Von Andrea Budich

Eine Weltkriegsbombe aus Amerika sorgt bei wenigstens 2400 Ruhlandern für Schnappatmung. Die Bombe, der Sperrkreis, die Lautsprecher-Durchsagen und die Evakuierung sind am Mittwoch d a s Thema auf dem Ruhlander Wochenmarkt. Wo gestern noch geschäftiges Treiben herrschte, da hält die Stadt am Donnerstag den Atem an. Der Friseur, der Bäcker, der Gemüsemann, der Gardinenladen und die Apotheke – die Geschäfte am Markt bleiben geschlossen.

Es herrscht Ausnahmezustand in der Elsterstadt mit 3600 Einwohnern. Kein Wunder, denn der monströse Blindgänger bringt ein Gewicht von einer halben Tonne auf die Waage. In Schotter und Sand versteckt, schlummert die tickende Zeitbombe direkt vor dem Bahnhofs-Empfangsgebäude und damit in der Nähe des historischen Altstadtkerns. Bombenfunde hat der Sondierungstrupp schon einige auf dem Ruhlander Bahnhofsvorplatz gemacht. Aber die waren immer transportfähig.

Bei der 500-Kilogramm-Bombe mit Kopfzünder, die am Dienstagvormittag entdeckt wurde, ist jetzt alles anders. Weil der Zünder beim Abwurf deformiert wurde, kann der Sprengkörper höchstwahrscheinlich nicht vor Ort entschärft werden. Sprengmeister Enrico Schnick vom Kampfmittelräumdienst will einen Versuch starten, die Bombe zu entschärfen. „Klappt das nicht, bereite ich die Sprengung vor“, erklärt er bei der eilig am Mittwochvormittag im Ruhlander Trausaal einberaumten Pressekonferenz.

Bis dahin bereitet sich Ruhland darauf vor, dass am Donnerstagvormittag in der Stadt nichts mehr gehen wird und das öffentliche Leben zum Erliegen kommt. Der vorsorglich gezogene Sperrkreis von einem Kilometer umfasst beinahe die komplette Stadt. 2400 Menschen werden für die Sprengung ihre Häuser und Wohnungen für Stunden verlassen müssen. Zum Sperrkreis gehören auch die Schule, zwei Kindergärten und das Altenpflegeheim. Die 64 Senioren kommen während der Evakuierung im Seecampus Schwarzheide und im Krankenhaus Lauchhammer unter. Für die Kita-Knirpse wird bei Bedarf eine Notgruppe in der Grundschule Guteborn eingerichtet. „Wir versuchen die Kinder in die Kitas nach Guteborn und Hohenbocka umzulenken“, sagt Christian Konzack als amtierender Amtsdirektor.

Den hektischen morgendlichen Berufs- und Pendlerverkehr wird es am Donnerstag in Ruhland nicht geben. Ab 7.30 Uhr wird kein Bus mehr durch die Elsterstadt rollen. Die Linienfahrten entfallen ersatzlos. Der Bahnhof wird komplett gesperrt, der Strom für die Oberleitungen abgestellt. „Auch die Busse im Schienenersatzverkehr können den Bahnhof Ruhland nicht anfahren“, erklärt der Notfallmanager der Bahn, Dietmar Morgenstern. Ab 8 Uhr sind auch die Landesstraßen L 55 zwischen Jannowitz und Ruhland sowie L 57 zwischen Guteborn und Ruhland dicht. Abgeriegelt werden zudem der Knoten Elsterbogen, die Straße zwischen Schwarzbach und Ruhland sowie die Kreisstraße zwischen Hermsdorf und Ruhland.

Dreh- und Angelpunkt für alle Evakuierten ist ab 8 Uhr der Ruhlander Markt. Von dort aus starten Busse zu den Sammelunterkünften in Schwarzheide. Sicheren Unterschlupf finden die Ruhlander im SeeCampus, im BASF-Kulturhaus sowie in der Turnhalle der Grundschule Wandelhof. Haustiere können in Transportboxen mitgenommen werden.

Das vom Amt Ruhland eingerichtete Bürgertelefon (0172 2117964) hat sich schon am Mittwoch heiß geklingelt. „Bewohner, die keine Angehörige haben und sich nicht selber behelfen können, bekommen unter dieser Nummer Hilfe“, verspricht Christian Konzack. Aktuelle Informationen zur Evakuierung gibt es zudem auf einem Live-Ticker unter www.amt-ruhland.de