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| 02:46 Uhr

Freispruch im Razzia-Verrat-Prozess

Auch am Landgericht Cottbus könnten die Sparpläne des Brandenburger Justizministeriums bald dazu führen, dass zwischen Anklage und Prozesseröffnung mehr Zeit vergeht.
Auch am Landgericht Cottbus könnten die Sparpläne des Brandenburger Justizministeriums bald dazu führen, dass zwischen Anklage und Prozesseröffnung mehr Zeit vergeht. FOTO: Jan Augustin
Cottbus/Lauchhammer. Nach zehn Verhandlungstagen am Landgericht Cottbus und 20 gehörten Zeugen steht der Verrat einer Razzia bei einer Drückerkolonne aus Kreisen der Polizei in Lauchhammer zweifelsfrei fest – der Verräter allerdings nicht. Kathleen Weser

Oberstaatsanwalt Horst Nothbaum hat die Suche nach der Wahrheit im Razzia-Verrat von Lauchhammer gestern sichtlich genervt für gescheitert erklärt und seinen Berufungsantrag zurückgezogen. Die Beweislage hat für eine Verurteilung des angeklagten Revierpolizisten durch die 5. Große Strafkammer des Landgerichtes Cottbus unter Vorsitz von Richterin Sigrun von Hasseln-Grindel nicht ausgereicht. Der Angeklagte hat das überraschend abrupte Ende des Berufungsprozesses äußerlich so regungslos gelassen zur Kenntnis genommen wie jeden der Verhandlungstage zuvor. Der Freispruch des Amtsgerichtes Senftenberg aus dem Jahr 2013 ist damit rechtskräftig. Juristisch bleibt die Weste des Polizisten weiß, der Ruf der Polizei dagegen befleckt.

Es geht um den 6. Mai 2009: Zollfahnder haben für diesen Tag die Durchsuchung einer Drückerkolonne an mehreren Standorten in Deutschland akribisch vorbereitet. Auch für das Barackenlager in Lauchhammer-Süd, in dem Werber und Firmen-Inhaber damals campierten.

Bereits Mitte April waren auf dem Dienstweg zusätzliche Polizeikräfte des Wachbereiches Lauchhammer angefordert worden, um die Razzia abzusichern. Am Vortag des Zugriffes hatte der Leiter der Wache die ausgewählten Revierpolizisten eine Stunde früher in den Feierabend entlassen und sie für Punkt 4 Uhr am nächsten Morgen zum Einsatz bestellt - ohne diesen auch nur ansatzweise zu beschreiben, wie er vor Gericht betont hat.

Doch die Werber von Video- und Zeitschriften-Abonnements im Barackenlager waren tagaktuell auf die Razzia vorbereitet. Und auch eine junge Frau aus Lauchhammer mit gutem persönlichen Draht zum Angeklagten war bestens informiert. Sie wählte nach Promille-Eskapaden öfter die Telefonnummer der Wache, um sich zulasten der Staatskasse per Polizei-Taxi nach Hause fahren zu lassen. Auch am Tag der Durchsuchung hatte sie nach dem Shuttle-Service verlangt - im Detail wissend, dass die Revierpolizisten nur wegen des Einsatzes zu dieser ungewöhnlichen Stunde überhaupt anwesend waren.

"Da steh' ich nun, ich armer Tor - und bin so klug als wie zuvor . . . ", zitiert Ankläger Horst Nothbaum im Prozess-Finale aus Goethes Faust. Denn "des Pudels Kern" ist im umfänglichen Beweisverfahren an zehn Verhandlungstagen mit 20 Zeugen nicht ans Licht gebracht worden. Doch fest steht: Die Durchsuchung bei der Drückerkolonne in Lauchhammer im Mai 2009 ist verraten worden. Und das, so zeigt sich der Oberstaatsanwalt überzeugt, aus den Reihen der Polizei. Die Frage, ob die Information vom angeklagten Revierpolizisten kam, ist indes unbeantwortet. "Die Beweislage gibt das nicht her", konstatiert der Oberstaatsanwalt.

Nur eine einzige Zeugin, die Sekretärin der Drückerkolonne, hatte namentlich und damit ausdrücklich auf den Revierpolizisten als Quelle der Ankündigung der Razzia gezeigt. Aber auch sie hatte sich - wie viele der weiteren Zeugen auch - in mehreren Vernehmungen am laufenden Band widersprochen und protokollierte Aussagen des federführenden Polizei-Ermittlers als unwahr bezeichnet. Das hat der Vernehmer selbst im Verfahren ausdrücklich zurückgewiesen und die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin damit in den Grundfesten erschüttert.

"Völlig unklar ist geblieben, was sich bezüglich der Offenbarung zur Durchsuchung wirklich abgespielt hat", erklärt der Oberstaatsanwalt. "Das objektive Beweisverfahren lässt eine Verurteilung nicht zu", stellt Horst Nothbaum in der Folge fest.

Damit ist der Freispruch aus erster Instanz rechtskräftig - und der ungeklärte Razzia-Verrat zu den Akten gelegt.