Die Dame trägt eine silberne Armbanduhr, die sie während der Lesung auf das kleine Tischchen neben sich ablegt, so als hätte die Zeit an diesem Abend keine Bedeutung. . . Denn die Künstlerin ist in dem Theatersaal keine Unbekannte, gehört sie doch zu den unvergessenen Persönlichkeiten der Senftenberger Bühne.
In Zusammenarbeit mit der Bibliothek und der Stadt Senftenberg präsentierte die Neue Bühne kürzlich eine Lesung mit Annekathrin Bürger. Die bekannte ostdeutschen Schauspielerin las aus ihrem Buch „Der Rest, der bleibt – Erinnerungen an ein unvollkommenes Leben“. Den Fernsehzuschauern ist sie als Frederike, Waschsalon- und Kneipenchefin aus dem Leipziger „Tatort“, ein Begriff. Insgesamt spielte sie in mehr als 80 DEFA- und Fernsehfilmen mit.
Annekathrin Bürger und die Senftenberger Theaterbesucher gehen zusammen auf eine Reise in ihre Vergangenheit. Als erstes landen sie im Jahr 1961 beim Internationalen Filmfestival in Moskau. Das Publikum wird Zeuge von einem Treffen mit der roten Schleife, hinter der sich Gina Lollobrigida verbirgt, und der blauen Schleife, hinter der sich Liz Taylor versteckt. Viel Zeit bleibt nicht, sich darüber zu wundern, denn es geht weiter ins Senftenberg der Siebzigerjahre. Die Theaterbesucher begleiten Annekathrin Bürger in das Theater der Bergarbeiter, das sich heute Neue Bühne Senftenberg nennt. Es war damals noch so klein, dass manchmal auch der Verwaltungsdirektor und der Intendant mitspielten, damit alle Rollen besetzt werden konnten. Annekathrin Bürger erzählt von dem Abenteuer, eine Wohnung in Senftenberg zu finden und dem Luxus, einen Warmwasserboiler zu haben. Rückblickend meint sie: „Warmes Wasser in Senftenberg – es gibt Dinge, die gehen einfach nicht zusammen.“ Dafür erntet sie zustimmendes Gelächter aus dem Publikum, das wohl aus vielen alten Annekathrin-Bürger-Fans besteht.
Nach einer kurzen Pause geht es weiter ins Dresden der Achtzigerjahre. Dort werden die Theaterbesucher Zeugen, wie Annekathrin Bürger ihre Popularität nutzt, um den Abriss des Dresdner Regierungspalais von August dem Starken zu verhindern. Sie erleben, wie die Schauspielerin einen Brief an den „Sehr geehrten Genossen Erich Honecker“ verfasst und nicht locker lässt, bis dieser seinen Adressaten erreicht.
Die Theaterbesucher lernen Annekathrin Bürger als Menschen kennen und nicht als Schauspielerin. Sie erfahren, dass Annekathrin Bürger Sport nicht mag – Tanzen, Schaumbäder und Ausschlafen allerdings schon. Annekathrin Bürger wird aufgenommen wie eine verlorene Tochter. Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass sie mit einer Engelsgeduld und einem Lächeln auf den Lippen unzählige Autogramme schreibt und dabei für jeden ein nettes Wort findet. Die anschließende Signierstunde zeigt schnell: Im Senftenberger Publikum kennt nahezu jeder Annekathrin Bürger und so mancher hat ihr etwas erzählen.