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Frauenhaus: letzte Zuflucht Lauchhammer

Wenn in einer Partnerschaft aus Liebe plötzlich Gewalt wird, dann bleibt den Frauen oft nur noch die Flucht in ein Frauenhaus. Bei gefährlichen Tätern können die schutzsuchenden Frauen mit ihren Kindern teilweise wochenlang das Haus nicht verlassen. Am Standort in Lauchhammer fehlt gerade für diese schwere Zeit das Grün zum Spielen für die Kinder. Der Hof ist eine einzige Betonwüste. Die Suche nach einem neuen Unterschlupf hat begonnen.
Wenn in einer Partnerschaft aus Liebe plötzlich Gewalt wird, dann bleibt den Frauen oft nur noch die Flucht in ein Frauenhaus. Bei gefährlichen Tätern können die schutzsuchenden Frauen mit ihren Kindern teilweise wochenlang das Haus nicht verlassen. Am Standort in Lauchhammer fehlt gerade für diese schwere Zeit das Grün zum Spielen für die Kinder. Der Hof ist eine einzige Betonwüste. Die Suche nach einem neuen Unterschlupf hat begonnen. FOTO: Steffen Rasche/str1
Lauchhammer. Nach 25 Jahren hat die Suche nach einem neuen barrierefreien Domizil begonnen. Die Formen der Gewalt haben sich im Laufe der Jahrzehnte geändert: Zum Alkohol kamen Drogen und Schusswaffen und immer mehr psychische Gewalt. Andrea Budich

Schicksale, die betroffen machen, menschliche Tragödien und bedrückende Lebensgeschichten sind ihr Job. In den 25 Jahren, in denen es das Frauenhaus Lauchhammer gibt - übrigens das einzige im Landkreis Oberspreewald-Lausitz - haben die Mitarbeiterinnen viel Leid gesehen, aber auch wunderbare Momente erlebt.

Dabei gibt es immer wieder Schicksale, die sich ins Gedächtnis einbrennen. Für Sozialpädagogin Maren Krengel war gleich ihr erster Einsatz vor zehn Jahren so heftig, dass sie ihn bis heute nicht vergessen kann. Sie erinnert sich noch genau, wie das Telefon klingelte und sich am anderen Ende eine Mitarbeiterin des Klinikums Niederlausitz meldete. Das Bild beim Abholen der betroffenen Frau auf der Station bekommt die Sozialpädagogin nicht mehr aus ihrem Kopf gelöscht. Der Körper der schwerst behinderten Frau war von blauen Flecken nur so übersät. Ein Ohr war abgeschnitten, die Rippen gebrochen. "Die Frau war körperlich und psychisch ein Frack", erinnert sich Maren Krengel. Heute geht es der Frau wieder richtig gut. Sie hat es geschafft, hat sich zurück ins selbstbestimmte Leben ohne Gewalt gekämpft. Rückmeldungen wie diese sind für die Frauenhaus-Mitarbeiterinnen um die neue Projektleiterin Bettina Müller Gradmesser ihrer Arbeit und Motivation zugleich. Zu einigen Frauen, die es dank der professionellen Unterstützung geschafft haben, sich ein neues Leben aufzubauen, gibt es bis heute lockeren Kontakt. Eine, die sich traute auszusteigen und von Null anzufangen, hat im Nachsorge-Angebot ihre Lebenssituation auf den Punkt gebracht: "Wenn ich euch nicht gehabt hätte, wäre ich heute tot."

730 Frauen mit 790 Kindern haben seit der Eröffnung der Zufluchtstätte im Frühjahr 1992 in dem Haus zeitweisen Unterschlupf gefunden. Die Frauen, die meist vor einem gewalttätigen Ehemann oder Lebensgefährten flüchten, waren zwischen 18 und 86 Jahre alt. Sie bleiben im Haus durchschnittlich 30 bis 40 Tage lang. Manche nur einen Tag, andere bis zu zwei Jahre. Ein herausstechendes Jahr war dabei 1997. "Der Zulauf war damals so groß, dass wir sogar einen Campingwagen am Grünewalder Lauch nutzen mussten", erinnert sich die langjährige Frauenhaus-Chefin Renate Stolzenwald. Als eine der dienstältesten Frauenhaus-Mitarbeiterinnen Brandenburgs hat sie sich zum Jahresende in den Ruhestand verabschiedet.

Weil sie von Anfang an dabei war, ärgern Renate Stolzenwald die Vorurteile, die nach so vielen Jahren noch immer über das Leben im Frauenhaus kursieren, sehr. "Das macht unsere Arbeit so schwer. Wir müssen ständig gegen diese verdammten Vorurteile ankämpfen", bestätigt auch Sozialpädagogin Maren Krengel.

Dabei haben sich die Formen der Gewalt in den 25 Jahren des Bestehens des Frauenhauses ziemlich verändert. Zum Beginn der 1990er-Jahre bekamen es die Mitarbeiterinnen in den meisten Fällen mit den Folgen von körperlicher Gewalt zu tun. Aus Frust und Perspektivlosigkeit spielte der Alkohol in den Wendejahren die dominierende Rolle. "Die Gewalt war irgendwie überschaubar", sagt die geborene Kleinleipischerin Renate Stolzenwald (64) rückblickend. Oft zu hören bekam sie mit ihren Mitstreiterinnen damals den Satz: "Wenn er nicht trinkt, ist er ganz lieb."

Im Laufe der Jahre kamen dann Drogen und Schusswaffen hinzu. "Wir wissen heute nicht, welches Ausmaß an Gewalt uns erwartet, wenn das Telefon klingelt", bestätigt Maren Krengel. Viele Frauen, die Zuflucht suchen, seien psychisch krank. Größer geworden sei auch die finanzielle Abhängigkeit der Frauen. In den Anfangsjahren des Frauenhauses gingen mehr betroffene Frauen noch selbst arbeiten.

Die 25 Jahre haben deutliche Spuren am Schutzhaus hinterlassen. Das alte Gemäuer, in dem früher ein Kindergarten untergebracht war, ist marode, der Keller salpeterbelastet. Wenn überhaupt, wurden in all den Jahren immer nur kleinere Mängel beseitigt. Eine grundhafte Sanierung hat es nie gegeben. Frauen mit Gehbehinderung müssen sogar abgewiesen werden, weil sich alle Zimmer im Obergeschoss befinden und nur über eine schmale Treppe erreichbar sind.

Was aber vor allem fehlt, sind Spielflächen im Grünen für die Kinder, die teilweise über Wochen das Grundstück nicht verlassen dürfen. "Wir halten nach einem barrierefreien neuen Domizil mit Gartenfläche Ausschau", bestätigt die neue Chefin Bettina Müller, die seit Mai alle Fäden zusammenhält.