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Erinnerungen hat der Tagebau nicht geschluckt

"Das gibt's doch nicht", sagen sich Fred Nowak (l.) und Werner Dupka (Mitte) beim Bückgener Heimattreffen. Neugierig blicken sie auf das Aquarell von Norbert Nowotny (r.), das der Maler im vorigen Jahr gezeichnet hat. Das Bild zeigt die einst legendäre "Froschkneipe" von Bückgen.
"Das gibt's doch nicht", sagen sich Fred Nowak (l.) und Werner Dupka (Mitte) beim Bückgener Heimattreffen. Neugierig blicken sie auf das Aquarell von Norbert Nowotny (r.), das der Maler im vorigen Jahr gezeichnet hat. Das Bild zeigt die einst legendäre "Froschkneipe" von Bückgen. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Großräschen. Heimattreffen ziehen magisch an. So zumindest lässt sich die enorme Resonanz des 9. Heimattreffens der ehemaligen Einwohner aus Bückgen und Anna-Mathilde erklären. Ende der 1980er-Jahre schluckte der Braunkohletagebau Meuro diese Siedlungen südlich von Großräschen. Nicht jedoch die Erinnerungen der Bewohner. Uwe Hegewald / uhd1

Bevor die 150 Teilnehmer am Sonnabend mit Vorträgen, Diskussionen und Spaziergängen entlang der Nahtgrenze von Fest- und Seenland "versorgt" worden sind, kam es am Freitagabend zum ersehnten Beisammensein. Der Kurmärkersaal in Großräschen gleicht dabei einem lärmenden Klassenzimmer kurz vor Unterrichtsbeginn. Das hatte seinen Grund.

Viele Gespräche rankten sich um das ehemalige Schulgebäude und um die Erlebnisse darin. So etwa in der Runde von Hildegard Kosok (Großräschen), Christa Hahnewald (Brieske) und dem extra aus Kirchheim bei München angereisten Hans Donath. "Ich bin das vierte oder fünfte Mal dabei und habe die lange Anreise nicht ein einziges Mal bereut", so der 87-Jährige. Von 1938 bis 1948 lebte er in Bückgen, bevor es ihn nach Bayern verschlug.

Nicht alle Briefe zustellbar

Der muntere Senior zählt zu jenem Personenkreis, der stets eine persönliche Einladung zum Heimattreffen erhält. "So verfahren wir mit allen uns bekannten Personen, die weit entfernt wohnen oder mit Älteren, die sich über persönliche Einladungen besonders freuen", erklärt Brigitta Roick.

Etwas Wehmut klingt in den Worten der Mitorganisatorin und ehemaligen Lehrerin mit. "Es sind auch schon 50 unzustellbare Briefe zurückgekommen. Hierbei wissen wir leider nicht, ob die Personen verzogen oder gar verstorben sind", bedauert sie. Alle zwei Jahre werde die Namensliste aktualisiert - und die hat es in sich.

1650 Einwohner aus Bückgen mussten von 1988 bis 1990 ihre Häuser verlassen, 350 aus Großräschen-Süd (1986/1987) und 685 aus Sedlitz/Anna-Mathilde (1986/1987/Zahlen-Quelle: LMBV "Tagebau Meuro 1958 bis 1999”). Bereits 1979/1980 hatte dieses Schicksal 600 Einwohner der Siedlung Großräschen-Waldfrieden ereilt.

Begehrtes Erinnerungsbuch

Dass sich gelegentlich bereits im Foyer vom Kurmärker Menschentrauben bilden, ist dem Autorenteam zuzuschreiben, das letzte Exemplare des Bückgen-Buches "Zeitreise durch eine verschwundene Heimat" präsentiert. "Die erste Auflage mit 500 Büchern war binnen drei Wochen weg. Jetzt sind noch etwa 40 Exemplare zu haben", so Kurt Luboch, der mit Werner Dupka und Carmen Schulze das Autorenteam bildet.

Bemerkenswert: Die Schöpfer haben auch das legendäre Fotoalbum mitgebracht, das dem 2015 erschienenen Bückgen-Buch zugrunde liegt. "Peter Küchler (Schwarzbach) hatte das Album beim Entrümpeln eines Büros in Brieske entdeckt und vor dem Verschwinden bewahrt", so "Kurte" Luboch. "Hut ab vor dieser Weitsicht und vor dem Engagement der Autoren, daraus ein wertvolles Nachschlagewerk entstehen zu lassen", würdigt Wolfgang Mehnert. Der 66-Jährige ist in Süd zur Schule gegangen und von 1973 bis 1991 in der Parkstraße zur Arbeit.

Sein Interesse für historische Fotos kommt nicht von ungefähr: "Ich bin ständig auf der Suche nach Material, um daraus Videos zu entwickeln. Bei Klassentreffen kommen die immer gut an, so Wolfgang Mehnert, der das Beisammensein mit Namensvetter Werner Mehnert besuchte. Beide gingen in dieselbe Klasse der damaligen Schule 3, sind aber weder verwandt noch verschwägert. Auch zählen sie zum Festvorbereitungskomitee eines Klassentreffens im kommenden Jahr, das am Freitagnachmittag tagte und im Anschluss das Heimatreffen besuchte. "Für mich ist es das erste Mal", gesteht Werner Mehnert entschuldigend ein. 16 Jahre hatte der heute in der Gemeinde Luckaitztal Wohnende im damaligen Ledigenwohnheim gelebt - dem heutigen Seehotel. Es ist eines der wenigen Gebäude, das vor dem Abriss verschont geblieben ist.