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Freudentränen zum Festival-Abschied

Stimmungsvoll ist "Sturmfrei" an der Neuen Bühne Senftenberg beendet worden.
Stimmungsvoll ist "Sturmfrei" an der Neuen Bühne Senftenberg beendet worden. FOTO: str1
Senftenberg. Mit langem Beifall, Freudentränen und glücklichen Umarmungen ist das erste genre- und altersoffene Laienkünstlertreffen an der Neuen Bühne Senftenberg geendet. Heidrun Seidel / hsd1

"Da haben wir uns beide angeguckt und gewusst: Es hat funktioniert", beschreibt Mai-An Ngujen glücklich eine Szene aus den fast vier Tagen des Festivals "Sturmfrei" an der Neuen Bühne Senftenberg, das am Montagabend zu Ende gegangen ist. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Franziska Golk und vielen Helfern des Senftenberger Theaters hatte sie dieses Experiment auf den Weg gebracht.

Der Moment, den die sympathische junge Frau beschreibt, spielte sich während eines Gespräches ab, das nach den Vorstellungen im Rangfoyer stattfand, um die Auftritte der teilnehmen Ensembles auszuwerten. Als nach der Aufführung des Senftenberger Konzertchores, die zu den reiferen Festivalteilnehmern gehörten, die jungen und älteren Laienkünstler angeregt und interessiert ins Gespräch kamen über das, was sie da tun, hatten die beiden Theaterpädagogen dieses Gänsehaut-Gefühl: Unser Konzept ist aufgegangen. Sowohl über Generationen als auch über die unterschiedlichen Kunstbereiche hinweg tauschen sich die Teilnehmer aus, kommen sich näher. Das sieht auch die 68-jährige Senftenbergerin Bärbel Kratzer so. Als Mitglied des Konzertchores hat sie die Zusammenarbeit mit den jungen Leuten genossen. "Auf beiden Seiten lernt man voneinander." Es habe sie immer wieder erstaunt, wie kreativ die Jugendlichen sind. "Ich wünsche mir, dass beim nächsten Festival noch weitere ältere Laienkünstler den Mut haben, mitzumachen. "Das bereichert ungemein."

Auch Vanessa Mieth (26), die mit den Bühnen erfahrenen Chaotischen Idealisten des Wormlager Kulturregen-Vereins am Festival teilgenommen hat, zeigt sich vom generationsübergreifenden Konzept fasziniert. "Die Aufführung des Konzertchores war richtig gut, hat diese Atmosphäre aufgebrochen."

"Da hätte man eine Stecknadel fallen hören können", beschreibt diese besondere Stimmung Susanne Hoffarth, die Vereinsvorsitzende des Finsterwalde Kinder- und Jugendensembles ArTaS. "Normalerweise wäre von der Jugend ja sonst kaum jemand zu so einem Konzert gegangen." Hier aber hätten sogar manche feuchte Augen bekommen.

Genau diesen Respekt und die Achtung voreinander und vor der anderen Art des laienkünstlerischen Schaffens habe sie sich für das Festival gewünscht, sagt Franziska Golk. "Und wir sind den Teilnehmern dankbar, dass sie den Mut hatten, mit uns etwas Neues auszuprobieren."

Dieser Mut zeigte sich auch in den acht Workshoppräsentationen zum Abschluss des Festes. Da sei den 14 Workshopleitern nahezu Unglaubliches gelungen. Denn in den aus allen Teilnehmern bunt zusammengewürfelten Gruppen hätten "Menschen zwischen sieben und 77 mit den unterschiedlichsten Grundvoraussetzungen genau das gemacht, was sie eigentlich nicht können", beschreibt Franziska Golk die schwierige Arbeit in den Workshops, in kürzester Zeit bühnenreife Auftritte zu entwickeln. Und die überzeugten am Montagnachmittag: Ob die Gesangsgruppe von Sven Irrgang mit einem lebensfrohen ABBA-Medley, der von Jan Schönberg witzig inszenierte Bühnenkampf der Urmenschen, Römer, Musketiere oder heutigen Diskogänger, das erste deutsche Jonglageorchester, das Sarah During und Björn Pudlitz dirigierten oder auch der Rhythmus der Percussion-Gruppe von Claas Lausen und der bezaubernde Tanz um ein verletzliches Herz, den Ingo Zeising mit seinen Workshopteilnehmern auf die Bühne brachte. Erstaunlich auch, wie es in so kurzer Zeit die Puppenspiel-Gruppe von Tanja Wehling und Caspar Bankert nicht nur Puppen basteln, sondern auch als Außerirdische Edgar und Gisela mit Stand-up-Comedy zum Leben erwecken konnten. Da blieb im Saal vor Lachen kein Auge trocken. Ebenso amüsant ging es zu, als Tilo Esche vorführte, was die Mitglieder seines Workshops "Improvisationstheater" drauf haben. "Sei gefasst auf das Unerwartete! Du gehst auf die Bühne und weißt, dass du nichts weißt", hatte er ihnen eingeschärft - und so haben sie Stichworte des Publikums schnell in Szene setzen müssen. Alle Achtung, raunte es da auf den Theaterstühlen! Was für ein Mut!

Was aber ist ein Radioballett? Das haben sich vor der Workshoppräsentation wohl die meisten Zuschauer gefragt - und wurden angenehm aufgeklärt. Unter Anleitung von Janne Lea Steenbeck, Juliane Bernecker, Isabell Kolditz, Paul Becker und Sebastian Slaby haben die Teilnehmer des Workshops eine Geschichte geschrieben, in der Jung und Alt aufeinandertreffen. Gespielt wird sie von einem Teil des Publikums. Das - in Gruppen aufgeteilt - bekommt Kopfhörer und über diese jeweils unterschiedliche Anweisungen, was zu tun ist. So entsteht ein interaktives Spiel, das beispielsweise auf Musikfestivals für viel Spaß sorgt - und im Senftenberger Theater auch. Auch, weil die Mitspieler offen und locker, mit Lust und Spielfreude dabei sind.

Für Frank Muschik ist nach dem Abschied klar: Ideen und Enthusiasmus haben er und die Jugendlichen aus der Großräschener Oberschule vom Festival mitgenommen, auch den Respekt vor der Leistung der unterschiedlichen Laienkünstler und das Wissen: Ich kann auch mit anderen. Nächsten Montag soll nun die Theatergruppe gegründet werden, freut sich der Sozialarbeiter. "Und unser ehrgeiziges Ziel ist es, nächstes Jahr mit einem eigenen Stück dabei zu sein." Denn darüber gibt es nach diesem Fest keine Diskussion: "Es muss auf jeden Fall ein Sturmfrei 2 an der Neuen Bühne Senftenberg geben."