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Frontfrau des Protestes gegen das Unrecht

Die kleine Aktionsgruppe gegen soziales Unrecht Senftenberg (Agsus) hält durch: Auch zur 150. Kundgebung führt Kerstin Weidner auf dem Marktplatz das Wort – bewundert und belächelt gleichermaßen.
Die kleine Aktionsgruppe gegen soziales Unrecht Senftenberg (Agsus) hält durch: Auch zur 150. Kundgebung führt Kerstin Weidner auf dem Marktplatz das Wort – bewundert und belächelt gleichermaßen. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Zur ersten Montagsdemonstration gegen Hartz IV in Senftenberg im August vor drei Jahren haben sich etwa 800 Menschen in den Protestzug der Aktionsgruppe gegen soziales Unrecht Senftenberg (Agsus) eingereiht. Mit Trillerpfeifen, Plakaten und Wut im Bauch. Kathleen Weser

Das hatte selbst die Akteure um Frontfrau Kerstin Weidner verblüfft. Mit der Zeit ist das Demonstrieren gegen den Frust auf dem Marktplatz zum Start in die Woche für Agsus immer einsamer geworden. Und seit die Menschen den Weg zum Protest praktisch eingestellt haben, kommt der Protest eben zu den Menschen: auf den Wochenmarkt am Sonnabend. Der ist immer gut besucht. Und Kerstin Weidner führt weiter das Wort gegen das Unrecht. An diesem Wochenende zum 150. Mal. Und zumindest das Durchhaltevermögen der Senftenbergerin ist allseits anerkannt.

Die Frau polarisiert: Händler beklagen, dass sie sich jede Woche "zutexten lassen" müssten und am liebsten, "wie die meisten Leute auch", die Flucht ergriffen. Bedeutungsvoll wandert der Zeigefinger der Kritiker der Kundgebung in Richtung der eigenen Stirn. Andere wiederum erklären, das störe sie überhaupt nicht. Irgendwie habe "die Frau ja auch Recht". Auch wenn der ganze Zauber eigentlich überhaupt nichts bringe.

Eine Gruppe Bayern, die zum Reisbrennen auf dem Lausitzring angereist ist und im Rathaus-Café auf dem Altstadtpflaster am Marktplatz unmittelbar neben den Agsus-Akteuren seeeehr geduldig auf einen Kaffee wartet, zeigt sich amüsiert. Vom "bedingungslosen Grundeinkommen", das Kerstin Weidner lautstark ins Mikrofon propagiert, halten sie offensichtlich wenig. Aber die Frau habe schon Courage, bestätigt die Männerrunde. Und selbstverständlich müssten die Leute, die ein Leben lang gearbeitet haben, auch von der Rente leben können.

Pfarrer Manfred Schwarz gratuliert Kerstin Weidner und den Agsus-Mitstreitern mit Energie. Die Schokolade aus fairem Handel aus dem nahen Eine-Welt-Laden hat durchaus Symbolkraft. Mit dem hohen Kakaogehalt gehört sie zur bitteren Sorte. Mit der Intension bringt der Pfarrer die Tüte aber ausdrücklich nicht vorbei. Und Bitterkeit liegt Kerstin Weidner auch fern. "Wir haben nie gedacht, dass wir so lange gebraucht werden", sagt sie. "Aber das Unrecht ist noch größer geworden", ergänzt die Agsus-Sprecherin. Der stete Stachel im satten Fleisch der großen Politik sei notwendig. Die Parteien, die die Macht haben, das Land zu gestalten, täten das oft selbstherrlich an den Menschen vorbei. Das müsse gesagt werden - und komme auch hier und da an. "Die Leute diskutieren mit uns, das ist uns wichtig. Für große Veränderungen sind wir leider zu klein", sagt Kerstin Weidner. Bösartige Kritik pralle an ihr ab. Nur dass sie viel rede, um höhere Sozialleistungen einzufordern, statt selbst zu arbeiten, trifft sie doch. "Ich habe nie Leistungen vom Staat bezogen. Und familiäre Entscheidungen werde ich auch nicht öffentlich kommentieren", stellt Kerstin Weidner klar. Sie engagiere sich gesellschaftlich und breche keine Lanze für die soziale Hängematte, sondern wolle, dass realistisch über die Arbeitswelt der Zukunft diskutiert werde. Auch dafür wird sie weiter auf dem Marktplatz stehen - und die Stimme erheben.