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Freispruch in Vergewaltigungsprozess in Großräschen

Volltrunken soll eine Frau in Großräschen sexuell missbraucht worden sein. Für eine Verurteilung reichen die Beweise nicht aus.
Volltrunken soll eine Frau in Großräschen sexuell missbraucht worden sein. Für eine Verurteilung reichen die Beweise nicht aus. FOTO: Symbolfoto
Senftenberg. Bei einer privaten Saufparty junger Leute in Großräschen wird laut Anklage der Staatsanwaltschaft eine junge Frau sexuell missbraucht. Das Schöffengericht spricht den Angeklagten frei, weil die Beweise nicht ausreichen. Manfred Feller

Opa ist außer Haus. Jetzt kann die Saufparty steigen. Junge Leute aus Lauchhammer, Freienhufen und Umgebung verabreden sich am 24. November 2013 kurzfristig und treffen sich in einem Haus in Großräschen, um gemeinsam zu feiern. Es wird getrunken bis fast zur Bewusstlosigkeit.

Irgendwann gegen Mitternacht ist die erst 18-jährige Erika (Name geändert) aus Lauchhammer so volltrunken, dass sie später gerade noch rekapitulieren kann, wie sie die Treppe in das Obergeschoss hinaufsteigt, auf die Liegestatt fällt und ohne Erinnerung an die Schlafenszeit am Morgen wieder aufwacht.

Doch bald, nachdem Erika, eine Auszubildende, eingeschlafen ist, folgt ihr laut der Anklage der Staatsanwaltschaft der Angeklagte Marian (Name geändert) aus Freienhufen. Er entkleidet die tief schlafende junge Frau teilweise, zieht sich ein Kondom über und missbraucht die, wie es heißt, widerstandsunfähige Person. Diese Art von Beischlaf wird mit mindestens zwei Jahren Freiheitsentzug bestraft.

Der vor dem Schöffengericht Senftenberg angeklagte 24-Jährige sagt nichts zu den Vorwürfen. Der ledige Anlagenmechaniker ohne Vorstrafen äußert sich auch später nicht, als ihm nach den Plädoyers und vor dem Urteil das letzte Wort eingeräumt wird. Es ist sein gutes Recht. Doch wie heißt es? Wer schweigt, hat etwas zu verbergen. Der Angeklagte mit den kurzen dunklen Haaren sitzt während des gesamten Prozesses mit zwei Verhandlungstagen wie teilnahmslos neben seinem Anwalt. Rein äußerlich könnte er der nette Nachbarssohn von nebenan sein.

Erika hat Marian bei einer Party in der Ostarena in Lauchhammer kennengelernt. "Er schrieb oft und hat geklagt, dass er Single ist und sich eine Freundin wünscht", sagt sie vor Gericht aus. Doch mehr als eine Freundschaft bietet die gut aussehende junge Frau nicht an. Auch bei der "Abschussparty", wie Erika das für sie bislang einmalige Saufgelage nennt, habe Marian sich ihr genähert. Sie wies ihn zurück.

Bei dem "recht lustigen Abend" habe sie viel und durcheinandergetrunken. Als es ihr reichte, sei sie schlafen gegangen. Marian folgte ihr später. Bei einem Toilettenbesuch im Obergeschoss hörte der Gastgeber aus dem Zimmer mit der geschlossenen Tür Stöhngeräusche. Diese wurden mit dem Handy aufgenommen und zur Belustigung aller abgespielt. Obwohl von der Polizei gesichert, durfte die Aufnahme, die heimlich aufgenommen worden war und die Intimsphäre berührt, nicht als Beweismittel vor Gericht abgespielt werden, weil der Angeklagte dagegen war.

Dieser kam an jenem Abend nach einiger Zeit wieder herunter zu der illustren Runde und sagte, dass sich Erika übergeben hatte. Zu deren Bekleidungszustand gibt es von den Zeugen vor Gericht widersprüchliche Aussagen. Jedenfalls sei sie nicht so vollständig angezogen gewesen, wie sie hinaufgegangen war. Sie selbst habe am Morgen unter anderem festgestellt, dass ihr Slip verkehrt herum angezogen war, und erst zu Hause unter der Dusche einen Knutschfleck und die wunde linke Brustwarze entdeckt. Bei der Frauenärztin sei sie erst eine Woche später gewesen.

Von dem möglichen Geschlechtsverkehr, einem unfreiwilligen und ihrem ersten überhaupt, habe sie, die als Nebenklägerin auftritt, nichts mitbekommen. Diverse Äußerungen lassen darauf schließen, was passiert sein könnte. Der Gastgeber, ein Azubi (20), hatte Marian am Morgen beim gemeinsamen Frühstück zur Rede gestellt. Dieser habe, Erika zugewandt, geäußert: "Du wolltest es doch auch." Sie verneinte. Auf der Rückfahrt in seinem Auto habe er ihr zudem gesagt, dass er ein Kondom benutzt habe sowie: "Wenn du dicke wirst, fresse ich einen Besen." Laut einer Zeugin habe sich der Angeklagte nach dem Saufgelage und den Vorwürfen aus allen sozialen Medien verabschiedet. Seitdem herrsche Funkstille.

Die Polizei hatte nach der Anzeige von Erika Decken von der Couch, wo sie geschlafen hatte, zur biologischen Untersuchung mitgenommen. Gefunden wurden Spermaflecken, die dem Beschuldigten zuzuordnen sind.

Der Staatsanwaltschaft reichen die Beweise, um den jungen Mann ohne Bewährung für drei Jahre ins Gefängnis zu stecken. Die Nebenklage schließt sich dem an. Verteidiger Wolfgang Kuntzsch plädiert für Freispruch, weil die Beweismittel nicht ausreichen. So können die Sperma flecken auch vom Onanieren stammen. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Harald Rehbein spricht den Angeklagten frei, weil nicht zweifelsfrei festzustellen ist, was sich tatsächlich hinter der Tür zugetragen hat.