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| 17:21 Uhr

Der besondere Fall aus dem Klinikum Niederlausitz
Friedensdorf-SchützlingAbdul lernt wieder laufen

Vor seiner Entlassung zeigt Abdul, was er schon wieder drauf hat. Assistenzärztin Franziska Naumann (Mitte) und Pflegebereichsleiterin Lydia Klunker (l.) freuen sich über die Fortschritte. Beide waren während des wochenlangen Krankenhausaufenthaltes wichtige Bezugspersonen für Abdul.
Vor seiner Entlassung zeigt Abdul, was er schon wieder drauf hat. Assistenzärztin Franziska Naumann (Mitte) und Pflegebereichsleiterin Lydia Klunker (l.) freuen sich über die Fortschritte. Beide waren während des wochenlangen Krankenhausaufenthaltes wichtige Bezugspersonen für Abdul. FOTO: Steffen Rasche / Klinikum Niederlausitz
Senftenberg. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 31. besondere Fall kommt aus dem Klinikum Niederlausitz in Senftenberg. Von Andrea Budich

Abdul ist ein ganz besonderer kleiner Junge. Der Neunjährige stammt aus einer Großfamilie in Afghanistan, die mitten im Kriegs- und Krisengebiet zu Hause ist. Seine drei Brüder und zwei Schwestern, seine Mutter und seinen Vater hat er schon über ein Jahr nicht mehr gesehen. Denn Abdul gehört zu 1500 verletzten und kranken Mädchen und Jungen aus der ganzen Welt, die Jahr für Jahr durch das Engagement des Friedensdorfes in Deutschland behandelt werden.

Abdul steigt auf zwei Krücken aus dem Flieger. Nach einer Bombenverletzung während eines Familienfestes humpelt er auf einem Bein, das andere hängt in angewinkeltem Zustand in der Luft. Eine Wunde oberhalb des Sprunggelenks am Unterschenkel ist verbunden. Der tapfere kleine Kerl hat an beiden Beinen ausgedehnte Verbrennungsnarben. Nach drittgradiger Verbrennung ist seine Haut ohne medizinische Versorgung im Heimatland geheilt und dabei stark geschrumpft. Sein Kniegelenk ist bis zu 120 Grad so stark gebeugt, dass er nicht mehr auftreten kann.

Der Hilferuf der Friedensdorf-Mitarbeiter aus Oberhausen für den Jungen mit dem krummen Bein findet im Klinikum Niederlausitz Gehör. Die Mediziner willigen ein, Abdul kostenlos zu behandeln.

Am 15. Dezember liegt der Junge zum ersten Mal auf dem OP-Tisch von Chefarzt Dr. Johannes Boehnke – mit den Spätfolgen einer Verbrennung, die der Unfallchirurg hierzulande kaum noch zu sehen bekommt. In der ersten von insgesamt 13 Operationen durchtrennt der Mediziner die Narben, um das Bein zu strecken. Das Loch, das dabei in der Kniekehle entsteht, muss sofort mit Hautlappen aus dem Oberschenkel bedeckt werden, damit Nerven und Sehnen nicht mehr freiliegen. „Eine kritische Situation, weil von der Wundoberfläche Keime in die Kniekehle gelangen können. Und dies hätte für Abdul gefährlich werden können“, erklärt der Unfallchirurg. Die restlichen Wunden werden mit Kunsthaut zugedeckt. Fünf Tage später liegt der Junge erneut im OP-Saal der Unfallchirurgie in Senftenberg. Dabei werden die Wunden gesäubert, die Kunsthaut gewechselt und das Knie von 40 Grad Beugung auf 20 Grad gestreckt. Weil nicht alles einwächst, wird bei einer OP im Januar Kopfhaut von Abdul auf alle noch bestehenden Wunden transplantiert. Damit die Hauttransplantate nicht verrutschen, wird ein Sogverband angelegt, bei dem ein Schwamm direkt auf die Haut kommt. Dabei wird ein permanenter Unterdruck aufgebaut und eine Vakuum-Versiegelung erzeugt. Der Sog kann nach einer Woche entfernt werden, die transplantierte Haut ist angewachsen.

Zwei Wochen später ist für den Verbandswechsel keine Narkose mehr nötig, weil die Wunden abgeheilt sind. „Manuell und operativ war das alles kein Kunststück“, erklärt Chefarzt Johannes Boehnke. Die wirkliche Herausforderung war vielmehr zu entscheiden, was wann und wie zu machen ist. Dieses Know­how hat er aus seiner Tätigkeit in der Plastischen Chirurgie von der Unfallklinik in Ludwigshafen mit nach Senftenberg gebracht.

Aufgepäppelt wird Abdul nach dem OP-Marathon mit vier Verbandswechseln und 15 Vollnarkosen in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin in Lauchhammer. Vom Ärzte-, Schwestern- und Therapeutenteam ins Herz geschlossen, lernt Abdul auf dem Klinikflur wieder Schritt für Schritt das Laufen. Zwar noch von Krücken gestützt, aber mit jedem Tag sicherer. Von den Krankenschwestern liebevoll bemuttert, kann sich der Junge, der anfangs kein Wort Deutsch versteht, von den Strapazen der Eingriffe erholen und inzwischen sich auch gut verständigen.

Damit er sich wohlfühlt und wieder zu Kräften kommt, kocht Schwester Gabi für Abdul Essen, das ihn an die Heimat erinnert. Schwester Sylvia kümmert sich um seine Wäsche, Schwester Mareike trocknet seine Tränen, weil er Heimweh nach seinem Zuhause hat, Assis­tenz­ärztin Franziska Naumann sitzt an seinem Bett und liest Geschichten vor.

Dass er sich wieder ungehindert bewegen kann und beginnt, mit dem Fußball zu spielen, das ist für Christian Heisig aus dem Friedensdorf ein unglaublicher Erfolg. „Er übt ganz fleißig nach seiner Entlassung und macht zurück in Oberhausen bei der Reha große Fortschritte“, bestätigt er. Wahrscheinlich kann Abdul noch im Frühsommer zurück zu seiner Familie nach Afghanistan. Bilder mit Abdul, seinen Rettern aus Senftenberg und Lauchhammer und ersten Fußballversuchen halten seine Eltern inzwischen schon in den Händen. „Sie können dieses große Glück gar nicht fassen und sind zutiefst dankbar“, bestätigt Christian Heisig.

Abdul hatte doppeltes Glück. Nach der Aufnahme ins Friedensdorf ist für ihn auch ein Klinikplatz zur kostenlosen Behandlung gefunden worden. Er kann jetzt mit einer neuen Chance auf eine bessere, gesündere Zukunft zu seinen Eltern zurückkehren. Er kommt zurück in sein Heimatland mit einem geraden Bein ohne Gehstützen. Seinen Rettern aus Senftenberg und Lauchhammer hat Abdul versprochen, Bilder zu schicken – wie er sich normal bewegt, Fußball spielt und etwas aus seinem Leben macht.

Der besondere Fall 2c
Der besondere Fall 2c FOTO: Katrin Janetzko / LR
Chefarzt Johannes Boehnke.
Chefarzt Johannes Boehnke. FOTO: Steffen Rasche
Der Leitende Oberarzt Dr. Heiko Richter (2.v.r) und Chefarzt Dr. Johannes ­Boehnke (2.v.l.) haben Abdul operiert.
Der Leitende Oberarzt Dr. Heiko Richter (2.v.r) und Chefarzt Dr. Johannes ­Boehnke (2.v.l.) haben Abdul operiert. FOTO: Steffen Rasche