollten in ihren Mauern auch sorbische/wendische Gottesdienste gehalten werden. Diese Idee kam mir bei meinen zahlreichen Besuchen zweisprachiger Gottesdienste in Cottbus, Vetschau, Peitz, Dissen und Briesen. Zudem habe ich im Senftenberger Pfarrer Manfred Schwarz einen engagierten Mitstreiter, da er im Spreewald mit der slawischen Sprache aufgewachsen ist.

Wer wird den Gottesdienst in Senftenberg halten?
Dazu hat sich der Pfarrer im Ruhestand, Dieter Schütt aus Sielow, bereiterklärt. Da er Muttersprachler ist, besitzt der Kirchenmann mit sorbischen/wendischen Gottesdiensten eine jahrzehntelange Erfahrung.

Spricht in Senftenberg überhaupt noch jemand sorbisch/wendisch?
Soweit ich weiß, lebt in der Stadt eine hochbetagte Frau, die der Sprache mächtig ist. Sie zog einst aus dem abgebaggerten Skado nach Senftenberg. Darüber hinaus gab es bis zum Jahr 1990 in Großkoschen eine Frau, die die sorbisch/wendische Tracht trug. Nach alten Unterlagen waren übrigens um 1880 sämtliche Buchwalder Sorben/Wenden.

Wenn kaum mehr jemand in Senftenberg diese westslawische Sprache beherrscht, wer sollte dann zu diesem Gottesdienst kommen?
Diese Frage wurde mir anfangs auch immer gestellt. Deshalb ist der Gottesdienst zweisprachig, nämlich sorbisch/wendisch und deutsch. Ich rechne mit ungefähr 40 bis 50 Kirchgängern, davon vielleicht 20 Senftenberger. Viele werden auch aus der Cottbuser Gegend sowie aus der Oberlausitz kommen. Mein Ziel ist es, dass sorbische/wendische Selbstbewusstsein bei den Leuten wieder aufzubauen. Dazu ist es natürlich wichtig, dass die Sprache gesprochen wird.

Wie erklären Sie sich dieses fehlende Selbstbewusstsein?
Bis heute distanzieren sich viele Einheimische vom Sorbischen/Wendischen. Das ist unter anderem auf jahrhundertealte Bestrebungen zurückzuführen, die slawische Sprache im Leben der Lausitzer immer mehr zurückzudrängen. Und gerade in und um Senftenberg hatten darüber hinaus die starke Industrialisierung und der damit verbundene Zuzug unzähliger Arbeitskräfte zum Aussterben der sorbischen/wendischen Sprache beigetragen. In Fabriken und Kohlegruben wurde Deutsch gesprochen.

Könnte die sorbische/wendische Sprache in Senftenberg wieder dauerhaft Fuß fassen?
Das wünsche ich mir sehr. Selbstverständlich gehört die Stadt für mich zum Siedlungsgebiet der Sorben/Wenden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie in den 1950er-Jahren die Hauptstraßen zweisprachig ausgeschildert waren. Rund 20 Jahre später verschwanden dann aber die in Deutsch und in Sorbisch gehaltenen Ortseingangsschilder. Das würde ich heute keinesfalls zulassen.

Wird es entsprechende Sprachkurse in der Seestadt geben?
Daran arbeite ich gemeinsam mit der Niedersorbischen Sprachschule Cottbus. Bislang haben sich leider noch nicht genügend Leute dafür gemeldet.

Mit Günter Paulisch sprach