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Enteignet, gedemütigt, ermordet

Der jüdische Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach mit seiner Frau Martha im Jahr 1935. Der Senftenberger Anwalt wurde in der Pogromnacht im November 1938 bestialisch gequält und ermordet.
Der jüdische Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach mit seiner Frau Martha im Jahr 1935. Der Senftenberger Anwalt wurde in der Pogromnacht im November 1938 bestialisch gequält und ermordet. FOTO: privat
Seit über einem Jahr erforschen Senftenberger die Geschichte von Menschen, die im Nationalsozialismus aus religiösen, politischen oder anderen Gründen in der Stadt verfolgt wurden. Die Arbeitsgruppe ist als wissenschaftliches Projekt bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg angesiedelt und wird intensiv auch von der Stadt Senftenberg unterstützt. EVA KLEIN hat das Projekt maßgeblich initiiert und berichtet von den Forschungsergebnissen.

Die rassistische Ausgrenzung der Juden ab 1933, Boykottmaßnahmen, Berufsverbote und Entrechtung führten dazu, dass 1937 nur noch etwa die Hälfte der jüdischen Bevölkerung in Senftenberg wohnte. Nun zielte die nationalsozialistische Führung darauf ab, die jüdischen Bürger endgültig aus allen Bereichen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens zu verdrängen und sie aus Deutschland zu vertreiben. Vor allem aber ging es ihnen um den Raub des Vermögens der Juden, um es dem Staatshaushalt einzuverleiben oder Mitgliedern ihrer Partei zu günstigen Bedingungen zu überlassen. Die antisemitische Propaganda wurde massiv verstärkt. Im Februar 1937 erfasste man die jüdischen Bürger wieder namentlich und stellte ihren gegenwärtigen Wohnsitz fest. Am 26. April 1938 wurde die Verordnung zur Erfassung jüdischer Vermögen erlassen. Nach diesen prop agandistischen und bürokratischen Vorbereitungen für einen flächendeckenden Schlag gegen die jüdische Bevölkerung kam das Attentat eines 17-jährigen Polen auf den deutschen Botschaftssekretär vom Rath in Paris am 7. November 1938 den Nazis sehr gelegen. Den Tod des Diplomaten nahmen sie zum Anlass für das lange geplante Novemberpogrom. "Kein anderes Ereignis in der überlangen Reihe antisemitischer Verfolgung bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges hat sich derartig als Schandmal in die deutsche Geschichte eingebrannt wie das reichsweite Novemberpogrom des Jahres 1938. Die Gründe liegen in der bis dahin unvorstellbaren Brutalität, der eigenartigen Mischung aus geplantem und befohlenem Handeln und der spontanen Gewaltorgie des faschistischen Mobs."
In Senftenberg spielten sich am Morgen des 10. November bestialische Szenen ab. Die jüdischen Bürger, darunter auch Kinder, wurden aus ihren Wohnungen gezerrt und auf dem Marktplatz zusammengetrieben. Hunderte Menschen sahen zu, wie sie von SA-Schlägern und aufgeputschten Anhängern verhöhnt und grausam gequält wurden. Besonders brutal ging der nazistische Mob gegen den Rechtsanwalt Dr. Rudolf Reyersbach vor, der noch am selben Tag im Senftenberger Polizeigefängnis verstarb. Er gehörte zu den 91 Todesopfern des Novemberpogroms in Deutschland. Das Schuhgeschäft von Ludwig Marcus wurde geplündert. Jüdische Bürger wurden verhaftet. Den Kaufmann und Makler Leo Zellner soll seine Familie nicht wiedergesehen haben. Er verstarb am 16. März 1942 im KZ Sachsenhausen. Nach der Haft durfte ein Teil der jüdischen Bürger nicht in ihre Wohnungen zurückkehren, sondern musste in unzum utbaren Baracken leben, so zum Beispiel Frau Dora Singermann in der Baracke in der Forststraße.

„Sühneleistung“ gefordert
Die Synagoge in Cottbus wurde abgebrannt. Die Kosten für die Beräumung des Schutts musste die Synagogengemeinde selbst tragen, so wie die Schäden der Pogromnacht insgesamt der jüdischen Bevölkerung angelastet wurden. Sie hatten eine "Sühneleistung" von einer Milliarde Reichsmark zu zahlen, während man ihnen gleichzeitig die letzten Geschäfte und Betriebe wegnahm, das heißt "arisierte".
Am 3. Dezember 1997 standen folgende Worte der Leserin Ursula Zahn im Wochenkurier: "Ich … kann mich noch gut an die Reichskristallnacht im November 1938 erinnern, als sie den Anwalt Reyersbach und andere unter lautem Gejohle durch die Straßen jagten. Wir Verkäuferinnen gingen ans Fenster des Kaufhauses (Waldschmidt), weil wir den Krach hörten. Unsere Abteilungsleiterin sagte damals, kommt da weg und geht an die Arbeit. Da könnt ihr sowieso nichts machen."
Nach dem Pogrom verstärkten die jüdischen Bürger, die finanziell noch dazu in der Lage waren, ihre Ausreisebemühungen. So reiste der Kaufmann Nathan Klein, bis zum Herbst 1938 Inhaber des Bekleidungskaufhauses Bahnhofstraße 23, am 20. April 1939 nach Haifa aus. Sein Eigentum wurde auf der Grundlage eigens zur Ausraubung der Juden geschaffener Gesetze und Verordnungen vom Staat eingezogen und "für das Reich verwertet".
Ludwig Marcus, bis zum Herbst 1938 Inhaber des Schuhgeschäfts Bahnhofstraße 28, und seine Frau Else flohen am 29. Juli 1939 nach Shanghai/China. Shanghai galt als Zufluchtsort für "arme Leute", denn das Exil in Shanghai war auch für weniger reiche Juden erschwinglich. Wie verarmt sie infolge der nazistischen Judenpolitik vor ihrer Ausreise waren, zeigt der Brief eines Beamten der Devisenstelle Berlin, der vom Oberfinanzpräsidenten beauftragt war, ihr Umzugsgut zu prüfen: "Obwohl die Gegenstände teilweise nach 1933 angeschafft sind, sind diese durchweg wie Altbesitz anzusprechen, da dieselben sehr abgenutzt und heute fast wertlos sind. Neu angeschafft sind in letzter Zeit nur zwei Handkoffer, welche aber nur einen ganz geringen Wert haben." Die Familie Marcus musste dem Gutachter "sofort nach der Prüfung" seine "Unkosten" von 50 Reichsmark bezahlen. Die Kisten mit ihrer ärmlichen Habe wurden trotz erteilter Genehmigung nicht vom Güterbahnhof abgeschickt, sondern geplündert.
Von folgenden jüdischen Bürgern Senftenbergs wissen wir, dass sie Deutschland vor 1933 verlassen hatten:
Der Kaufmann Max Jacobowitz, Inhaber des Manufaktur- und Modewarengeschäftes am Markt 4, seine Frau Lea Elisa, seine Tochter Charlotte sowie sein Sohn Günther Stefan waren 1933 nach Haifa ausgereist. Der Rechtsanwalt Samulon, seine Frau Else sowie seine beiden Kinder waren am 30. Oktober 1938 nach Berlin gegangen, am 18. Dezember 1938 nach Holland und später in die USA emigriert.
Der Kaufmann Samuel Margulies, Inhaber des Bettengeschäfts in der Bahnhofstraße 34, (und vermutlich auch seine Frau Else) lebte seit 1913 in Deutschland, seit 1915 in Senftenberg und besaß die polnische Staatsbürgerschaft. Am 27. Oktober 1938 wurde seine Frau nach Krakau/Polen abgeschoben, als er gerade auf einer Reise war und seine Tochter Anneliese (14 Jahre alt) die Schule in Caputh bei Potsdam besuchte. Sein Sohn Felix befand sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon im Ausland. Der Familie Margulies gelang es noch, nach Argentinien zu fliehen.
Vor allem ältere Juden, die nicht aus der Stadt, die Ihnen zur Heimat geworden war, in die Fremde reisen wollten, und jene, die nicht die erforderlichen Mittel besaßen und keine Möglichkeit zur Ausreise hatten, lebten in immer größerer Angst und Armut. Ständig neue antijüdische Anordnungen, die sich mit Kriegsbeginn noch verschärften, schlossen ein normales Leben aus. Ab dem 15. September musste jeder Jude ab dem sechsten Lebensjahr einen gelben Stern sichtbar auf der Kleidung tragen.
Im Oktober 1941 begannen die Deportationen in die Vernichtungslager. Vor dem Transport wurde den Betroffenen eine Vermögenserklärung abverlangt, um ihr Eigentum zu beschlagnahmen. Oft ist diese das letzte Lebenszeichen von ihnen. Siegfried Marcus, geboren am 7. Oktober 1882 in Posen, und Dora Singermann, geboren am 30. April 1875 in Domie/Lodz, wurden am 2. April 1942 mit einem Transport von Berlin aus ins Warschauer Ghetto deportiert. Siegfried Marcus, wahrscheinlich der Bruder von Ludwig Marcus, war vor dessen Ausreise am 27. Juli 1939 in einer jüdischen Pflegestelle in Berlin untergebracht worden. Dora Singermann, getrennt lebende Ehefrau ohne Kinder, war von der Baracke in der Senftenberger Forststraße aus in ein Sammellager nach Frankfurt/Oder transportiert worden.

Getauft, trotzdem verschleppt
Meta Sachs, geboren am 16. März 1880 in Coswig, wurde am 8. April 1943 von der Gestapo "evakuiert", d.h. in ein Sammellager bei Frankfurt/Oder gebracht und am 19. April 1943 über Berlin nach Auschwitz deportiert. Sie war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Meta Sachs war im Alter von drei Monaten getauft worden und gehörte der evangelischen Kirche an. Durch die Rassengesetze der Nazis war sie wegen ihrer jüdischen Abstammung als Jude eingestuft worden.
Auch der Kaufmann und Makler Leo Zellner, geboren am 10. Oktober 1877 in Ostrowo, wurde ein Opfer des Nationalsozialismus. Er lebte mit der nicht jüdischen Hertha Röstel in ehelicher Gemeinschaft. Am 12. Februar 1926 wurde ihre gemeinsame Tochter Astrid Zellner geboren. Leo Zellner wurde während des Pogroms 1938 wahrscheinlich aufgrund des "Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom 15. September 1935, das Juden intime Beziehungen zu "reinblütigen Ariern" verbot, zu einer Haftstrafe verurteilt. Nachdem er diese abgesessen hatte, wurde er am 22. Februar 1940 in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er am 16. März 1940 verstarb. Seine Tochter Astrid befand sich bereits auf einem Transport in ein Sammellager. Sie sah blond und "arisch" aus, was einen Offizier veranlasste, ihr zu helfen. Infolgedessen wurde sie 1943 als "Mischling" anerkannt und *am p*uuml;berlebte.
Der Frisör Saul Rosenzweig, geboren am 8. Mai 1890 in Kamenez Podolsk (Ukraine), wurde am 5. Februar 1938 von der Gestapo verhaftet. Als Grund wurde seine jüdische Abstammung genannt, außerdem, dass er Mitglied der KPD und Funktionär im Arbeitersport gewesen war. Seine nicht jüdische Familie wurde schikaniert. Seiner Frau Selma wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Schließlich sah sich Selma Rosenzweig gezwungen, sich scheiden zu lassen, weil man ihr drohte, sie und ihre Tochter sonst in ein Konzentrationslager zu deportieren. Saul Rosenzweig überlebte verschiedene Gefängnisse und Lager, darunter Dachau, Buchenwald und Auschwitz, und kehrte im Juni 1945 nach Senftenberg zurück. Mit Genehmigung der Landesregierung schlossen die Rosenzweigs 1946 wieder ihre Ehe.

Anmerkungen und Literaturangaben:
- Ernst, Rainer: "Gestern sind wir hier gut angekommen", Beiträge zur jüdischen Geschichte in der Niederlausitz, Kreismuseum Finsterwalde 2005
- Dora Singermann wohnte in der Talstraße, die dem Bergbau weichen musste. Ein Stolperstein für sie wird im Zuge der Neugestaltung des Endpunkts der Calauer Straße verlegt werden.
- Nicht alle Informationen und Materialien, die wir besitzen, konnten in diesen Artikeln berücksichtigt werden. Es ist vorgesehen, eine ausführliche Broschüre zu erarbeiten.
- Für die Unterstützung der Arbeit gilt Dank der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Stadtverwaltung, dem Museum, der Neuen Bühne, Werner Forkert, Frau Reichmann, Pfarrer Manfred Schwarz, Hans-Joachim Grune aus Großräschen, Kurt Schippan aus Annahütte, Steffen Kober vom Stadtarchiv Cottbus, Günther Ketschau aus Freiberg, Käthe Ketschau aus Dresden sowie vielen Senftenberger Bürgern.

Aktion Stolpersteine
  Am vergangenen Dienstag wurden in Senftenberg und Hörlitz sechs Stolpersteine zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus verlegt. Dabei handelt es sich um goldfarbene Metallplatten, die in den Gehweg vor der letzten frei gewählten Wohnstätte des Opfes eingelassen werden.
Die Verlegung eines Stolpersteines kostet 95 Euro. Spenden können überwiesen werden an: Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg e.V.
Konto: 178 211 300
Dresdner Bank Potsdam
BLZ: 160 800 00
Stichwort: Stolpersteine Senftenberg (unbedingt angeben!)