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Familienhebamme bei Drogenmüttern machtlos

Wenn Eltern nach der Geburt ihres Babys in besonderen Lebenssituationen Hilfe benötigen, ist Familienhebamme Heidrun Bertram zur Stelle. Sie hat sämtliche Hilfsangebote im Blick. Künftig soll im Landkreis eine zweite Familienhebamme direkt an der Geburtsklinik Lauchhammer zum Einsatz kommen. Die spezielle Ausbildung dafür ist bereits im Gange.
Wenn Eltern nach der Geburt ihres Babys in besonderen Lebenssituationen Hilfe benötigen, ist Familienhebamme Heidrun Bertram zur Stelle. Sie hat sämtliche Hilfsangebote im Blick. Künftig soll im Landkreis eine zweite Familienhebamme direkt an der Geburtsklinik Lauchhammer zum Einsatz kommen. Die spezielle Ausbildung dafür ist bereits im Gange. FOTO: Steffen Rasche/str1
Senftenberg. Die Zahl der Mütter, die bei der Geburt ihrer Babys drogenabhängig sind, ist in der Geburtsklinik im Krankenhaus Lauchhammer steigend. Chefarzt und Chef des Klinikums Niederlausitz, Hendrik Karpinski, schätzt die Zahl auf zwischen 10 bis 20 Prozent. Andrea Budich

Mit einem engmaschigen Netzwerk "Frühe Hilfen" soll es gelingen, auch Drogenmüttern Angebote zu unterbreiten. "So ein Netzwerk ist eine gute Geschichte", sagt Heidrun Bertram, Hebamme aus dem Altdöberner Geburtshaus "Lichtblicke". Als Familienhebamme betreut sie Eltern in belastenden Lebenssituationen bis zum ersten Geburtstag ihres Kindes, wenn nötig sogar noch ein Jahr länger. Darunter sind Teenie-Mütter, die noch zur Schule gehen, Mütter mit Zwillingen oder Frühchen, Familien, in denen es psychische Auffälligkeiten oder schwere Erkrankungen der Eltern oder der Kinder gibt. Auch der Kontakt zu Drogenmüttern gehört dazu. Heidrun Bertram spürt die größer werdenden Drogen-Probleme, sagt aber auch: "Dabei stoße ich an meine Grenzen."

Familienhebamme als Lotsin

Mit ihrem Job als Familienhebamme ist sie derzeit als Einzelkämpferin im gesamten Landkreis auf Achse. Und so schafft sie es bestenfalls, wie sie selbst sagt, drei Familien parallel neben ihrer Arbeit im Geburtshaus zu betreuen. Dabei hilft sie bei Pflege, Ernährung und Förderung des Kindes. Bei Bedarf vermittelt sie weitere Hilfen, auf die die Eltern ansonsten entweder gar nicht oder zu spät gestoßen wären. Die Teeniemutter zum Beispiel lotst sie geschickt zur nächstgelegenen Krabbelgruppe, die Mutter eines Frühchens zum pädiatrischen Zentrum Cottbus und die genervten Eltern eines Schreibabys zur Spezialsprechstunde ins Krankenhaus nach Lauchhammer. "Schon allein die Erkenntnis, dass andere Kinder auch die halbe Nacht schreien, ist für die Betroffenen erlösend", weiß die Familienhebamme. Sie ist in dieser Mission schon seit fünf Jahren im Kreis unterwegs. Dass von den zahlreichen Hilfsangeboten, Kursen und Sprechstunden mitunter nur ein Bruchteil bei den Eltern ankommt, gehört zur Erfahrung der 46-jährigen Hebamme.

Frühe Hilfen müssen ankommen

"Eltern sollen auswählen können", erklärt der vom Landkreis beauftragte Netzwerk-Koordinator Uwe Hühne dazu. Das fängt bei den Beratungsstellen und Yogakursen für Schwangere an, erstreckt sich weiter übers Babyschwimmen bis hin zur Krabbelgruppe. Das unterstreicht auch der Chefarzt der Kinderklinik im Krankenhaus Lauchhammer, Hendrik Karpinski. Für ihn können frühe Hilfen nur funktionieren, wenn die Familien das breite Spektrum der ohnehin bestehenden Angebote überhaupt erst einmal kennen. "Wir müssen dafür sorgen, dass die frühen Hilfen in den Familien ankommen", betont er daher.

Neben dem Auflisten und Koordinieren der bestehenden Angebote muss das neue Netzwerk aber auch dort gespannt werden, wo es noch ziemlich breite Maschen gibt im Landkreis. So können junge Mütter mit psychiatrischen Erkrankungen in OSL nirgendwo mit ihren Babys zusammen stationär aufgenommen werden. "Das fehlt schlicht und ergreifend", bestätigt Familienhebamme Heidrun Bertram.

Was die steigende Anzahl der Drogen-Mütter betrifft, sind geeignete frühe Hilfen selbst unter Fachleute umstritten. Vernünftige Erfahrungen, wie man damit umgehen soll, gebe es bisher nicht. "Wir sind dabei, Konzepte zu entwickeln und leisten dabei in Südbrandenburg Pionierarbeit", erklärt Chefarzt Hendrik Karpinski. Die Aufgabe des Netzwerkes besteht laut Hühne darin, die Mediziner dabei flankierend zu unterstützen. "Auf keinen Fall dürfen wir vor den Drogenmüttern die Augen verschließen", warnt der Koordinator.

Für den heißen Netzwerk-Start soll bis zum Jahresende eine Internetseite erarbeitet werden, auf der mit wenigen Klicks sämtliche Hilfsangebote zwischen Ortrand und Lübbenau aufgelistet sind.

Von einer Broschüre, in der alles gebündelt nachlesbar ist, hält der Koordinator indes nicht viel. "Die Aktualität ist dann nach wenigen Monaten nicht mehr gegeben", erklärt Hühne.

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Frühe Hilfen bilden lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der bis Dreijährigen. Sie zielen darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern frühzeitig zu verbessern. Die Angebote richten sich an alle werdenden Eltern im Sinne der Gesundheitsförderung. Darüber hinaus wenden sich Frühe Hilfen insbesondere an Familien in Problemlagen. Sie tragen dazu bei, dass Risiken für das Wohl und die Entwicklung des Kindes frühzeitig wahrgenommen und reduziert werden.

Familienhebammen sind für Eltern wichtige Lotsinnen durch die zahlreichen Angebote der Frühen Hilfen. Sie unterstützen Eltern in belastenden Lebenssituationen bis zu einem Jahr nach der Geburt.