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Fragen am Schlagbaum der Roten Armee

Wozu benötigt man einen Spaten„ In den meisten Fällen zum Umgraben des Gartens. Und wenn man keinen Spaten besitzt“ Was für eine dumme Frage – man geht in ein Fachgeschäft und kauft einen! Das ist 2005 kein Problem. 1948 war dies anders. Von Werner Blaschke <br> aus Lauchhammer

In jenem Jahr verschlug es unsere Familie durch die Nachkriegswirren nach Lauchhammer: meine Mutter, mich und meine beiden kleinen Geschwister. In Lauchhammer bezogen wir eine Wohnung, zu der ein kleiner Garten gehörte. Ein Glücksfall bei dem Mangel an Nahrungsmitteln!
Doch uns fehlte noch ein Spaten. In Hermsdorf bei Dresden besaß unsere Familie ein Gartengrundstück. In der Laube wohnte meine in Dresden ausgebombte Tante. Von dort konnte ein Spaten nach Lauchhammer geholt werden.
Als 16-Jähriger schwang ich mich an einem Sonntagmorgen auf mein Fahrrad, um das begehrte Objekt zu holen. Bis kurz vor Dresden fuhr ich auf der Autobahn. Zu jener Zeit war dies auf der linken Seite gestattet. Ich fuhr also in Gegenrichtung zum kaum vorhandenen Verkehr. Bald war ich am Ziel angelangt und konnte das gute Stück in Empfang nehmen. Der Spaten wurde für den Rückweg an die Querstange gebunden.
Schon damals hatte ich die Angewohnheit, möglichst nie den gleichen Weg zurück zu nehmen. Also fuhr ich auf der Landstraße über Ottendorf- Okrilla nach Königsbrück ohne Kenntnis, dass die Rote Armee von dort bis nach Schwepnitz einen Stützpunkt hatte. Bei der Einfahrt gab es zwar einen Schlagbaum. Dieser war jedoch offen und so fuhr ich ohne lange Überlegung hinein. Kritisch beäugt von den Angehörigen der Besatzungsmacht - aber unbehelligt - gelangte ich vorbei an den Bunkern, Panzern und dem anderen Militärgerät an den Ausgang des Geländes in Schwepnitz.
Hier war der Schlagbaum geschlossen. Dieser wurde von einem sehr jungen Sowjetsoldaten bewacht. Der Soldat wollte ein Dokument sehen. „Passport!“ verlangte er. Ich zeigte meinen Personalausweis, doch damit war er nicht zufrieden. Auf den Spaten zeigend fragte er: „Rabota (Arbeit, d. Red.)?“ Ich bejahte dies natürlich.
Unschlüssig sah mich der Posten an. Er wusste wohl nichts mit mir anzufangen. Dann tauchte in der Ferne ein Offizier auf. Da drückte der „Towarisch“ (Genosse, d. Red.) mir meinen Ausweis wieder in die Hand und sagt energisch: „Dawai (Schnell, d. Red.)!“ Ich sprang auf mein Fahrrad. „Nichts wie weg!“ dachte ich. Ohne bei unseren „Freunden“ hinter Gittern gelandet zu sein, kam ich am Abend mit dem Spaten in Lauchhammer an. Seitdem hat das gute Stück uns wertvolle Dienste geleistet.