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Flaute statt politischem Gegenwind

Thomas Zenker (SPD) trotzt als Bürgermeister von Großräschen nun schon 23 Jahre dem Sturm. Der aktuelle Wahlkampf ist windstill.
Thomas Zenker (SPD) trotzt als Bürgermeister von Großräschen nun schon 23 Jahre dem Sturm. Der aktuelle Wahlkampf ist windstill. FOTO: Steffen Rasche/str1
Großräschen. Der Kampf um das Vertrauen der Großräschener für den vierten Fahrschein in das Amtszimmer des Bürgermeisters in der Seestadt verlangt Amtsinhaber Thomas Zenker (SPD) sachlich wenig, aber menschlich umso mehr ab. Der bodenständige Visionär tritt ehrlich hoch motiviert zur Wahl an. Kathleen Weser

Aber erneut ohne Gegenkandidat. Und deshalb ist die eigentlich heiße Phase vor dem Urnengang zur Abstimmung über den hauptamtlichen Verwaltungschef und das Stadtoberhaupt in Großräschen praktisch herzlich unspektakulär, ja fast langweilig. Und das ist für Thomas Zenker, der die Diskussion auch selbst nur zu gern herausfordert, "um nicht an den Leuten vorbei zu arbeiten", wirklich schwer.

"Ich will dieses Amt unbedingt haben und meine Arbeit fortsetzen, aber ich möchte auch nicht im Schlafwagen wiedergewählt werden", sagt er. Mit dem Traumergebnis von 93,9 Prozent der abgegebenen Stimmen war er im Jahr 2009 zum dritten Mal für die nun endende Legislaturperiode wiedergewählt worden. Die geringe Wahlbeteiligung von 35,3 Prozent stimmte ihn indes weniger froh. Der Kandidat will die Bürger diesmal zahlreicher an die Urnen bewegen. Auch wenn das stärkeren Gegenwind bedeuten kann. Zenker braucht die Herausforderung, die er auch in Kritik sieht. Und er will auf die Lok - als guter Verwalter im Rathaus und Gestalter der Seestadt. Ersteres ist das Handwerk als erster Dienstleister der Bürger, das er beherrscht. Letzteres der stete Antrieb des ehrgeizigen Politikers.

Seit 1994 regiert er die Stadt federführend - im Schulterschluss mit der Ratsrunde ohne komfortable Mehrheiten, mit strenger Hand und viel Herzblut, im sachlichen Streit und friedlichen Miteinander. Kritik nimmt er ernst, ohne aus den Latschen zu kippen. Der Blick für das Wesentliche und die langfristige Strategie sind ihm wichtig. Der Mitbürger und der Politiker bleiben sich treu in seiner Person, die auch streitbar und umstritten ist. Seine christliche Prägung und der soziale Anspruch, gleiche Chancen für alle zu schaffen, lassen Thomas Zenker immer darum ringen, einen Interessensausgleich herzustellen.

Das Ergebnis spricht für sich. Die Grundzufriedenheit der Einwohner ist groß und ihr Stolz auf Großräschen spürbar. Thomas Zenker, der dafür bekannt ist, auch kritische und unangenehme Fragen eigentlich nie zu umschiffen, bleibt derzeit aber eine Antwort schuldig: Dass sich offensichtlich keiner traut, gegen ihn anzutreten als Kandidat um das Bürgermeisteramt, will er weder bestätigen noch bewerten. Zufrieden ist er damit nicht. "Ich hatte diesmal damit gerechnet, dass es anders sein würde", sagt er.

Als Gesetzeshüter im Rathaus folgt er den bürokratischen Zwängen - auch zum Unmut von Bürgern. Denn mit dem Amtseid, die Gesetze umzusetzen, ist es Thomas Zenker verdammt ernst. Aber er beherrscht auch den Spagat, im Interesse der Großräschener viel zu erreichen. "Das sind Wissen und Erfahrung", wirft er in die Waagschale. Dass jedes Problem vor der eigenen Haustür das wichtigste für den einzelnen Bürger ist, liegt auch in der Natur der Großräschener. "Das ist menschlich absolut verständlich", betont Thomas Zenker. Aber er sieht es als seine erste Aufgabe, für die Stadt zu denken und zu handeln. Das kann durchaus auch enttäuschen. "Aber ich laufe nicht als Versprechen-Tante durch die Gegend", erklärt der Politiker.

Die Meinung offen auszusprechen und niemandem nach dem Munde zu reden, ist ihm selbst wichtig - und er erwartet dies auch von anderen.

Die Weichen sieht Thomas Zenker für Großräschen richtig gestellt. Ende der 90er-Jahre haben die Stadtväter entschieden, alle zu bekommenden Grundstücke am künftigen See zu kaufen. "Das wichtigste kommunale Entwicklungsinstrument sind die Grundstücke, nicht die Planungshoheit", sagt er. Von der weitsichtigen Entscheidung profitiert die Stadt bis heute. Etwa 6000 Hektar Land hat die Seestadt mit 9000 Einwohnern und einem entsprechend kleinen Haushaltsbudget zu günstigen Konditionen erworben. Viele Investitionen in die Zukunft refinanzieren sich auf der Basis nun selbst. Auch das macht die Stadt Großrä schen so erfolgreich. "Aber auch Niederlagen sind eine wichtige Erfahrung", erklärt Zenker. Am knackigen Beispiel einer solchen aber fehlt es - zumindest spontan.

"Zur Wahl zu stehen, ist etwas Besonderes", sagt der Bürgermeisterkandidat. Er will mit einem guten Ergebnis wiedergewählt werden, dafür gern Rede und Antwort stehen. Nur wird er derzeit wenig gefragt. Zur jüngsten Informationsveranstaltung für die Einwohner sind etwa 50 Bürger in den Kurmärker gekommen. Der Bürgermeister zeigt das Erreichte stolz, aber auch die Problemzonen schonungslos auf. Und mehrmals fordert Zenker die Großräschener heraus, sich mit Hinweisen auch kritisch einzubringen. Doch die Leute mit den zufriedenen Gesichtern schweigen und applaudieren am Ende des Vortrages herzlich. Thomas Zenker schaut fast etwas unglücklich drein: Hat er wirklich so viel richtig gemacht? Oder ist den meisten Leuten etwa egal, wie ihre Stadt gelenkt wird? Nur die Wähler können das wohl konkret beantworten.