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| 15:17 Uhr

Fridays for Future
Klimaschützer schlagen in Senftenberg Alarm

 Rund 50 Lausitzer haben am Freitag auf dem Senftenberger Markt für mehr Klimaschutz demonstriert. Damit wurden die Erwartungen des Organisators weit übertroffen.
Rund 50 Lausitzer haben am Freitag auf dem Senftenberger Markt für mehr Klimaschutz demonstriert. Damit wurden die Erwartungen des Organisators weit übertroffen. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Senftenberg. Zum ersten Mal ist in Senftenberg für den Klimaschutz demonstriert worden. Von Torsten Richter-Zippack

Freitagmittag, zehn Minuten vor Zwölf: Nur wenige Menschen sind auf dem Senftenberger Marktplatz unterwegs. Etwas verloren wirkt Rainer Vogel. Der 69-jährige Senftenberger hat die erste Klimaschutzdemo in der Seestadt auf die Beine gestellt. Und nun kommt niemand? Es ist fünf Minuten vor Zwölf: Wie aus dem Nichts strömen plötzlich dutzende Menschen auf den Markt. Sie tragen Transparente, Fahnen und T-Shirts mit diversen Botschaften, beispielsweise „Klimaschützer - keine Kompromisse, echt & unabhängig“. Die Leute versammeln sich im Halbkreis. Rainer Vogel ist zufrieden. Und überrascht. „Ich hatte nur mit zehn bis 15 Teilnehmern gerechnet.“

Eine Bühne gibt es nicht. Auch kein Mikrofon, keine Trillerpfeifen. Vogel spricht von Verantwortung, die jeder Mensch für das Klima trage. Sehr bald kehrt der 69-Jährige von der Weltpolitik auf die lokale Ebene zurück. Rainer Vogel verweist auf das Senftenberger Klimakonzept, das zwar seit fünf Jahren existiert, aber von dem die Bürger nichts spürten. Dem widerspricht Amtsleiter Falk Peschel aus dem Rathaus: „Klimaschutz spielt bei uns eine große Rolle. Kindereinrichtungen werden energieeffizient gefahren. Was dabei an Energie eingespart wird, können die jeweiligen Einrichtungen für Investitionen verwenden.“

Rainer Vogel betont, dass sich sein Klimaprotest keineswegs gegen die Lausitzer Kohlekumpel richte. „Sie sind ja auch vom Klimawandel betroffen. Die Arbeitsplätze der Bergleute müssen im Zuge des Kohleausstieges sozialverträglich ersetzt werden.“

Vogels Motivation für die Klimademo ist neben der Bedrohung des Weltklimas die ebenfalls drohende Abbaggerung des Dorfes Proschim bei Welzow. „Einen Ort, der sich komplett selbst mit erneuerbarer Energie versorgen kann, in der heutigen Zeit zu devastieren, wäre doch an Widersinnigkeit kaum zu überbieten.“ Bereits seit vielen Jahren sorgen im Dorf zahlreiche Solaranlagen für sauberen Strom. Die Entscheidung für Proschim will der Bergbaukonzern Leag indes erst im kommenden Jahr fällen.

Vor Ort ist auch Torsten Fadenrecht, Kreistagsabgeordneter der AfD. „Es ist schon befremdlich, wenn die Schüler hier auf dem Markt demonstrieren, aber nicht in der Schule sind.“ Die Senftenbergerin Brigitte Rex kontert: „Wir sind glücklich, das die Jugend endlich aufsteht.“ Fadenrecht sagt, dass sich die Menschen an den Klimawandel anpassen müssten, worauf eine Schülerin fragt, was passiert, wenn in rund 20 Jahren aufgrund des Ansteigens des Meereswasserspiegels der Senftenberger Markt unter Wasser stehe. Schallendes Gelächter vonseiten der AfD folgt. Peter Zylz, der aus Nordrhein-Westfalen stammt und seit zwei Jahren in Senftenberg lebt, sagt, dass Deutschland beim Klimaschutz keine Vorreiterrolle übernehmen könne, wenn die großen Nationen nicht mitzögen. Torsten Fadenrecht bezeichnet indes die Schüler-Klimademos als „politischen Kindesmissbrauch“.

Winfried Böhmer von den Grünen dankt hingegen den Schülern für ihr Engagement. „Ich habe 40 Jahre in der Kohle gearbeitet. Und ich weiß, dass es nicht mehr so weiter gehen kann wie bisher“, erklärt der Vetschauer.

Mit gleich vier Mitarbeitern ist die Firma Naturstrom bei der Senftenberger Klimademo präsent. „Wir sind ja für den Klimaschutz aktiv“, erklärt Abteilungsleiter Robert Claus. Das Unternehmen plant in der Seestadt Kraftwerke im Bereich der erneuerbaren Energien. „Da ist es doch logisch, dass wir Klimaschutzaktivitäten vor Ort unterstützen“, merkt Claus an.

Mit einer ganzen Truppe ist Zwölftklässler Sergej Gilginberg vom Senftenberger Friedrich-Engels-Gymnasium auf dem Markt präsent. „Das Problem ist doch, dass viele Menschen das Thema Klimaschutz noch immer nicht ernst nehmen. Es darf nicht sein, dass immer mehr Leute Macht gewinnen, die den Klimawandel leugnen.“

Praktischen Klimaschutz betreibt Brigitte Rex schon lange: „Ich fahre mit öffentlichen Verkehrsmitteln und kaufe ganz bewusst ein“, erklärt die 79-jährige Senftenbergerin. Sie sagt, dass die beiden Hitzesommer 2018/2019 nicht normal gewesen seien. „Eigentlich ist es schon fünf nach Zwölf. Lasst uns endlich Gesicht zeigen. Das ist überfällig“, betont sie.

 Rund 50 Lausitzer haben am Freitag für mehr Klimaschutz demonstriert. Damit wurden die Erwartungen des Organisators weit übertroffen.
Rund 50 Lausitzer haben am Freitag für mehr Klimaschutz demonstriert. Damit wurden die Erwartungen des Organisators weit übertroffen. FOTO: Torsten Richter-Zippack