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| 11:41 Uhr

Diskussion
Der Strukturwandel und die Frauen

 Mit Maya Mai (Mitte) vom SPD-Ortsverband haben die Minister Jörg Steinbach und Martina Münch sowie die Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier und Gewerschafterin Ute Liebsch (v.r.n.l.) diskutiert.
Mit Maya Mai (Mitte) vom SPD-Ortsverband haben die Minister Jörg Steinbach und Martina Münch sowie die Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier und Gewerschafterin Ute Liebsch (v.r.n.l.) diskutiert. FOTO: LR / Catrin Würz
Senftenberg. Eine Lausitzer Frauenrunde bringt einen Perspektivwechsel in die Debatte um den Strukturwandel, der mit dem Kohleausstieg einher gehen muss. Die bevorstehenden Umbrüche sindauch weiblich zu denken. Von Catrin Würz

Die wegen des Kohleausstieges bevorstehenden Umbrüche in der Lausitz und der jetzt zu planende Strukturwandel  müssen mehr als bisher auch aus weiblicher Perspektive gedacht werden.  Das fordern Gewerkschafterinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen und viele andere engagierte Frauen, die sich am Freitag in Senftenberg zu einer Diskussionsrunde der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) zusammengefunden haben.

Noch viel zu „männerlastig“ sei bislang die Debatte um den notwendigen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, der der Region mit dem anvisierten Ausstieg aus der Braunkohleverstromung nun ein zweites Mal bevorsteht. „Wir haben vor knapp 30 Jahren erlebt, welche Auswirkungen die Entscheidungen hatten - als nach der Wende vor allem junge Frauen die Lausitz verlassen haben. Wir sollten heute den Anspruch haben, es besser zu machen“, sagte die Spremberger Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos), eine von nur wenigen Frauen,  die Mitglied der Kohlekommission sind.

Dass in den 1990er-Jahren vor allem junge, gut ausgebildete und risikobereite Frauen die Region verlassen haben, wirke bis heute nach - jahrzehntelang bei den Geburtenzahlen und auch im gesellschaftlichen Klima, wie einige Studien belegen. Dieser Ansicht ist auch die brandenburgische Wissenschafts- und Kulturministerin Martina Münch (SPD). „Deshalb müssen wir bei allem, was wir heute für die Zukunft der Region denken und entscheiden, besonders  auch die Situation und die Perspektiven für Frauen im Blick haben“, erklärte sie. 

Der Strukturwandel müsse daher vor allem Jobs in die Lausitz bringen, in denen Frauen und junge Menschen eine Zukunft sehen. Dies könne die geplante Ansiedlung mehrerer Forschungsinstitute und wissenschaftlicher Einrichtungen durchaus leisten. „Und es geht auch um eine eigene Medizinerausbildung in der Lausitz, die wir anstreben. Es ist geplant, solch einen Studiengang in Brandenburg aufzubauen“, erklärte Münch.

Gut bezahlte Arbeit mit Perspektive sei das A und O für die Zukunft der Lausitz. „Das gilt für Frauen ebenso wie für Männer“, bestätigte auch Ute Liebsch, Cottbuser Regionalleiterin der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie (IG BCE).  In dieser Sache müsse die Politik nun vor allem Zuverlässigkeit beweisen.

Dass Frauen viel öfter eine Doppelbelastung zu stemmen haben, wenn sie neben dem Beruf die Kindererziehung oder die Pflege von Familienangehörigen übernehmen, muss wieder stärker in den Fokus rücken.  „Der Druck und die Anforderungen im Beruf sind immer größer geworden. Die Bedingungen für Kinderbetreuung und Pflege dagegen aber oft viel schlechter“, fasst es Christine Herntier zusammen. Sie habe vor 25 Jahren selbst erlebt, wie plötzlich in den Chefetagen vieler Unternehmen die Frauen verschwanden und nur noch Männer in den Führungspositionen saßen. „Frauen hatten damals das Gefühl, dem größer werdenden Druck nicht gewachsen zu sein - und stellten ihre Ansprüche zurück. Das darf kein zweites Mal passieren“, forderte sie.

Dass es viele kleine Faktoren sind, die die Situation und den Lebensalltag von Frauen und Familien verbessern könnten, zeigte die lebhafte Diskussion in der Gesprächsrunde. Stichworte dazu sind die beitragsfreie Kita, gute Schulen und besserer Öffentlicher Personennahverkehr. Simone Herb, Mutter von drei Kindern und bei der BASF in Schwarzheide beschäftigt, berichtet von ihrem Kampf um eine 24-Stunden-Kita in Schwarzheide. „Für Eltern im Schichtbetrieb wäre dies eine so tolle Sache gewesen“, erzählte sie. Am Ende seien alle Anstrengungen daran gescheitert, dass für den Start nicht der Bedarf abgesichert war und dass das Geld für so eine Kita nicht beschafft werden konnte. „Dies war aber genau das falsche Signal. Manchmal muss man Dinge einfach machen, auch wenn es am Anfang kostet. Ich bin überzeugt, es wäre ein Erfolg geworden. Nun bleibt aber nur Enttäuschung zurück“, erzählte sie.

Auch Anne-Helen Lutter würde sich wünschen, dass die spezifischen Bedürfnisse von Frauen in der Gesellschaft mehr Beachtung finden. Die 38-jährige Mutter von drei Kindern ist Rückkehrerin in die Region. Sie arbeitet heute als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der BTU Cottbus-Senftenberg.  Sie sagt: „Ich lebe gern hier in der Lausitz.“ Allerdings: In ihren bisher zehn Jahren als Mitarbeiterin an Hochschulen und Universitäten habe sie 18 Arbeitsverträge gehabt. „Es muss etwas für berufliche Sicherheit von Frauen in der Wissenschaft getan werden“, fordert sie.

Das bestätigt auch Serena Junker vom Projekt „Frau schafft das - Perspektive Wiedereinstieg“, das bei der Wequa in Lauchhammer angesiedelt ist. Sie sagt: „Frauen sind viel öfter als Männer nach langen beruflichen Pausen bereit, sich neu aufzustellen, sich zu qualifizieren und motiviert zu arbeiten. Aber viel zu oft wird es ihnen durch schlechte Rahmenbedingungen schwer gemacht.“

Der Strukturwandel muss in der Region nicht als Bedrohung, sondern als Chance gesehen werden. Das sagte der einzige Mann in der Senftenberger Talkrunde, Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach (SPD). Er plädierte dafür, dass die handelnde Politik für die Lausitz künftig nicht nur Antworten für Frauen und Männer, sondern vor allem für die junge Generation geben muss. „Die Region muss attraktiv werden für junge Menschen, die hier leben wollen. „

Die sozialdemokratische Frauenorganisation ASF will indes an das „Frauenthema“-  mit der weiblichen Perspektive im Strukturwandel - keine Luft mehr lassen. „Das wollen wir vorantreiben und sind jetzt nicht mehr zu stoppen“, sagt Ulrike Schwenter , stellvertretende Vorsitzende der ASF in Brandenburg.