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Gericht
Falscher Professor hinter Gittern

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Senftenberg. Ein Hochstapler hat in Senftenberg eine Wohnung angemietet, sich eine Küche einbauen lassen, teure Autos bestellt, aber fast nie gezahlt. Nun muss er ins Gefängnis – schon wieder. Jan Augustin

In Handschellen führen die Justizbeamten den falschen Professor zur Anklagebank. Braune Hornbrille, weiße Hose und Turnschuhe, das schwarze Hemd hochgeschlagen, sodass die golden-silberne Uhr gut zu sehen ist. "Ich möchte mich zu den Tatvorwürfen nicht einlassen und das mit dem Allgemeinzustand meiner Gesundheit begründen", erklärt er dem Senftenberger Strafrichter. Die körperliche Belastung, Stress zum Beispiel, mache ihm das unmöglich. Von dem gepflegten Erscheinungsbild und der gewählten Ausdrucksweise lassen sich die Schöffen, Richter Harald Rehbein und die Staatsanwaltschaft nicht beeindrucken. In der Verhandlung mit etlichen Zeugen werden die Machenschaften bloßgestellt. Doch haben sich mehrere Unternehmensvertreter in den vergangenen drei Jahren gewaltig ins Bockshorn jagen lassen.

Die Einzelheiten, die mit jedem weiteren Zeugen ans Tageslicht geraten, haben das Zeug für eine Krimikomödie, in der ein Hochstapler für beste Unterhaltung sorgt. Für die Geschädigten ist der Fall allerdings alles andere als lustig.

Mit seiner weißrussischen Ehefrau, und die gibt es wirklich, hat sich der in Brieske aufgewachsene Mann vor drei Jahren bei einem Senftenberger Autohaus vorgestellt - als Professor Doktor der Medizin. Er wolle einen Kia Optima kaufen und bar bezahlen, erinnert sich der damalige Verkaufsberater im Zeugenstand. Das Paar macht eine Probefahrt mit einem vergleichbaren Modell und ist überzeugt. Alles soll relativ schnell gehen.

Das Autohaus bestellt das 35 000 Euro teure Fahrzeug und meldet es an. Zweifel an der Seriosität bestehen noch nicht. In einer E-Mail sind sogar die vermeintlichen Überweisungsbelege angehängt. Geld landet jedoch nie auf dem Konto. Das Autohaus wird skeptisch, stellt eine Schufa-Anfrage und erkennt den Schwindel. "Da ist rausgekommen, dass da ein Riesenproblem ist", erklärt der Verkaufsleiter.

Doch der "Professor" lässt nicht locker und versucht sein Glück mit einem gefälschten Erbschein, den er dem Autohaus vorlegt. Er erwarte in Kürze eine Zahlung von 4,7 Millionen Dollar, beteuert er. "Da war klar, wir bekommen nie das Geld", sagt der Zeuge. Das Auto sei schließlich nach anderthalb Jahren und mit großem Verlust wieder verkauft worden. Dreist und wieder unter Vorspiegelung falscher Tatsachen kann sich der heute 64-Jährige in Senftenberg sogar eine Wohnung anmieten. Er fälscht eine Unterschrift und das Siegel der Stadt und kommt damit anfangs durch. Ein paar Mieten habe er auch bezahlt, berichtet die Unternehmensvertreterin. Doch dann sei das Geld ausgeblieben. Auf mehrere Tausend Euro summiert sich die Forderung mittlerweile.

Einen Schaden in ähnlichen Dimensionen muss auch der Chef eines regionalen Küchenstudios verkraften. Er fällt ebenso auf die Professor-Masche rein. Das Vertrauen ist sogar so groß, dass er die Küche bereits einbauen lässt, ohne dafür einen Cent gesehen zu haben. Ein Zahlungsbeleg einer Schweizer Bank soll die Glaubwürdigkeit stärken. Aber der Chef des Studios wartet vergebens. Statt zu zahlen, bestellt sein neuer Kunde nun sogar noch ein Esszimmer. Erste Zweifel entstehen. Der Unternehmer recherchiert im Internet. Was er findet, ist eine zuletzt angegebene Adresse des "Professors": ein Obdachlosenheim in Berlin Hohenschönhausen. Er telefoniert mit dem Leiter, der ihn vor dem "Schwindler und Hochstapler" warnt.

Statt das bestellte Esszimmer einzubauen, lässt der Chef des Küchenstudios in Abwesenheit des Angeklagten die Geräte wieder abmontieren. Wie vereinbart lag der Schlüssel zur Wohnung unter dem Abtreter. "Zu dem Zeitpunkt war die Betrugsmasche klar", sagt er. Dass er bei dem Küchenausbau rechtliche Bedenken hatte, räumt er ein. Doch Richter Rehbein gibt ihm Beistand: "Ich hätte sie auch rausgeholt", kommentiert er.

Äußerlich gelassen nimmt der falsche Professor die Aussagen der Geschädigten hin. Nur einmal bittet er um eine kurze Pause, um frische Luft zu schnappen. Genauestens beobachtet wird er dabei von Dr. Thomas Winkler. Er ist Sachverständiger und hat die Lebensgeschichte des Angeklagten nach einem Gespräch mit ihm analysiert. Öffentlich wird nun auch, dass der in Bernburg (Sachsen-Anhalt) geborene Angeklagte mehrere Gerichtsverfahren wegen Betruges hinter sich hat und, so wie aktuell auch, bereits im Gefängnis saß. Thomas Winkler findet einige Auffälligkeiten.

So leidet der Angeklagte an einer zeitweise auftretenden Minderdurchblutung des Gehirns. Bei Attacken, die der Angeklagte mehrfach durchlebt hat, treten ähnliche Anzeichen wie bei einem Schlaganfall auf.

Doch habe dieser seit der Geburt bestehende Fehler nichts mit seinen Straftaten zu tun. Eine Diagnose, die die Schuldfähigkeit mindern würde, habe er nicht gefunden. Weder sei der Angeklagte schizophren noch habe er eine tief greifende seelische Störung. Vielmehr hat Winkler eine "narzisstische Symptomatik" festgestellt. "Er ist ein Mensch mit egozentrischem Charakter, der ein überblähtes Bild von sich hat", schließt Thomas Winkler seine Analyse.

Richter Harald Rehbein teilt diese Meinung und verurteilt den falschen Professor zu drei Jahren und sechs Monaten hinter Gittern.