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| 16:37 Uhr

Entlastungsbetrag für Pflegebedürftige verfällt
Warum eine Ruhlander Rentnerin keine Hilfe bekommt

 Sigrid Hennig inspiziert ihr großes Anwesen.  Die Rentnerin aus Ruhland  pflegt seit 17 Jahren aufopferungsvoll ihren Mann. Für Haus, Hof und Garten  braucht die 78-Jährige  dringend Unterstützung, findet aber keinen Anbieter, der  die Dienstleistungen mit der Pflegekasse abrechnen kann.
Sigrid Hennig inspiziert ihr großes Anwesen. Die Rentnerin aus Ruhland pflegt seit 17 Jahren aufopferungsvoll ihren Mann. Für Haus, Hof und Garten braucht die 78-Jährige dringend Unterstützung, findet aber keinen Anbieter, der die Dienstleistungen mit der Pflegekasse abrechnen kann. FOTO: Rasche Fotografie / STEFFEN RASCHE
Ruhland/Senftenberg. Verzweifelt: Eine Ruhlander Rentnerin will den Entlastungsbetrag der Pflegekasse für Unterstützungsangebote im Alltag nutzen, findet aber trotz größter Bemühungen keinen Hausmeisterdienst. Wie kann das sein? Von Andrea Budich

Abtelefoniert hat  Sigrid Hennig alle: den Pflegestützpunkt in Senftenberg, die Behindertenbeauftragte des Landkreises,  das Rote Kreuz in Ruhland, die Volkssolidarität in Schwarzeide und  Pflegedienste zwischen  Hohenbocka und Ortrand. Das Ergebnis ist ernüchternd: Die Rentnerin (78), die seit  17 Jahren ihren Mann (80) zu Hause pflegt, kann weit und breit  kein Angebot im Hauswirtschaftsbereich ausfindig machen, das ihr  hilft, ihr großes Anwesen in Ruhland in Schuss zu halten.

Die Rentnerin wählt sich von Nummer zu Nummer  durch, fragt nach und bekommt immer  die gleiche Abfuhr: Schnee räumen,  Rasen mähen, Sträucher und  Hecken  verschneiden gehören nicht zum anerkannten Leistungsspektrum. Dabei braucht die Rentnerin  dringend Unterstützung rund um Haus und Hof. Als pflegende Angehörige steht ihr genau dafür ein Entlastungsbetrag der Pflegekasse in Höhe von 125 Euro zu. Gezahlt wird das Geld  für Angebote zur Entlastung des Alltags  der Pflegenden.

So weit so gut. Wenn da nicht die große Hürde wäre, einen Anbieter  zu finden. Denn Angebote der  Unterstützung im Alltag  dürfen nicht von  jedem beliebigen Hausmeisterdienst erbracht werden, sondern müssen  vorab  vom  Landesamt für Soziales  und Versorgung anerkannt sein. Für den Landkreis sind  genau zwei Anbieter für derartige Dienstleistungen zertifziert. Das  ist  zum einen das Unternehmen „Sauber Zauber“ aus Wormlage und zum anderen „Blitzsauber“ aus Senftenberg.

Während  Sigrid Hennig die aussichtslose Suche inzwischen aufgegeben und  auf eigene Kosten  eine Ruhlander Firma mit dem Schneeschieben beauftragt hat,  kann sich  „Sauber Zauber“-Chefin Liane Wagner aus Wormlage kaum retten vor Dutzenden Anfragen von  pflegenden Angehörigen, die kreisweit bei ihr eingehen. Zwei Drittel ihrer 80 zu Hause lebenden Kunden haben mit einem Pflegegrad Anspruch auf  den Entlastungsbetrag. Die von ihr erbrachten Unterstützungsleistungen rechnet  Liane Wagner deshalb direkt mit der Pflegekasse ab. „Dazu gehören auch verschiedene Gartenarbeiten, Rasen mähen und der Hausputz“, erklärt sie.

Das vor zwei Jahren gegründete  Unternehmen  boomt. Liane Wagner  würde gern noch mehr Menschen  helfen, weil ihr der Engpass im Hauswirtschaftsbereich  im Landkreis  bekannt ist.  Ihre fünf Mitarbeiter  fahren Touren  in einem Umkreis von bis zu 25 Kilometern rund um Wormlage. „Mehr geht  derzeit nicht“, sagt die Chefin und bittet zugleich um Verständnis.

Beim Schritt in die Selbstständigkeit hatte die „Sauber Zauber“-Inhaberin  den hohen Verwaltungsaufwand nicht gescheut, damit sie von Amtswegen  anerkannt wird.  Dafür hat sie sich  extra  auf die Schulbank gesetzt, ist nach Potsdam gefahren und hat  Konzepte  geschrieben.

 „Die allermeisten Hausmeisterservice scheuen aber diesen  Anerkennungs-Wahnsinn“,  bestätigt  Carola Wolschke vom Landkreis. Wenn es nach der Behindertenbeauftragten ginge,  sollten  solche  Unterstützungsangebote, ähnlich wie in anderen Bundesländern  gehandhabt, in Brandenburg einfacher geregelt werden.  Auch für  Marita Thümmler als  Koordinatorin der Freien Wohlfahrtspflege im Kreissozialamt ist die Situation bei den  Hilfen im   Hauswirtschaftsbereich unbefriedigend. „Es gibt kreisweit viele Anbieter, die es  gern machen würden, vor den Anerkennungs-Hürden aber zurückschrecken“, sagt sie. Dass mit der Anerkennungs-Verordnung die Qualität der Dienstleistungen sichergestellt werden soll, geht für Carola Wolschke in Ordnung. „Mit der großen Bürokratie geht die Verordnung aber  am wirklichen Leben vorbei“, erklärt sie.

Das wirkliche Leben muss indes für  die 78-jährige  Sigrid Hennig weitergehen. Mit der Pflege ihres Mannes rund um die Uhr gefordert, hat sie keinen Nerv, weiter nach der Nadel im Heuhaufen zu suchen. Und damit verfällt der Entlastungsbetrag, der ihr  eigentlich Luft verschaffen soll, Monat um Monat, weil sie schlicht und ergreifend keinen  Anbieter findet, der vor ihrer Tür  zertifiziert Schnee schieben darf.