Sie wurden in der großen Feldscheune des Gutes untergebracht. Der Befehl an die SS lautete: "Scheune anzünden".

Ein französischer Priester, der sehr gut Deutsch verstand, belauschte heimlich an der Bretterwand der Scheune ein Gespräch der SS. Die Wachmannschaft fürchtete sich vor den anrückenden Russen und beschloss nachts zu fliehen, ohne Feuer zu legen. Er teilte es seinen Mithäftlingen mit und sagte zu ihnen: "Freut euch, unsere Not hat bald ein Ende, unsere Befreiung naht. Haltet durch!" Und wirklich: Am nächsten Morgen waren die SS-Bewacher verschwunden. Gewehre, Pistolen und ihre Uniformen hatten sie weggeschmissen und sich Zivilkleidung von den Dorfbewohnern organisiert. Die Häftlinge brachen das Scheunentor auf und waren frei. Ihnen war ein neues Leben geschenkt! Freude!

Der Priester kam zu meinem Vater. Er sprach Deutsch, mein Vater Französisch. Sie kamen überein, die Mitgefangenen einigermaßen geordnet zu verpflegen und unterzubringen. In meinem Elternhaus zogen allein neben den bereits untergebrachten vielen Flüchtlingen aus Ostpreußen gut zwei Dutzend Häftlinge ein. Ich entsinne mich noch an die Andacht, in der mein Vater auf das "Wunder" der Befreiung statt Tod durchs Feuer hinwies und mit dem abgewandelten Bibelwort aus dem Philipperbrief (Kap.4, Vers 4) schloss: "Freuet euch in dem Herrn allewege und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Befreiung war nahe; denn der Herr ist nahe!" So weist dieser Wochenspruch des 4. Advents auch uns auf das nahe Christfest hin, in dem wir unsere befreiende Veränderung durch die Geburt Jesu Christi feiern. Gott ist nahe! Das ist die grandiose Veränderung unserer menschlichen Situation, wo wir "verhaftet" in vielerlei Dingen sind. Gott aber schenkt uns durch Jesus ein neues Leben. Weihnachten ändert unsere Situation total! Freut euch! Und abermals sage ich: Freut euch!

Hans-Udo Vogler

Rektor em. Freienhufen