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| 14:30 Uhr

500 Mutterkühe brauchen Futter
Frauendorfer Rinderhalter in Not

Der Acker bei Kroppen ähnelt einer Steppe: Frauendorfs Mutterkühe werden nicht mehr satt. Jeden Tag müssen mit dem Futterladewagen zwei Tonnen Winterfutter zugefüttert werden. Die Futterreserve der Bauern schmilzt  mit jedem Tag.
Der Acker bei Kroppen ähnelt einer Steppe: Frauendorfs Mutterkühe werden nicht mehr satt. Jeden Tag müssen mit dem Futterladewagen zwei Tonnen Winterfutter zugefüttert werden. Die Futterreserve der Bauern schmilzt mit jedem Tag. FOTO: Steffen Rasche
Frauendorf/Kroppen. Die Sommer-Dürre hat die Agrargenossenschaft Elster-Pulsnitz hart getroffen. Wiesen und Weiden sind bis auf den letzten Halm verdörrt. Es fehlen Gras, Heu und Stroh, um die 500 Mutterkühe über den Winter zu bringen. Von Andrea Budich

Gemütlich  mampfend  stehen die Rinder in der goldenen Herbstsonne auf einer Weide bei Kroppen und lassen  sich ihr Futter schmecken. Den Uckermärkern,  Charolais Rindern und Blonden Aquitainern scheint gar nicht aufzufallen, dass sie nicht wie sonst im Herbst üblich,  die Weide abgrasen.  Seit einigen Wochen muss Andreas Pruntsch seine Tiere zufüttern. „Das sind wenigstens drei Monate früher als geplant“, erklärt der Landwirt. In der Agrargenossenschaft Elster-Pulsnitz ist er für die Weidewirtschaft verantwortlich.

Normalerweise würde die Herde jetzt frisches, grünes, saftiges Gras mampfend wiederkäuen. Nach der extremen Sommer-Trockenheit mit Endlos-Dürrewochen  sind die Wiesen und Weiden aber  bis auf den letzten Halm verdörrt. „Da wächst nichts mehr. Auch nach  dem kräftigen Landregenguss mit 30 Litern am Stück im September nicht“, stellt Genossenschaftschef Walter Beckmann nüchtern fest. Er spricht von einem Totalausfall beim Gras. Lediglich im Mai habe es einen Grünschnitt gegeben.  Danach ist wegen der Trockenheit nichts mehr gewachsen. Normal sind über den Sommer  drei Schnitte. In guten Jahren  sind auch mal fünf  Schnitte drin.

Unterm Strich hat die Dürre die Agrargenossenschaft  hart getroffen.  30 Prozent Verluste beim Getreide,  40 Prozent  bei den Kartoffeln. Der Ausfall beim Betriebsergebnis   summiert sich so auf eine gute halbe Million Euro.

Die gelben Weiden, die  eher Steppen ähneln, sind ein sichtbares Zeichen dafür.  Frauendorfs  Rinderhalter müssen deshalb deutlich mehr zufüttern.  Mit dem Futterladewagen steuert  Andreas Pruntsch den Acker, wo die Mutterkühe stehen, täglich an.  Zwei Tonnen Winterfutter aus der eisernen Reserve bringt er raus, damit die  Rindviecher nicht hungern. Grassilage, Stroh, Heu und etwas Maissilage wirft er ab, wo  normalerweise  saftiges Gras wachsen müsste. Um die 500 Mutterkühe  über den Winter zu bringen, hat  Walter Beckmann so etwas wie einen Notfall-Plan entwickelt. „Wir müssen alles zusammenkratzen, damit es keine  Notschlachtungen geben muss“, erklärt er. Die Tiere will er durchbringen, komme, was da wolle. Dafür nimmt er auch in Kauf, dass im Frühjahr  aller Voraussicht nach sämtliche Reserven der Vorjahre auf Null gefahren sind.

Als eine erste Maßnahme  wird jetzt auch Silo-Mais  verfüttert. Normalerweise würden Frauendorfs Bauern den  an Biogas-Anlagen verkaufen. In der Not  wird er  jetzt aber an die Rinder  verfüttert. Um im Frühjahr zeitig Futter  für die Tiere zu haben, hat die Genossenschaft zudem  den Anbau  der Winter-Zwischenfrüchte  verdoppelt.  Statt der sonst üblichen 100 Hektar  wurden 200 Hektar ausgesät. Die Ernte im Mai ist  dann das erste Futter  für die Mutterkühe  im nächsten Jahr.

Auf den Wetterbericht schaut Walter Beckmann täglich gespannt, weil er auf einen späten Winter hofft. Den hat er gleichfalls in seinen Notfall-Plan  eingearbeitet.  Die  Mutterkühe sollen möglichst bis Weihnachten auf den  Begrünungsflächen grasen. Von Futternot geplagte Landwirte  dürfen auf Beschluss des Bundesrates  diese angelegten  Zwischenfruchtflächen nutzen. In Frauendorf sind das 300 Hektar  mit Blühmischungen, zu denen Sonnenrosen,  Bienenweide, weißer Senf und  Ramtillkraut gehören. „Nach den Bienen kommen jetzt die Rinder“, freut sich Beckmann über die unbürokratische Entscheidung der Länder, die den  Tierhaltern in Not hilft.

„Wenn dann noch ein zeitiges Frühjahr kommt, können wir es schaffen, die Tiere durchzubringen“, sagt Beckmann. Auf den Zugriff auf das Landesprogramm zur Unterstützung  beim Futterzukauf will die Agrargenossenschaft indes verzichten.

Die Beihilfe von 15 000 Euro ist für den Landwirtschaftsbetrieb angesichts der eingefahrenen Verluste in Höhe von einer halben Million Euro ohnehin nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und auch der Zukauf von Futter kommt für die Frauendorfer nicht infrage. „Im Osten hat niemand  was zu verkaufen“, erklärt Beckmann die Notlage. Und das Futter von anderswo anzukarren, wäre  wirtschaftlich nicht zu vertreten.

Es bleibt also dabei: Das wenige Futter, das da ist, muss  gut eingeteilt werden, damit es möglichst bis Weihnachten reicht, bevor die  Mutterkühe von der Weide in den Stall kommen.

Dabei helfen die Futter-Reserven aus dem Vorjahr, einem guten Futterjahr, wie Beckmann bestätigt. Einen Dürre-Sommer wie in diesem Jahr hat  der  erfahrene Landwirt durchaus schon erlebt. „Aber noch nie, dass die Trockenheit bis zum 20. September gereicht hat“, erklärt er das besondere Wetterextrem, das die Frauendorfer Rinderhalter mit aller Wucht getroffen hat.

In der Not  dürfen auch die  Zwischenfruchtflächen beweidet werden. Mit Argusaugen wacht Vorstand Walter Beckmann darüber, dass die  300 Hektar  gut eingeteilt werden, damit  das letzte bißchen Grün bis zum Winter reicht.
In der Not dürfen auch die Zwischenfruchtflächen beweidet werden. Mit Argusaugen wacht Vorstand Walter Beckmann darüber, dass die 300 Hektar gut eingeteilt werden, damit das letzte bißchen Grün bis zum Winter reicht. FOTO: Steffen Rasche