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| 17:11 Uhr

Annemarie Schneider feiert 100. Geburtstag
Oma Annemarie aus Kleinleipisch besitzt Rezept fürs lange Leben

Das ist der lebende Stammbaum der Schneiders aus Kleinleipisch: Familienoberhaupt ist Annemarie Schneider (2.v.l), die an diesem Sonnabend ihren 100. Geburtstag feiert. Daneben steht Tochter Heidemarie Schneider (l.), ihr Sohn wiederum ist Heiko Bathow, der den fast einjährigen Ben Bathow in den Armen hält. Ben ist der Ur-Ur-Enkel der Jubilarin und der Sohn von Melinda Bathow (r.). Zusammen sind das fünf Generationen.
Das ist der lebende Stammbaum der Schneiders aus Kleinleipisch: Familienoberhaupt ist Annemarie Schneider (2.v.l), die an diesem Sonnabend ihren 100. Geburtstag feiert. Daneben steht Tochter Heidemarie Schneider (l.), ihr Sohn wiederum ist Heiko Bathow, der den fast einjährigen Ben Bathow in den Armen hält. Ben ist der Ur-Ur-Enkel der Jubilarin und der Sohn von Melinda Bathow (r.). Zusammen sind das fünf Generationen. FOTO: LR / Jan Augustin
Kleinleipisch. Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges wird Annemarie Schneider geboren. An diesem Samstag feiert sie Geburtstag – ihren 100. Mit dabei: Ur-Ur-Enkel Ben. Von Jan Augustin

An dem Tag, als Gertrud Margarete Annemarie Schneider (geborene Wegner) in Berlin zur Welt kommt, ist die Schlacht bei Amiens zu Ende gegangen. Innerhalb von vier Tagen sterben damals mindestens 30 000 Menschen auf den Schlachtfeldern in Nordfrankreich. Die Offensive der Alliierten leitet die Wende im Ersten Weltkrieg ein. Zwei Monate später ist das Grauen vorbei. Knapp 20 Jahre später erlebt Annemarie Schneider den Zweiten Weltkrieg, diesmal als Erwachsene. Was bisher das schönste war in ihrem Leben? „Als Frieden war“, sagt sie auf der Terrasse ihres Hauses in Kleinleipisch. Und sie lacht dabei. Neben ihr stehen Tochter Heidemarie Schneider (73) mit ihrem Sohn Heiko Bathow (53), der den fast einjährigen Ben Bathow in den Armen hält. Ben ist der Ur-Ur-Enkel der stolzen Jubilarin und Sohn von Melinda Bathow (26), die auf einem Campingstuhl neben ihrer Ur-Oma sitzt. Zusammen sind das fünf Generationen.

Das bescheidene Haus in dem Ortsteil von Lauchhammer hat sich Annemarie Schneider erst vor zehn Jahren gekauft. Es hat einen gepflegten Garten mit viel Grün und Schatten. Hier fühlt sie sich wohl. Die Seniorin lebt seit dem Tod ihres Mannes vor neun Jahren allein – mehr als 67 Jahre war sie mit Hugo Schneider verheiratet.

Einen Mitbewohner hat sie aber auch heute noch: Schäferhund Mary, der Gäste mit einem lauten Bellen begrüßt. Und dann ist da ja die Familie. Täglich schaut jemand vorbei. Auch, um gemeinsam Mittag zu essen. Das kocht Annemarie Schneider noch selbst. Gern gibt es Hausmannskost: Eintopf, Schnitzel, Frikassee. Aber immer „slles in Maßen“. Das ist ihr Rezept für ein langes Leben. Gesundes Essen, viel Obst und Gemüse und Bewegung. Annemarie Schneider ist noch gut zu Fuß. Schon als junge Frau läuft sie viel und weite Strecken durch Berlin - weil sie kein Fahrrad hat. „Kinder und Enkel sind ihr das Wichtigste“, sagt Tochter Heidemarie.

Fünf Kinder hat Annemarie Schneider zur Welt gebracht – und die meisten überlebt. Zwei Töchter sind ihr noch geblieben. Der kleine Wolfgang ist noch nicht mal drei Monate alt, als ein Bombenangriff im Dezember 1943 sein kurzes Leben beendet. Weitere Schicksalsschläge bleiben ihr nicht erspart. Auch die Eltern gehen viel zu früh. Weil ihr Mann noch in Gefangenschaft ausharrt und die Wohnung in Berlin nicht mehr zur Verfügung steht, zieht Annemarie Schneider kurz nach dem Krieg, den sie so verabscheut und vor dem sie Angst hat, dass er wieder ausbrechen könnte, zunächst allein nach Hohenleipisch. Dort ist ihr Onkel Fritz Frede der Bürgermeister. Ab 1953 leben die Schneiders in Lauchhammer. Der Gatte findet Arbeit in der Kokerei. Wenig später beginnt Annemarie Schneider als Maschinistin für Fahrbetrieb bei der Werksbahn. 20 Jahre ist sie dort die Stellwerkerin, bevor sie 1979 in Rente geht.

„Was ich mir wünsche? Gesundheit“, sagt Annemarie Schneider. Das werden ihr an diesem Samstag etliche Gratulanten auch ans Herz legen. Im Gästehaus von Enkel Heiko Bathow am Schmalen See feiert sie das große Jubiläum mit etwa 50 Gästen. Viele kommen aus Lauchhammer, Cottbus, Potsdam, Stuttgart und Mannheim. Sogar aus Paris reist die Verwandtschaft an.