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Extremsport
„Viele sagen: Ich bin ein Spinner“

Extremläufer Harald Lange (Startnummer 3018) will in der Senftenberger Niederlausitzhalle 100 Kilometer unter zehn Stunden laufen. Das wäre Rekord in seiner Klasse. Der 37-Jährige hat nur noch eine Sehkraft von fünf Prozent. Zu Redaktionsschluss am Freitagabend stand noch nicht fest, ob er es geschafft hat.
Extremläufer Harald Lange (Startnummer 3018) will in der Senftenberger Niederlausitzhalle 100 Kilometer unter zehn Stunden laufen. Das wäre Rekord in seiner Klasse. Der 37-Jährige hat nur noch eine Sehkraft von fünf Prozent. Zu Redaktionsschluss am Freitagabend stand noch nicht fest, ob er es geschafft hat. FOTO: Jan Augustin / LR
Senftenberg. Harald Lange aus Bad Homburg geht in Senftenberg an seine Grenzen. Er will 100 Kilometer laufen - unter zehn Stunden. Dabei sieht er fast nichts. Das große Ziel hat er trotzdem immer vor Augen. Von Jan Augustin und Sven Hering

Kurz vor elf geht’s noch mal schnell aufs Klo. Jede Sekunde zählt. Die nächsten zehn Stunden will sich Harald Lange zusammenreißen und keine Zeit vergeuden. Auch nicht fürs Wasserlassen. Schon allein, wenn die Schnürsenkel seiner modernen High-Tech-Laufschuhe aufgehen sollten, braucht es wieder ein bis zwei Minuten, bis sie wieder zu sind.

Viele würden Harald Lange wegen seines athletischen Körpers beneiden. Seine Muskeln treten deutlich hervor, wenn er sich bewegt. Fettpolster - Fehlanzeige. Aber der 37-Jährige aus Bad Homburg ist so gut wie blind. Fünf Prozent Sehkraft auf dem linken Auge bleiben ihm, um seine Umwelt optisch wahrzunehmen. Das Sichtfeld beträgt gerade einmal zwölf Grad. Mit dem rechten Auge sieht er gar nichts mehr. Harald Lange ist mit einer starken Sehnervatrophie geboren.

Der Verein Lausitzer-Sportevents um Cheforganisator Hans-Joachim Weidner veranstaltet an diesem Wochenende den 12. Hallenmarathon in Senftenberg. Auf dem Programm steht nicht nur der in dieser Art weltweit einmalige 100-Kilometer-Ultra-Lauf am Freitag. Am Samstag und Sonntag finden noch weitere Lauf- und Rad-Wettbewerbe statt. Unter anderem sollen auch die Sieger der Lausitzer Laufserie 2017 gekürt werden.

Am Ende des Tages, es wird so gegen 21 Uhr sein, wird Harald Lange das 250 Meter lange Oval 400-mal umrundet haben. Wenn er es schafft, jeden Kilometer unter sechs Minuten zu laufen, erreicht er sein großes Ziel, das er trotz seiner Sehbehinderung immer vor Augen hat: der Spartathlon. Dieser Ultramarathon über eine Strecke von 246 Kilometer wird seit 1983 in Griechenland veranstaltet. Dabei muss die historische Strecke von Athen nach Sparta in einem Zeitlimit von 36 Stunden zurückgelegt werden. Wer mitlaufen will, muss sich allerdings qualifizieren - zum Beispiel, wenn er einen 100-Kilometer-Lauf innerhalb von zehn Stunden absolviert. Der erste Versuch Langes im vergangenen Jahr beim Taubertal 100 schlug fehl. Den Berlin-Marathon noch in den Beinen, fehlten dem Extremläufer am Ende 18 Minuten.

In Senftenberg soll es nun klappen. „Neun Stunden, 20 Minuten sollten zu machen sein“, sagt er zuversichtlich und gibt zu, dass bei ihm Wahnsinn, Leidenschaft und Vernunft nah beieinanderliegen. „Viele denken: Ich bin ein Spinner. Ich weiß aber genau, was ich mache“, sagt der Extremsportler. So wie im vergangenen Jahr, als er den Deutschlandlauf unter seine Füße nahm. Von Sylt bis hinauf zur Zugspitze. 1300 Kilometer, 19 Tage. Aber warum das alles? An die Grenzen gehen, seinen eigenen Körper besser einschätzen können und allein mit der Natur - diese Erfahrung  sei einmalig gewesen. „Man lernt Bescheidenheit, Zufriedenheit“, sagt er.

Freitag, Punkt elf: Der Countdown läuft in der Niederlausitzhalle über die Lautsprecheranlage. 29 Läufer aus Deutschland, Österreich und Slowenien stellen sich bereit, überprüfen noch einmal ihre Uhren. Dann der Start. Harald Lange ist einer der ersten. Blaue kurze Hose, blaues Shirt. Um beide Oberarme sind die gelben Binden mit den drei schwarzen Punkten festgebunden. Auf dem Rücken klebt ein riesiger Kreis mit demselben Motiv. Harald Lange lacht und läuft und läuft und läuft.