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| 19:38 Uhr

Integrations-Projekte des Senftenberger Vereins „Unsere Welt, Eine Welt“
Ein Kochkurs gegen Vorurteile

Die aus Syrien stammenden Frauen zeigen beim Integrations-Kochkurs, wie gefülltes Gemüse im Topf gestapelt wird
Die aus Syrien stammenden Frauen zeigen beim Integrations-Kochkurs, wie gefülltes Gemüse im Topf gestapelt wird FOTO: LR / Daniel Roßbach
Senftenberg. Der Senftenberger Verein „Unsere Welt, Eine Welt“ bemüht sich seit über 20 Jahren um Integration - zunächst von Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion, inzwischen von Flüchtlingen aus den Krisenstaaten dieser Tage. Am Kirchplatz finden Menschen und gesellschaftliche Akteure zusammen. Von Daniel Roßbach

Mit routinierten Bewegungen füllt Basma Al Obeid Tomaten, Auberginen, Kartoffeln und Paprika mit einer Mischung aus Reis und Lammfleisch. Zuvor haben sie und ihre beiden Mitstreiterinnen Rasha Al Haj und Nawal Al Nabulsi das Gemüse so ausgehöhlt und aufgeschnitten, dass es nun, gefüllt, wieder zugeklappt und säuberlich in einem großen Topf platziert werden kann. Sie bereiten Mahschie zu, ein traditionelles arabische Gericht, das auf dem Programm des Kochkurses des Vereins „Unsere Welt, Eine Welt“ steht. Die drei Syrerinnen leiten den Kochkurs. Sie sind vor drei Jahren auf dem Weg des Familiennachzugs aus Homs und Damaskus nach Deutschland gekommen, wurden zuerst in Lauchhammer untergebracht und wohnen inzwischen in eigenen Wohnungen in Senftenberg. Der „Eine Welt“-Verein engagiert sich für die Integration der gut 4200 Menschen mit Migrationshintergrund, die im Landkreis Oberspreewald-Lausitz gegenwärtig leben.

Der Kochkurs ist ein Moment der Begegnung auf Augenhöhe, erklärt Maria Stauber, die Vorsitzende des Vereins. „Wenn Leute versuchen, Flüchtlingen zu helfen, kann das leicht als Bevormundung wirken,“ sagt sie. „Aber die Geflüchteten sind eigenständige, ambitionierte Menschen. Sie wollen selbst etwas beitragen.“ Bei dem Kochkurs haben sie genau dazu Gelegenheit.

Aber im Leben der Neuankömmlinge gibt es auch andere Momente. Rassistische Anfeindungen gehören zu ihrem Alltag: Eine der Frauen erzählt, dass sie in einer Drogerie zu Unrecht des Diebstahls bezichtigt wurde. Der Mann, der die Anschuldigung vorbringt, sagt, als er sich widerlegt sieht: „Diese Araber sind doch alle so.“

Zehn deutsche Frauen sind zu dem Kochkurs gekommen, sie verfolgen gespannt, wie die drei das Dessert backen: Warbaat, eine Blätterteig-Süßigkeit. Auch sie machen Erfahrungen mit fremdenfeindlichen Vorbehalten den Flüchtlingen gegenüber. Darüber spricht Carola Groß auf dem Netzwerktreffen, das der Verein im Anschluss an den Kochkurs veranstaltet. Sie habe die Neuankömmlinge, die sie im Verein getroffen hat, als fleißige und freundliche junge Menschen kennengelernt. Den Deutschen, die ihnen feindselig gegenüber stehen, entgegne sie: „Ihr kennt die Leute doch gar nicht.“

Daran, das zu ändern, arbeiten die Initiativen und Institutionen, die der Verein an seinem Tisch versammelt hat: Sportvereine, soziale Einrichtungen, der Pfarrer der benachbarten Kirche, die Kommunale Wohnungsgesellschaft, Stadt und Landkreis.

Während Maria Stauber von Schwierigkeiten bei dieser Arbeit berichtet, signalisieren einige der Teilnehmer, dass sie ähnliche Erfahrungen machen. Es falle schwer, ein Publikum für Veranstaltungen zu gewinnen, das über die „Stammkundschaft“ hinausgeht. Falk Peschel, Amtsleiter der Stadt für Bildung, Soziales und Kultur, bekommt immer wieder zu hören: „Da habt ihr wieder viel für die Ausländer gemacht!“ Seine Antwort auf diesen als Vorwurf gemeinten Satz: „Nein, wir machen Dinge für alle, aber wenn ihr nicht kommt...“

Auch ökonomische Aspekte der Aufgabe Integration kommen am Tisch zur Sprache. Denn zu der „Herausforderung, Integration in unserem Landkreis zu gestalten, zählt auch Integration in den Arbeitsmarkt“, wie Landrat Siegurd Heinze kürzlich betonte. Einige gute Beispiele gibt es in diesem Bereich schon, die oft auf Eigeninitiative beruhen. Rasha Al Haj hat vor kurzem gemeinsam mit ihrem Mann einen Friseur-Salon in Senftenberg eröffnet.

Auch die Agentur für Arbeit und das Jobcenter für OSL sehen positive Zeichen bei der Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. „Konnten wir im ganzen Jahr 2017 insgesamt 128 Personen in den Arbeitsmarkt integrieren, so können wir für das Jahr 2018 bereits jetzt 108 Integrationen in den Arbeitsmarkt verzeichnen“, bilanzierte Christian Napp, Geschäftsführer des Jobcenters, Ende September.

Auf einen wichtigen Aspekt macht auch Lars Albrecht, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit im Landkreis OSL, aufmerksam: „Von den insgesamt 620 in Betreuung befindlichen geflüchteten Menschen sind annähernd 43 Prozent unter 15 Jahren alt.“ Dies birgt große Potenziale für die Zukunft, junge Menschen in Ausbildung zu bringen. Es sei bisher gelungen „erst wenige Ausbildungsverhältnisse zu vermitteln,“ sagt Lars Albrecht. Auf beiden Seiten dieses Verhältnisses stehe Arbeit an, um „die jungen Menschen mit Migrationshintergrund einer Ausbildung gegenüber aufgeschlossener zu machen und auch potenzielle Ausbildungsbetriebe zu sensibilisieren.“

Basma Al Obeids Sohn, der auf dem Netzwerktreffen des Vereins von seinen eigenen Integrations-Bemühungen und Erfahrungen erzählt, vermittelt nicht den Eindruck, dass es ihm an Aufgeschlossenheit mangelt. Er arbeitet in der Windkraftwerk-Fabrik in Lauchhammer, nachdem sein Plan, ein in Syrien begonnenes Studium fortzusetzen, zunächst an Sprachprüfungen gescheitert ist. Aufgegeben hat er diesen Plan deshalb aber nicht, er will die Sprache weiter lernen und einen neuen Anlauf starten. Besser als in weltfremden Kursen gehe das jedoch im echten Leben.

Am Ende des Kochkurses steht, natürlich, ein gedeckter Tisch.
Am Ende des Kochkurses steht, natürlich, ein gedeckter Tisch. FOTO: LR / Daniel Roßbach