ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 19:05 Uhr

Lausitzer Fachwerkkirchen
Experten: Armut ist der beste Denkmalschutz

Die Schwarzheider Lutherkirche stand kurz vor der Wende vor dem Abriss. Hausschwamm hatte die Konstruktion in arge Bedrängnis gebracht. Doch dank des engagierten Pfarrers Lutz Breitenbach und vieler Bürger blieb das Wahrzeichen erhalten und wurde rekonstruiert.
Die Schwarzheider Lutherkirche stand kurz vor der Wende vor dem Abriss. Hausschwamm hatte die Konstruktion in arge Bedrängnis gebracht. Doch dank des engagierten Pfarrers Lutz Breitenbach und vieler Bürger blieb das Wahrzeichen erhalten und wurde rekonstruiert. FOTO: Richter-Zippack
Schwarzheide/Bluno/Spreewitz. Neben großen Wäldern und Seen wartet die mittlere Lausitz mit einem weiteren Juwel auf. In dem Landstrich zwischen Schwarzheide und Bad Muskau gibt es mehrere uralte Fachwerkkirchen. Die Einheimischen wissen ihre Gotteshäuser mit viel Liebe und Geschick zu bewahren. Von Torsten Richter-Zippack

Wer über die B 156 aus Richtung Sabrodt nach Bluno fährt, sieht die Kirche bereits aus mehreren Kilometern Entfernung. Die uralten Fachwerkbalken aus Kiefernholz glänzen in der Sonne, dazwischen leuchtet das Weiß der Wände. „Unsere Fachwerkkirche stellt tatsächlich ein Kleinod dar“, sagt Jörg Redlich von der örtlichen Kirchgemeinde. Im Dezember jährt sich die Weihe zum 345. Mal. Kein Wunder, dass der Fachwerkbau das mit Abstand älteste Gebäude im Dorf ist. „Die Blunoer sind stolz auf die schöne Kirche“, weiß Redlich. Das Bauwerk, das als eines der ältesten seiner Art in Deutschland gilt, befindet sich noch weitestgehend im Originalzustand. Einmalig in der Lausitz ist die neben dem Gotteshaus befindliche Torüberdachung. Diese ist genauso alt wie die Kirche selbst.

„Alle drei bis fünf Jahre sollte die Substanz der Fassade kontrolliert werden, und aller 20 bis 30 Jahre stehen Restaurierungen an“, sagt Jörg Redlich. In den Jahren 2016/2017 war es wieder soweit. Damals erfolgten umfangreiche Arbeiten am Fachwerk. „Es wurde so saniert, dass man beim näheren Blick auf das Gebälk die 345 Jahre der Kirche auch ansieht“, erklärt der Fachmann. Und immer mit Respekt und der nötigen Vorsicht. „Bloß nicht zu viel machen, Armut ist immer noch der beste Denkmalschutz“, begründet Redlich. Demnächst solle der Turm von innen in Ordnung gebracht werden, insbesondere der Treppenaufgang. Bereits vor der Wende und auch danach haben die Pastoren in Bluno sehr darauf geachtet, dass die Bestimmungen des Denkmalschutzes eingehalten werden. Die Blunschen wissen ihre Kirche sehr zu schätzen. Laut Jörg Redlich sind rund drei Viertel der rund 450 Einwohner Gemeindeglieder. Zwar habe sich die Einwohnerzahl verringert, doch der positive Trend bei den Gottesdienstbesuchen halte an. Jeden Sonntag läuten die Glocken zum Kirchgang.

Nur sieben Kilometer von Bluno entfernt befindet sich eine weitere Fachwerkkirche. In Lieske kommen auf knapp 80 Einwohner 44 evangelische Christen, rechnet Pfarrer Hans-Christoph Schütt vor. „Nichtchristen sind in Lieske also in der Minderheit. das gibt es in der Niederlausitz nur noch in einzelnen Gemeinden im Spreewald“, weiß der Kirchenmann. Das Liesker Gotteshaus gilt als der Treffpunkt im Ort schlechthin. Auch Ausstellungen, beispielsweise „Satkula oder die Wa(h)re Landschaft“ von Karl Vouk, waren bereits in der Kirche zu sehen. Paradoxerweise profitierte das Bauwerk ausgerechnet vom Abriss der Kirche im benachbarten Sorno. Anfang der 1970er-Jahre wurde das ziemlich heruntergekommene Liesker Gotteshaus mit Steinen der Nachbarkirche, die dem Tagebau Sedlitz weichen musste, wieder aufgebaut. „Außerdem besitzt sie einen der wenigen Taufengel der Niederlausitz“, ergänzt Pfarrer Schütt.

In diesem Jahr wird der Holzturm der Liesker Fachwerkkirche saniert. Ansonsten befindet sich das Gotteshaus in einem guten Zustand.
In diesem Jahr wird der Holzturm der Liesker Fachwerkkirche saniert. Ansonsten befindet sich das Gotteshaus in einem guten Zustand. FOTO: Richter-Zippack

Markant ist auch die Spreewitzer Fachwerkkirche. „Dorfbildprägend sowie familiengeschichtlich und kulturell verwurzelt“, bringt Jörg Michel von der örtlichen Kirchengemeinde die Bedeutung des Gotteshauses auf den Punkt. Der Fachwerkbau stammt aus dem Jahr 1688. Vor 80 Jahren wurden die Emporflächen mit Bibelworten, darunter zwei in Sorbisch, ausgemalt. Die letzte Generalsanierung gab es 1996. „Und seit sieben Jahren haben wir eine rollstuhlgerechte Zufahrt“, sagt Michel. Im Dorf genießt die auf dem höchsten natürlichen Punkt des Ortes thronende Kirche eine besondere Bedeutung. So finde der alljährliche Frühjahrs- und Herbstputz eine große Resonanz. Nicht zuletzt werde die Kirche gern für Konzerte genutzt. Außerdem habe sich das Gotteshaus als „Offene Kirche“ für Touristen etabliert. Nur einen Steinwurf entfernt verlaufen der Spree- und der Froschradweg.

Wie viel den Lausitzern ihre Fachwerkkirchen wert sind, zeigt sich auch am Beispiel Schwarzheide. „Als vor genau 30 Jahren aufgrund massiver Baumängel ein Abriss erwogen wurde, gab es viele Proteste“, erinnert sich Brigitte Saffert, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. Tatsächlich wurde das in den Jahren 1754/1755 errichtete Bauwerk bis 1996 umfassend saniert. Im schiefergedeckten Dachreiter befindet sich eine in Lauchhammer geschmolzene Glocke aus dem Jahr 1852, die beide Weltkriege überdauert hat. Eine weitere Besonderheit bildet das Kruzifix hinter dem Altar. „Das brachten 1945 schlesische Flüchtlinge auf einem Handwagen mit“, sagt Saffert. Inzwischen habe sich die nach dem Reformator Martin Luther benannte Kirche als beliebter Tauf- und Trauort auch für ortsfremde Paare und Kinder entwickelt.

Direkt an der Neiße, etwas abseits gelegen, befindet sich ein weiteres Kleinod. Die Rede ist von der Pechernschen Fachwerkkirche. „Das Bauwerk wird besonders im Sommer sehr gern von Radfahrern besucht. Ein Nachbar kümmert sich ums Aufschließen und weiß einiges zur Geschichte zu erzählen“, sagt der Görlitzer Generalsuperintendent Martin Herche. Übrigens war die Kirche knapp 80 Jahre lang zugesperrt. Zu jener Zeit, so berichtet Herche, sollten die Pecherner katholisch werden, doch sie weigerten sich. Erst ein Sachsenkönig hatte erwirkt, dass die Fachwerkkonstruktion für evangelische Gottesdienste genutzt werden konnte. Heute feiern die Christen im historischen Gebälk indes nur selten, meist an vier, fünf Sonntagen im Jahr. Gesetzt sind aber Ostern und Heiligabend. Und im Winter bringt Erich Heyne vom Gemeindekirchenrat das Bauwerk mittels LED-Strahlern zum Leuchten.

Am Oder-Neiße-Radweg in Werdeck gibt es ein Modell der Pecherner Fachwerkkirche. Gastronomin Wenke Helbig präsentiert das Exemplar auf ihrer Kasemannel-Alm.
Am Oder-Neiße-Radweg in Werdeck gibt es ein Modell der Pecherner Fachwerkkirche. Gastronomin Wenke Helbig präsentiert das Exemplar auf ihrer Kasemannel-Alm. FOTO: Richter-Zippack

„Die übergroße Mehrzahl der Dorfkirchen in Sachsen ist aus Stein errichtet. Lediglich auf den sandigen Heideböden der nördlichen Oberlausitz entstanden die Fachwerkkirchen, da es dort zumindest reichlich Holz für die tragenden Konstruktionen gab.“, erklärt Thomas Noky, Referent Volksbauweise im Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Mehr noch: „Fachwerkkirchen sind eine regionale Besonderheit, welche den Willen der Gemeinschaft zeigen, für Gott als ihren Garant für die Aufrechterhaltung der irdischen Lebensordnung und die Aussicht auf ein Weiterleben nach dem Tode ein herausragendes, schönes und wertvolles Bauwerk zu schaffen. Gab es keinen Stein, diente der Fachwerkbau als repräsentative Bauweise.“ Heute sind in Sachsen neun Fachwerkkirchen als Kulturdenkmal erfasst, davon sechs in der Oberlausitz

In Brandenburg existieren nach Angaben des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum 140 geschützte Fachwerkkirchen. Viele von ihnen wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaut, da im Vergleich zu den Steinkonstruktionen der Aufwand wesentlich geringer war.

Auf dem höchsten Punkt des Ortes thront die Spreewitzer Fachwerkkirche.
Auf dem höchsten Punkt des Ortes thront die Spreewitzer Fachwerkkirche. FOTO: Richter-Zippack

Blick in den prächtigen Innneraum der Spreewitzer Fachwerkkirche. Vor 80 Jahren wurden die Emporenflächen mit Bibelworten ausgemalt.
Blick in den prächtigen Innneraum der Spreewitzer Fachwerkkirche. Vor 80 Jahren wurden die Emporenflächen mit Bibelworten ausgemalt. FOTO: Richter-Zippack