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| 02:32 Uhr

Frisch geschoren in den Frühling

Wenn Muttertiere geschoren werden, dürfen Lämmer im Arm von Maik Hahn zuschauen, hinten links arbeitet Jens Gerbert.
Wenn Muttertiere geschoren werden, dürfen Lämmer im Arm von Maik Hahn zuschauen, hinten links arbeitet Jens Gerbert. FOTO: U. Hegewald
Luckaitz. Für einen Vormittag durfte sich das Dörfchen Luckaitz als Nabel der Welt fühlen. Am Ortsrand trafen sich der bundesweit tätige Schäfermeister Maik Hahn (35) und Schaf-Scherer Jens Gerbert (49), der bereits in Neuseeland und Schottland arbeitete. Knapp 90 Tieren ging es an die Wolle. Uwe Hegewald / uhd1

Zur Begrüßung gab es Glückwünsche für Maik Hahn. Zu Beginn dieser Woche hat der in Coswig (Freistaat Sachsen) ansässige Landwirt sein Schafmeister-Zertifikat zugeschickt bekommen. Den Meisterlehrgang habe er in der Fachschule für Landwirtschaft Großenhain absolviert, eine der letzten vier verbliebenen in ganz Deutschland, sagt er.

Wurzeln in Dörrwalde

Die Wurzeln des 35-Jährigen liegen in Dörrwalde (Stadt Großräschen). In dem Dorf leitete sein Vater Konrad bis zur Wende die Schäferei. Nach mehreren Jahren des Tingelns durch ganz Deutschland wagte Maik Hahn im vorigen Jahr den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit, um wenige Monate später den Job fast wieder hinzuschmeißen. "20 Cent werden momentan für ein Kilo Wolle gezahlt. Das ist jenseits von Gut und Böse", beklagt er.

Im bayerischen Augsburg, wo Schafwolle zu edlen Teppichen verarbeitet wird, liege der Betrag bei zwei Euro. Gute Erträge beim Verkauf von Lammfleisch und verbindliche Pacht- und Pflegeverträge an den Elbe-Ufern bei Riesa haben ihm zum Weitermachen animiert.

Maik Hahn züchtet Coburger Fuchsschafe. "Eine genügsame Landschaftsrasse, die auch mit karger Vegetation auskommt. Mit klassischen Hauswirtschaftsrassen würde ich auf den Elbwiesen oder anderswo eingehen", sagt er. Durchschnittlich zwei bis drei Minuten benötigt Schaf-Scherer Jens Gerbert zum "Rasieren". "Einmal jährlich sollen die entsprechenden Rassen geschoren werden. Überjährige Wolle führt zum verstärkten Befall von Außenparasiten und zu schlechterer Qualität der Wolle", begründet der 49-Jährige. Überall in Deutschland, aber auch in Neuseeland und Schottland, hat er schon zur Schafschere gegriffen. Regelmäßig nimmt er an deutschen Schurmeisterschaften teil und stellt sich internationalen Wettbewerben. "2015 ging es zur Royal Highland Show im schottischen Edinburgh. Das ist mein Urlaub", sagt er. Jens Gerbert praktiziert das Scheren mit auf dem Fußboden hockenden/liegenden Schafen, wie es in Übersee ausgeführt wird. Dabei werden die Tiere im Gegensatz zu anderen Techniken mit den Füßen und dem Körper arretiert.

Wolle geht nach China

Allein die "lästige Rumfahrerei" sei nervig, so der Märkisch-Oderländer, der Donnerstag vom heimischen Wriezen nach Luckaitz düste. Eine noch längere Reise wird die Wolle antreten, die zur Weiterverarbeitung nach China exportiert wird. "Es gibt in Europa nur noch wenige kleine Manufakturen. Schafwolle ist zum Abfallprodukt verkommen und wird inzwischen als Sondermüll klassifiziert. Selbst der Transport muss gegenüber Behörden lückenlos nachgewiesen werden", so Maik Hahn. Zum Glück habe er mit "seiner" Sabine eine verständnisvolle Ehefrau, die sich um den ganzen Bürokram kümmert. Sie sei die einzige Mitarbeiterin neben Berry - einer zwölfjährigen Mischlingshündin.

Für den Schäfermeister ist es derzeit nicht denkbar, zusätzlich einen Herdenschutzhund ins Team zu holen. "Das Land fördert die Anschaffung mit einem Zuschuss von 2000 Euro. Seriöse Hundezüchter wollen aber inzwischen bis zu 5000 Euro für ein Tier", führt Maik Hahn an.

Vor wenigen Monaten hat ein Wolf in seiner Herde trotz des Elektro-Zauns einen beträchtlichen Schaden angerichtet. Isegrims nächtlicher Besuch kostete 13 Luckaitzer Lämmern sofort das Leben. Weitere 15 starben durch Verlammung, einem Trächtigkeitsabbruch durch Frühgeburt. Dass ein Gutachten vorliegt und eine Entschädigung in Aussicht steht, tröstet den Schäfermeister nur in geringem Maße. Für ihn ist es ein schwerer Verlust.

Zum Thema:
Ein fünfjähriges Schaf namens Franzi wird wohl nie einen Schlachter sehen. Maik Hahn hat das Tier mit der Flasche großgezogen. "In Nürnberg war Franzi die Attraktion bei Kindern", erzählt er. Wenn die komplette Herde vom Winterquartier in Luckaitztal zum Sommerquartier ans Elbufer wechselt, geschieht das per Lkw. uhd1