| 02:55 Uhr

Fasten ist ein Frühjahrsputz für Körper und Seele

Fasten: den Verlockungen widerstehen und sich auf Wichtiges besinnen.
Fasten: den Verlockungen widerstehen und sich auf Wichtiges besinnen. FOTO: Fotolia
Senftenberg. An diesem Wochenende sind sie vorbei: die 40 Tage des Darbens, des Sich-Verzehrens nach lieb gewordenen Gewohnheiten. Nun kann wieder geschlemmt und gesündigt werden. Ist das so? Drei junge Senftenberger berichten von ihren Erfahrungen beim Fasten – und Martin-Günther Sterner, Chefarzt der Medizinischen Klinik im Klinikum Niederlausitz sagt, was er davon hält. Heidrun Seidel

Ruth liebt Chili-Sauce. Kaum ein Gericht, das sie nicht mit dem chinesischen Würzmittel zugepappt hat. "Ich war schon fast süchtig danach", gesteht sie. Doch seit Aschermittwoch ist Schluss damit. Die 17-Jährige hat sich vorgenommen, in der traditionellen Fastenzeit, die im Christentum von Aschermittwoch bis zum Ostersonnabend reicht, auf diese lieb gewordene Gewohnheit zu verzichten und ihrem Körper eine Pause zu gönnen. Schokolade oder andere Süßigkeiten vom Speiseplan zu streichen, wären keine wirkliche Herausforderung für die Elfklässlerin gewesen, denn darauf steht Ruth ohnehin nicht so. Der Verzicht auf die Sauce dagegen ist ihr nicht so leicht gefallen. "Ich war auf diesen speziellen Geschmack so eingestellt, sodass er mir fehlte." Inzwischen vermisst sie ihn nicht mehr. Jetzt mixt sie nicht mehr in jedes Essen den Geschmacksverstärker. Statt dessen kocht sie mit Gewürzen und nimmt deren Geschmack viel differenzierte wahr - und die Familie kann sich über die neuen Rezepte auch noch freuen.

Auch Rebekka hat eine neue Sensibilität für das Essen entwickelt. Für die 17-Jährige wird Fleisch in Zukunft etwas Besonderes sein. Darauf hat sie 40 Tage lang verzichtet - und sogar der größten Versuchung widerstanden. "Es war ein Männergeburtstag - und da gibt es für gewöhnlich sehr viel Fleisch", lacht sie. Zwar habe da schon mal der Zahn getropft, doch ist sie standhaft geblieben. Das will sie auch in Zukunft. "Ich denke jetzt viel mehr darüber nach, genieße bewusster, was ich esse", sagt sie.

Der 14-jährige Nico hat auf sein Lieblingsgetränk verzichtet: Cola. Immerhin hatte er bis zu vier Liter des koffeinhaltigen Zuckerbombers zu sich genommen. "Davon wollte ich wegkommen", berichtet er. Die Fastenzeit bot sich als gute Gelegenheit an, und Nico hat sie beim Schopfe gepackt. Denn, dass Cola nicht gerade zu gesunden Getränken gehört und Unmengen von Zucker enthält, wusste er schon. Damit hatte sich der Neuntklässler auch in der Schule befasst. Nun also machte er Ernst. "Das war anfangs gar nicht so leicht", gesteht er.

Die drei jungen Leute haben in der Jungen Gemeinde Senftenberg mit dem evangelische Regionaljugendwart Cord Heinemann Senftenberg übers Fasten gesprochen. Denn das Fasten hat in der christlichen Kirche Tradition. Christen erinnern sich in den 40 Tagen vor Ostern an den Leidensweg von Jesus. Dabei stimmen sie sich auf das Osterfest und die Zeit der Erneuerung ein - und Fasten soll Körper und Geist beim Erneuern helfen. So wurde schon seit Jahrhunderten auf Fleisch, Eierspeisen oder Alkohol verzichtet. Geblieben ist in vielen Familien noch das Wissen um den fleischlosen Karfreitag, an dem es in Lausitzer Familien heute noch Fisch oder Quark mit Leinöl zum Mittag gibt. Auch andere Religionen haben in ihrem Jahreslauf Zeiten des Fastens.

Den drei Jugendlichen jedenfalls tut der Austausch in der Jungen Gemeinde über die Erfahrungen gut. Für Ruth ist er eine Hilfe, durchzustehen: "Ich finde es toll, dass meine Junge Gemeinde jede Stimmungsschwankung aushält, ob schlecht gelaunt nach einem stressigen Schultag, oder glücklich übermütig mit ihnen zusammen." Außerdem sei ihr der geistige Input immer wichtig, und der stehe in der Fastenzeit im Vordergrund.

Verfechter des Fastens

Martin-Günther Sterner findet es beeindruckend, auf welche Verführungen die jungen Leute verzichten. Der Internist und Gatroentorologe, Chefarzt der Medizinischen Klinik I des Klinikums Niederlausitz, ist ein Verfechter vernünftigen Fastens. "Der Stoffwechsel braucht provokante Pausen, um aus dem Trott herauszukommen", sagt er. "Wenn wir niemals wechseln, dann stumpfen unsere Verdauungsinstrumente ab." Der Körper sei überreizt, übersättigt und differenziere immmer weniger. Das Fasten würde dabei helfen, die Sensitivität wiederzuerlangen, Nahrung bewusster wahrzunehmen, intensiver zu schmecken und so den eigenen Instinkt wieder zu stärken. Außerdem könne das Fasten Lernphase für den Körper sein, wieder Stoffe zu verarbeiten, die ihm lange vorenthalten werden, wie beispielsweise Gemüse, mit dem dann Fleisch ersetzt wird. So wird das Fasten zu einem Instrument der Förderung der eigenen Gesundheitsförderung und könne sogar ein Einstieg in eine Ernährungsumstellung bringen. "Eigentlich ist Fasten etwas ganz Banales, aber wirkungsvoll, "eine Achtsamkeitsübung für den Stoffwechsel oder auch Frühjahrsputz für Körper und Seele." Man reduziert Kalorien, regt Abbauvorgänge im Stoffwechsel an und fördert die Geschmackswahrnehmung.

Nicht ins Extreme abgleiten

Allerdings warnt der Mediziner auch vor Extremen beim Fasten. Denn wenn das Essen zum Fanatismus wird, kann es dem Menschen schaden. Maß halten sei angesagt. Wer keine Erfahrungen hat, sollte sich beraten lassen und nicht in Extreme abgleiten, vor allem, wenn es um die Form des Fastens geht, bei der auf feste Nahrung verzichtet wird. Da solle der Anfänger geführt an-, aber auch wieder abfasten. "Wer schlagartig aufhört, läuft auch Gefahr, wieder in alte Ernährungsmuster zu fallen."

Für Ruth, Rebekka und Nico hat das Fasten auch noch etwas anderes gebracht: Sie haben gespürt, dass sie verzichten können, dass sie stärker sind als ihre Gewohnheiten und den Willen entwickeln können, etwas durchzuziehen, wie Ruth sagt. "Außerdem wird mir bewusst, dass ich manche, eigentlich kleinen Dinge viel zu wichtig in meinem Leben nehme." Dem Verzicht auf die Chili-Sauce sei Dank.