Von Jan Siegel

Seit Jahrhunderten zeichnen die Menschen kraftvoll ihre Spuren in die Lausitz und haben mit Nachdruck das Gesicht des Landstrichs im Süden Brandenburgs und Ostsachsens verändert. Was dabei entstanden ist, war nicht zu jeder Zeit ansehnlich – manchmal getrieben einfach nur von wirtschaftlichen Erwartungen und Notwendigkeiten und zugleich fehlenden Alternativen. Riesige Tagebaue, mit denen vor allem im 20. Jahrhundert große Teile der kargen Landschaft in der Lausitz umgedreht worden sind, um die energiereiche Braunkohle aus dem Sand zu schürfen, haben unübersehbar ihre Spuren hinterlassen. Aber längst nicht erst Tagebaugroßgeräte haben die Lausitz einschneidend verändert.

Es waren schon preußische Könige, die nach den ersten Waldbauern im späten Mittelalter Zuwanderer aus ganz Europa in ihr Land holten, um sie als Siedler in den kaum zugänglichen Urwald an der Spree zu schicken. Sie sollten den Landstrich erschließen und sich das Land untertan machen.

Die bäuerlichen Siedler hatten gute Gründe, in den Urwald zu ziehen. Die Monarchen gaben ihnen ein Stück Land, das sie rodeten, sich aus den kräftigen Stämmen ein Haus errichteten und anfingen, auf den abgeholzten Flächen Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Um den in weiten Teilen morastigen Urwaldboden des Spreewaldes trockenzulegen, zogen sie in mühevoller Handarbeit Entwässerungsgräben. „Etwa zwei Drittel der Fließe sind seit der Besiedlung im Spreewald künstlich angelegt worden“, erzählt Eugen Nowak, der Leiter des Biosphärenreservates Spreewald. Er und sein Team haben sich auf die Fahne geschrieben, gemeinsam mit den Bewohnern und Landwirten diese einmalige Kulturlandschaft zu erhalten.

Es waren die massiven Eingriffe des Menschen, die das entstehen ließen, was wir heute als das pittoreske Bild des Spreewaldes kennen – mit Bauernhaus, Wiese, Heuschober und Fließ. In jedem Jahr zieht die von Menschenhand gestaltete Landschaft Millionen Naturliebhaber und Erholungsuchende aus der ganzen Welt in ihren Bann. Aus dem Urwald wurde der Spreewald, und aus den Restlöchern der Tagebaue und Kippenflächen entwickelt sich das Lausitzer Seenland als größte künstliche Wasserlandschaft Europas.

Am Freitag gehörte Eugen Nowak zu einer kleinen Delegation aus der Lausitz, die ins Schloss Nordkirchen eingeladen worden war. Mit zu der kleinen Reisegruppe gehörten außerdem Prof. Rolf Kuhn, der Vater der Internationalen Bauausstellung Fürst-Pückler-Land (IBA), und der Vorsteher des Zweckverbandes Lausitzer Seenland, Volker Mielchen. Versammelt hatten sich in der Schlossidylle des Münsterlandes die Mitglieder des Europäischen Gartennetzwerkes (EGHN) aus 14 Ländern, um die diesjährigen Preisträger der Europäischen Gartenpreise auszuzeichnen. Die Lausitz hatten Mitglieder dieses europäischen Garten- und Parkverbundes in diesem Jahr schon kennengelernt. Anfang Juni waren sie für einige Tage nach Cottbus gekommen. Im Schloss Branitz wählten zwei Jurys die Preisträger der Europäischen Gartenpreise 2018 aus. Die Jury-Mitglieder kamen aus Großbritannien, Dänemark, Portugal, Italien, Slowenien und Deutschland, darunter Parkchefs, Wissenschaftler und Vertreter der Unesco.

Die Wahl des Ortes der Jury-Sitzung hätte vielleicht schon ein Fingerzeig sein können. Denn bei der Preisverleihung am Freitagabend wurden das Lausitzer Seenland und das Biosphärenreservat Spreewald gemeinsam ausgezeichnet als „Bedeutende Kulturlandschaften des europäischen Kulturerbes“. Dabei haben sich die bemerkenswerten Lausitzer Landschaften mit dem 1. Preis durchgesetzt gegen zwei andere bedeutende, von Menschenhand geschaffene Kulturlandstriche in Slowenien und Rumänien. Sie waren ebenfalls in die Endrunde gekommen und erhielten im Schloss Nordkirchen am Freitag jeweils einen zweiten Preis.Zum ersten Mal überhaupt hatte das Europäische Gartennetzwerk in der Geschichte des Gartenpreises die Kategorie der „Bedeutenden Kulturlandschaften“ in den Reigen der Preisträger aufgenommen.

Das Lausitzer Seenland und das Biosphärenreservat Spreewald konnten sich zusammen den ersten Platz sichern, weil die Jury die gemeinsame Weiterentwicklung dieser benachbarten und dennoch so unterschiedlichen Kulturlandschaften unterstützen will, heißt es in der Begründung für die Auszeichnung.

Damit stehen die Lausitzer Landstriche jetzt in einer Reihe mit den königlichen botanischen Gärten von Kew und Wakehurst in der Nähe von London und dem Stavros Niarchos Park in Athen, die in anderen Kategorien mit ersten Preisen geehrt worden sind. Die Auszeichnung dürfte der Lausitz neue internationale Aufmerksamkeit sichern und ist ganz sicher gut auch für das touristische Geschäft, das neben dem etablierten Spreewald im Lausitzer Seenland im Supersommer 2018 weiter richtig Fahrt aufgenommen hat.

Großes touristisches Potenzial sieht der Geschäftsführer der Tourismus Marketing Gesellschaft TMB, Dieter Hütte, im Lausitzer Seenland. „Es ist erstaunlich, wie sich Kommunen in der einstigen Bergbauregion inzwischen zum Wasser bekennen. Wie sie mit experimenteller Architektur und prägnanten Landmarken eine ganz neue Bestimmung finden“, sagte Hütte am Ufer des Gräbendorfer Sees. Das ist der erste See im Seenland, der als einstiger Tagebau von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbauverwaltungsgesellschaft (LMBV) aus dem Bergrecht entlassen und in die vollständige Planungshoheit der angrenzenden Kommunen Vetschau, Altdöbern und Drebkau gegeben worden ist.

Brandenburgs oberster Tourismuswerber würdigte bei dieser Gelegenheit auch die Zukunftsdenker um den IBA-Professor Rolf Kuhn. Sie hätten im Zusammenspiel von technischer Ingenieurskunst auch der Bergbauspezialisten und visionären Ideen zur Bau- und Landschaftsgestaltung die Grundlagen für die inzwischen enorme internationale Aufmerksamkeit gelegt, die mit der Verleihung des Europäischen Gartenpreises jetzt erneut dokumentiert worden ist.

Vetschau/Laasow