Roswitha Just ist vor ein paar Jahren selbst am Armutsrisiko vorbeigeschrammt. Ihr Arbeitgeber, die Deutsche Bahn, hatte damals umstrukturiert. Plötzlich steht die Eisenbahnerin ohne Job da, bekommt erst Arbeitslosengeld, dann Sozialhilfe. Sechs Jahre ohne feste Arbeit werden es insgesamt. Dann kommt das Angebot aus Großräschen. 2011 geht die Chefin des Mehrgenerationenhauses in den Ruhestand. Roswitha Just übernimmt den Posten und leitet seitdem die Einrichtung.

"Ich habe das Armutsrisiko vor Augen gehabt", sagt die 59-Jährige heute. Nun kümmert sie sich unter anderem um Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Das Mehrgenerationenhaus betreibt auch die vom Arbeitslosenverband getragene Tafel mit acht Ausgabestellen. Das Angebot werde rege genutzt, die Nachfrage halte sich aber die Waage. Mal geht's etwas rauf, mal runter.

Kinder oft betroffen

Genaue Zahlen hat jetzt das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg veröffentlicht. Aus dem Regionalen Sozialbericht geht hervor, das 15,5 Prozent der Einwohner im Oberspreewald-Lausitz-Kreis mit einem Armutsrisiko leben. Dieser Wert liegt knapp über dem Landesdurchschnitt von 13,4 Prozent. Kinder, das schreiben die Statistiker, sind mit 17,1 Prozent überdurchschnittlich betroffen und Personen im Ruhestandsalter mit 8,2 Prozent unterdurchschnittlich oft.

Das höchste Armutsrisiko haben aber Personen im Ausbildungsalter (24,1 Prozent). Frauen sind im Vergleich zu den Männern im Ausbildungsalter und in der Altersgruppe ab 65 Jahren öfter armutsgefährdet.

Quote steigt seit 1990

Den höchsten Anteil an armutsgefährdeten Einwohnern hat die kreisfreie Stadt Frankfurt (Oder) mit 23,3 Prozent, der Kreis Prignitz mit 21 Prozent den zweithöchsten, heißt es in dem Bericht. Unter zehn Prozent bleiben die Kreise Havelland (6,8), Potsdam-Mittelmark (8,7), Teltow-Fläming (9,7) und Dahme-Spreewald (9,9). Die Armutsrisikoquote in Brandenburg ist seit 1996 mit einem recht deutlichen Trend um etwa drei Prozentpunkte angestiegen. "Dabei sind beide Geschlechter und alle Altersklassen von der Erhöhung der Armutsgefährdungsquoten betroffen. Dafür ist hauptsächlich die durch die deutsche Wiedervereinigung ausgelöste wachsende Ungleichverteilung der Einkommen verantwortlich", begründen die Statistiker.

Armut trotz Arbeit? Ja, das gibt es, bestätigt Roswitha Just vom Mehrgenerationenhaus. So gehen etwa viele Kunden der Großräschener Tafel auch einer Arbeit nach, berichtet sie. Für Alleinerziehende, die nur den Mindestlohn bekommen, könne es schon problematisch werden. "Sobald ein Kind dazukommt, wird es schwierig", sagt die Leiterin.

Dabei sind die Arbeitslosenzahlen im Oberspreewald-Lausitz-Kreis seit 1990 auf ein Rekordtief gesunken. Während die Quote im Norden bei 7,6 Prozent liegt, sind im Süden 10,9 Prozent (Stand Juli) arbeitslos gemeldet. Das teilt Heike Kuhl von der Arbeitsagentur in Senftenberg mit. Von 1481 Arbeitslosen im Lübbenauer Raum sind 666 langzeitarbeitslos. In der Senftenberger Region sind 4397 Arbeitslose registriert, von denen 2435 länger ohne Job sind - also mehr als die Hälfte.

Grund: Langzeitarbeitslosigkeit

Zwei Drittel aller Langzeiterwerbslosen in Brandenburg leben unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle, schreiben die Statistiker in ihrem Bericht. Dabei ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen mit etwa zwölf Prozentpunkten deutlich ausgeprägt: 72,9 Prozent der langzeiterwerbslosen Männer sind betroffen, bei den Frauen sind es 60,7 Prozent. Seit 1996 hat sich die Armutsgefährdungsquote der Langzeiterwerbslosen in Brandenburg verdoppelt.

Flüchtlinge fragen nach

"Die Konjunktur ist nicht schlecht, es gibt mehr Arbeitsplätze", sagt auch Roswitha Just. Nach der Einführung des Mindestlohns sind weniger Menschen gekommen, die sich für zwei Euro einen Korb mit gespendeten Lebensmitteln abholen. "Wir haben hier aber nicht die Verdienste von 3000 Euro. Davon können wir nur träumen", sagt die Großräschenerin. Und: Seitdem die Flüchtlingskrise auch im Landkreis angekommen ist, steige die Nachfrage wieder leicht. Auch gebe es immer mehr Rentner, die nicht im Bergbau gearbeitet haben und eine auskömmliche Pension beziehen und nun das Angebot der Tafel nutzen. Einen Anstieg der Bedürftigen gebe es auch bei Großfamilien, sagt Roswitha Just.

Zum Thema:
Die Großräschener Tafel hat insgesamt sieben Ausgabestellen: in Großräschen selbst, in Lauchhammer, Calau, Vetschau und Altdöbern sowie die mobilen Angebote in Drochow, Annahütte und Schipkau. Die Senftenberger Tafel hat Ausgabestellen in der Kreisstadt, in Ortrand, Ruhland, Schwarzheide und in Schipkau. Träger der Tafeln ist der Arbeitslosenverband Deutschland, Landesverband Brandenburg. Genutzt werden dürfen Tafeln von Arbeitslosengeld-II-Empfängern und Berufstätigen mit sehr niedrigem Einkommen. Je nach Angebot erhalten Empfänger für zwei Euro einen Korb mit gespendeten Lebensmitteln. Die Produkte bekommen die Tafeln, die es etwa seit 20 Jahren im Landkreis gibt, von Geschäften gesponsert und werden dann gerecht auf die Körbe verteilt.