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| 02:53 Uhr

Frischzellen-Kur mit überraschenden Ergebnissen

Die Biotürme in Lauchhammer werden nur als spürbarer Teil der Kokerei erlebbar.
Die Biotürme in Lauchhammer werden nur als spürbarer Teil der Kokerei erlebbar. FOTO: Steffen Rasche/str1
Großräschen. Die Frischzellen-Kur für die Standorte Lauchhammer, Geierswalde und Plessa fünf Jahre nach der Internationalen Bauausstellung (IBA) "Fürst Pückler-Land" mündet in den guten Rat: Schluss zu machen mit alten Zöpfen ohne breite Akzeptanz der Bürger. Kathleen Weser

Neue kreative und innovative Ideen, die Potenziale im Freizeit- und Tourismusbereich in Lauchhammer "zu erhalten und lebensfähig zu gestalten", hat sich die Stadt Lauchhammer von der Arbeitswoche der Studenten der Brandenburgischen-Technischen Universität (BTU) Cottbus - Senftenberg und der Alanus Hochschule für Kultur und Gesellschaft in Alfter (Nordrhein-Westfalen) versprochen. Hauptamtsleiter Jörg Rother hat den Blick der angehenden Planer und Künstler deshalb gezielt auf die Biotürme, "als einziges noch vorhandenes markantes Bauwerk der einstigen Braunkohle-Industrie in Lauchhammer, und auf den angrenzenden Relikte-Park" gelenkt. Und Neugier hat er durchaus auch wecken können. Das Thema Stahl, Eisen und Bergbau aufzugreifen, ist zunächst bei den Studenten auf fruchtbaren Boden gefallen. Doch an der Aufgabe haben sie sich dann vor Ort und im IBA-Studierhaus Großräschen fruchtlos abgearbeitet - bis zum Aufgeben. Das klare Fazit: Die Biotürme sind als solche als touristischer Veranstaltungsort nicht zukunftsfähig zu entwickeln.

Knackpunkt: Industriegeschichte

Die stillgelegte biologische Abwasserreinigungsanlage sei und bleibe ein Industriedenkmal. Und das finde nur Akzeptanz in der Bürgerschaft und bei einschlägig Interessierten, wenn es als Teil der Industriegeschichte der Großkokerei Lauchhammer für jedermann ohne Zaun zugänglich sei und sich vor Ort auch selbst erkläre. Die Studenten halten den Stadtvätern damit den Spiegel vor. Denn ursprünglich hatten von der Bergbausaniererin beauftragte Planer vorgeschlagen, das Kokerei-Gelände bis zu den Neuteichen und einschließlich des Erd-Sarkophags, der die Umwelt-Altlasten der Produktion dauerhaft einschließt, als aktiven Landschaftspark der Bürger nutzbar zu machen und damit eine neue starke Verbindung zu schaffen. Dies wurde nie aufgegriffen. Der persönliche Zugang zum Zeitzeugen fehlt bis heute, stellen die Studenten fest. Die Biotürme seien für die Menschen in der Stadt nur interessant und vorzeigbar, wenn sie sich selbst mit ihnen identifizierten. Nur der Bezug zum Arbeitsplatz in der Kokerei sei das Mittel, diese Nähe zu erzeugen. Eine gläserne Bilder-Säule, die die Produktionsanlagen in Originalansichten zeige und nachvollziehbar beschreibe, könne helfen.

Den prägendsten Eindruck bei den Studenten haben in Lauchhammer allerdings die maroden Garagen-Siedlungen hinterlassen. Kunststudenten fühlen sich inspiriert, diese als Schutzräume der Bürger zu ergründen. Über die Wahrnehmung der Stadt durch unbedarfte Fremde sagt auch das eine Menge aus.

Klares Testergebnis in Plessa

Dass die Akzeptanz von unten der einzige Weg zu einem lebendigen Ort ist, hat auch Harald Hoppe aus Bonn in Plessa eindrucksvoll bewiesen. Vom Kraftwerk Plessa, das im Rahmen der IBA mit viel Geld als gewaltiger Zeitzeuge der Lausitzer Industriegeschichte erhalten worden ist, hat er sich abgewendet. Das Herz der Plessaer schlägt für das Kulturhaus. Das hat Hoppe, der aus Berlin stammt und sich schon nach der Wende in die Lausitz verliebt hat, sehr schnell bestätigt gefunden. Mit einem roten Stuhl aus dem Kulturhaus. Mit dem ist er durch Plessa gezogen - und hat liebenswerte Geschichten und bürgerliches Engagement gefunden. Nachdem der Stuhl auf der Kreuzung der viel befahrenen Bundesstraße durch den Ort mit Blick auf das Kraftwerk von den Durchreisenden schlichtweg sicher umfahren worden ist, hat Hoppe das legendäre Möbelstück in Geschäfte geschleppt und die Plessaer dort zum Kulturhaus-Stuhl befragt. Seine Momentaufnahme: Die Kulturarbeit in Plessa steht Kopf, weil sie durch den von Sachzwängen dominierten Streit um Kulturhaus und Kraftwerk dominiert wird. Dabei liegt die Antwort auf der Hand oder hier vielmehr auf der Straße: Die Leute wollen ihr Kulturhaus erhalten. Hoppe ermuntert genau dazu. "Ich kann mir vorstellen, dass die Plessaer ihr Kulturhaus am Tage der Entscheidung für den Erhalt mit einem jährlichen Fest der Vereine und Nutzer großartig feiern." Amtsdirektor Manfred Drews zeigt sich von den Studentenarbeiten überrascht, mit dem persönlichen Draht zur Kunst auch durchaus positiv. Mit mehr Wertschätzung für das Ehrenamt, auf das alle Arbeiten abzielen, aber lösten sich die Probleme im Ort nicht.

Bürger sind mittendrin
Am stärksten identifizieren sich die Menschen in Geierswalde mit ihrem Dorf am See. Trotz großer Probleme im Verkehrsraum und zunehmendem Konfliktpotenzial mit der fortschreitenden touristischen Entwicklung. Zwei Hinweise sind das Zwischenergebnis des ersten Blickes auf Geierswalde: Das Dorfleben dürfe nicht dem Tourismus untergeordnet werden. Auf der Verbindung vom Dorfkern zum neuen See sei es wichtig, den industriellen Ursprung des künstlichen Gewässers als dessen Besonderheit dauerhaft erlebbar zu machen - beispielsweise mit wegweisenden alten Brückengeländern von Tagebaugeräten.

Die Studenten arbeiten übrigens bis Februar weiter an der Frischzellen-Kur für die drei IBA-Standorte. Nach der ersten Arbeitswoche in der Lausitz dürfte das spannend für die Stadt und die beiden Gemeinden bleiben.