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| 18:51 Uhr

Ortrand
Idee vom Bürgerbad nimmt Konturen an

Seit 2014 liegt das Freibad Ortrand verwaist da und ist dem langsamen Verfall ausgesetzt. Ein Förderverein will das Bad retten.
Seit 2014 liegt das Freibad Ortrand verwaist da und ist dem langsamen Verfall ausgesetzt. Ein Förderverein will das Bad retten. FOTO: Mirko Sattler
In Ortrand rät ein Experte dem Förderverein ausdrücklich, das Konzept eines Bürgerbades weiter zu verfolgen. Als technische Lösung rückt derweil die Umrüstung zu einem Naturbad immer klarer ins Blickfeld. Die Eröffnung des Bades möglichst 2019 haben die Akteure fest im Blick. Von Catrin Würz

„Bei Euch klappt das auch!“ - Dieser Satz von Hartwig Carls-Kramp, dem Vorsitzenden des bundesweiten Netzwerkes für Bürger- und Vereinsbäder, hatte vor einem Jahr die kleine Gruppe Ortrander Einwohner regelrecht beflügelt, die sich die Rettung des traditionsreichen Freibades auf die Fahnen geschrieben hat. Damals hatte der Arzt aus dem Ruhrgebiet - ein ausgewiesener Experte zum Thema bürgerschaftliches Engagement in öffentlichen Bädern - zunächst einen ersten Blick auf das seit 2014 geschlossene Ortrander Freibad geworfen und hatte Optimismus versprüht: Carls-Kramp vertritt das Konzept der von Bürgerinitiativen oder Vereinen betriebenen Bürgerbäder. Vor 21 Jahren hatte in seiner Heimatstadt Schwerte bei Dortmund ein Förderverein ein schon fünf Jahre lang brachliegendes Schwimmbad saniert und dank großer ehrenamtlicher Mitarbeit von Bürgern neu eröffnet. Durchaus kein Einzelfall. Seit gut zwei bis drei Jahrzehnten entwickelt sich das Konzept der Bürgerbäder zunächst im Westen der Bundesrepublik - und neuerdings auch häufiger im Osten. Denn immer öfter haben Kommunen nicht mehr die Finanzkraft, um sich ein öffentliches Bad zu leisten, was meist die Schließung zur Folge hat. Und Bürger wollen sich damit nicht einfach abfinden - und handeln selbst. . .

Genau so ist es ja vor drei Jahren auch in Ortrand gewesen: Weil Stadt und Amtsgemeinden die beträchtlichen jährlichen Zuschüsse von 130 000 Euro nicht mehr stemmen konnten, wurde das seit 1926 existierende Freibad 2014 geschlossen. Seit 2016 setzen sich Bürger und Unterstützer für die Wiedereröffnung des Freibades ein. Ein Förderverein wurde gegründet und in Anlehnung an die über 90-jährige Geschichte des Ortrander Schwimmbades unter dem Namen Wassersport-Gemeinschaft 1925 eingetragen. „Wir sind heute bei 35 Mitgliedern und zwei Fördermitgliedern“, berichtet Vereinsvorsitzender Niko Gebel, der auch ehrenamtlicher Bürgermeister ist. Freilich braucht die erfolgreiche Umsetzung eines Bürgerbades mehr Unterstützer. Auch deshalb wurde am Donnerstag in einer öffentlichen Veranstaltung im Kulturgüterschuppen am Ortrander Bahnhof noch einmal die Werbetrommel gerührt. Dr. Hartwig Carls-Kramp war dafür erneut die 550 Kilometer vom Ruhrpott in das Pulsnitzstädtchen angereist.

Seiner Ansicht nach besteht die Stärke der Bürgerbad-Idee darin, das die Menschen der Region sich stärker mit der Freizeitanlage identifizieren, wenn sie es in ihrer eigenen Verantwortung sehen. „Es ist ein Stück Heimat“, sagt er. „Wenn Bürger ,Das ist unser Bad’ sagen, ist das nicht nur ein stolzes Gefühl, sondern setzt auch ungeahnte Potenziale frei.“ Für das Elsebad in der Stadt Schwerte konnte beispielsweise über große Spendenaktionen nicht nur eine Solarthermie-Anlage auf das Dach und eine Kinoanlage für Open-Air-Kino gekauft werden, sondern inzwischen ist das Bad Veranstaltungsort für viele Freizeitaktivitäten: Hier werden Kunst-Workshops und Malkurse gegeben, hier übernachten Schulklassen und richten andere Sportvereine vereinsinterne Wettkämpfe aus. Mittlerweile hat der Bad-Verein rund 870 Mitglieder. „Davon sind 130 aktive Helfer im Ehrenamt“, so Carls-Kramp.

Klar ist: Die Gegebenheiten aus dem viel dichter besiedelten Ruhrgebiet wird man für die Region Ort­rand nicht 1:1 übernehmen können. Darüber sind sich Niko Gebel und seine Mitstreiter im Ortrander Förderverein einig. Die Freibad-Retter gehen für das kleine Bad von einem Einzugsgebiet mit 12 000 Einwohnern aus. „Und klar ist auch: Ganz ohne Zuschüsse von der Kommune wird es nicht funktionieren“, sagt Gebel. Von der Stadt Ortrand liegt derzeit zumindest die Bereitschaft vor, die Anfangsinvestitionen mit 150 000 Euro zu unterstützen.

Als „machbare Variante“ für das Ortrander Freibad wird derzeit die Variante eines Naturbades geprüft, das möglichst schon 2019 wieder eröffnet werden soll. „Wir haben da durchaus interessante Konzepte von Anbietern mit erfolgreichen Referenzobjekten vorliegen“, erklären Silvio Schielinski und Campingplatzbetreiber Karlheinz Philipp. Das Konzept Naturbad geht von einer naturnahen Wasserbewirtschaftung aus. „Die Reinigung des Wassers basiert auf einem Filtersubstrat mit Mikroorganismen. Unschlagbarer Vorteil: Die Betriebskosten minimieren sich auf machbare 30 000 Euro pro Jahr“, erläutert Schielinski.

Allerdings müsse das Bad im Vorfeld dafür umgebaut werden. Zusammen mit den sowieso notwendigen Sanierungen auf der Freibad-Anlage vor einer Eröffnung ist dafür ein ganz schöner Batzen nötig. „Bisherige Schätzungen gehen von 1,1 Millionen Euro aus“, sagt Vereinsmitglied Maik Bethke. Momentan werde geprüft, welche Fördermittel Stadt und Verein dafür auftreiben können. Vereinschef Niko Gebel sieht zudem noch eine andere wichtige Aufgabe als dringend an:  „Wir müssen es schaffen, die Nachbarkommunen von unserem Konzept zu überzeugen, um auch ihre Unterstützung zu bekommen.“